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Vorwort
der Herausgeber
Nach
den Jahren der Vollbeschäftigung in den 60er und 70er Jahren sind
Arbeitsplätze wieder rar geworden. Das Kapital schafft Arbeit in den
Produktionsbereichen ab, dort wo die Arbeiter zu faul, selbstbewußt,
fordernd, teuer geworden sind. In den neugeschaffenen Jobs im
Dienstleistungssektor müssen die Leute für weniger Geld mehr arbeiten.
Auch die im Produktionsbereich Verbliebenen werden erhöhten
Anforderungen unterworfen. Die Arbeit wird also abgeschafft, um die
Arbeiter zum Arbeiten zu bringen. Leistung ist wieder angesagt, in West
und Ost (Perestroika). Der Kampf für die Arbeit, um Arbeitsplätze,
erlebt eine Wiedergeburt. Mit dem Argument »Arbeitsplätze!« lassen
sich alle anderen Argumente totschlagen. Es wird auch von denjenigen
benutzt, die an diesen heiligen Arbeitsplätzen ihre Gesundheit
ruinieren, ihren Stolz verlieren, ihr Leben verschwenden.
Zwischen
Kapital und Arbeiterbewegung gab es fast immer die grundsätzliche Übereinstimmung,
daß die Leute schaffen müssen. Auch bei dem Teil der Arbeiterbewegung,
der sich auf Marx beruft. In der DDR gibt es die Auszeichnung »Held der
Arbeit«. Einige Arbeiterorganisationen nennen sich »Partei der Arbeit«.
Dies tut Marx großes Unrecht. In der »Deutschen Ideologie« schreibt
er:
»... 3.
daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets
unangetastet blieb und es sich nur um eine andre Distribution dieser Tätigkeit,
um eine neue Verteilung der Arbeit an andre Personen handelte, während
die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit
richtet, die Arbeit beseitigt und die Herrschaft aller Klassen
mit den Klassen selbst aufhebt, ...« (*1)
»Während
also die entlaufenden Leibeignen nur ihre bereits vorhandenen
Existenzbedingungen frei entwickeln und zur Geltung bringen wollten und
daher in letzter Instanz nur bis zur freien Arbeit kamen, müssen die
Proletarier, um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige
Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen Gesellschaft ist, die
Arbeit, aufheben.« (*2)
Paul
Lafargue war mit Karl Marx eng befreundet. Er war nicht nur
Schwiegersohn von Marx, sondern erhielt von diesem auch seine politische
Schulung. In seinen »Persönliche Erinnerungen an Karl Marx« schreibt
er:
»Jahre
hindurch begleitete ich ihn auf seinen abendlichen Spaziergängen nach
Hampstead Heath; bei diesen Gängen durch die Wiesen erhielt ich durch
ihn meine ökonomische Erziehung. Ohne es selbst zu bemerken,
entwickelte er vor mir den Inhalt des ganzen ersten Bandes des »Kapital«,
nach und nach, in dem Maße, wie er ihn damals schrieb ... Es war,
als zerrisse ein Schleier vor meinen Augen; zum ersten Mal empfand ich
klar die Logik der Weltgeschichte und konnte die dem Anschein nach so
widerspruchsvollen Erscheinungen der Entwicklung der Gesellschaft und
der Ideen auf ihre materiellen Ursachen zurückführen. Ich war davon
wie geblendet, und jahrelang blieb mir dieser Eindruck.« (*3)
Paul
Lafargue wurde 1842 auf Kuba geboren. 1851 emigrierte die Familie nach
Frankreich. Als Student schloß er sich der revolutionären Bewegung an.
In Frankreich wurde er aus politischen Gründen vom Studium der Medizin
ausgeschlossen. In London lernte er Karl Marx kennen und begeisterte
sich für dessen Ideen. 1868 heiratete er dessen Tochter Laura. Paul
Lafargue war politischer Organisator für die Internationale
Arbeiterassoziation (1. Internationale) u.a. in Frankreich, Spanien,
Portugal. Zur Deckung des Lebensunterhalts betrieb er in London eine
Zeitlang ein Fotoatelier. 1882 zieht er nach Frankreich um. Er kommt
zwei Mal in den Knast. 1911 begeht er zusammen mit seiner Frau
Selbstmord.
Paul
Lafargue hat viele Artikel für linke Zeitungen und Zeitschriften verfaßt.
»Le droit à la paresse« (Das Recht auf Faulheit) ist am bekanntesten.
Es erschien zum ersten Mal 1880 in der Zeitschrift »L'Egalité«. 1883
wurde es als Broschüre herausgegeben und in viele Sprachen übersetzt.
Ins Deutsche übersetzte es Eduard Bernstein für den »Sozialdemokrat«.
Bernsteins
Übersetzung weicht teilweise erheblich vom Original ab. Er hat z.B.
französische Namen durch deutsche Personen ersetzt. Unsere Übersetzung
basiert auf der Lafargue'schen Broschürenversion von 1883. Wo es uns
korrekt erschien, haben wir, um uns die Arbeit zu erleichtern, die Übersetzung
Bernsteins zu Hilfe genommen.
Die
Persönlichkeiten, die Lafargue erwähnt, sind für das Verständnis des
Textes nicht unbedingt notwendig. Wir empfehlen, darüber hinweg zu
lesen. Originalanmerkungen von Lafargue befinden sich am Fuß der Seite
und sind mit * gekennzeichnet [in der Web-Ausgabe blaue Zahlen].
Eingeklammerte Zahlen kennzeichnen Anmerkungen von uns. Diese befinden
sich am Ende der Broschüre [in der Web-Ausgabe grüne Zahlen mit
Stern].
Folgende
Fremdwörter waren unvermeidlich:
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Bourgeoisie:
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Besitzbürgertum;
Kapitalistenklasse; also diejenigen, die Eigentum oder Verfügungsgewalt
an den Produktionsmitteln haben oder von ihrem Vermögen leben
(aus dem Französischen; gesprochen etwa: burschwasie)
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Proletariat:
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Arbeiterklasse;
diejenigen, die kein Eigentum an Produktionsmittel haben
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Ökonomie:
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hier:
Volkswirtschaftslehre
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Ökonom:
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hier:
Fachmann für Volkswirtschaftslehre
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Manufaktur:
|
Betriebsform
im Frühkapitalismus, in der im Gegensatz zur Fabrik alles oder überwiegend
mit Hand produziert wurde
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Paul
Lafargue, 1883
Das
Recht auf Faulheit
Widerlegung
des »Rechts auf Arbeit« von 1848
Vorwort
Im
Jahre 1849 sagte Herr Thiers als Mitglied der Kommission für den
Grundschulunterricht: »Ich will den Einfluß der Kirche umfassend
wieder herstellen, weil ich auf sie zähle in der Verbreitung jener
guten Philosophie, die den Menschen lehrt, daß er hier ist, um zu
leiden, und nicht jener anderen Philosophie, die im Gegenteil zum
Menschen sagt: »Genieße!«.« Herr Thiers drückte damit die Moral der
Bourgeoisie aus, deren brutaler Egoismus und deren engherzige Denkart
sich in ihm verkörperte. (*4))
Als
die Bourgeoisie noch gegen den von der Kirche unterstützten Adel kämpfte,
befürwortete sie freie Forschung und Atheismus, kaum aber hatte sie ihr
Ziel erreicht, so änderte sie Ton und Haltung. Und heute sehen wir sie
bemüht, ihre ökonomische und politische Herrschaft auf die Religion zu
stützen. Im 15. und 16. Jahrhundert hatte sie fröhlich die Überlieferungen
des Heidentums aufgegriffen und das Fleisch und dessen Leidenschaften,
diese Greueln in den Augen des Christentums, verherrlicht; heute
dagegen, gestopft mit Gütern und Genüssen, will sie von den Lehren
ihrer Denker, der Rabelais und Diderot, nichts mehr wissen und predigt
den Lohnarbeitern Enthaltsamkeit. Die kapitalistische Moral, eine jämmerliche
Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem
Fluch; ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse des Produzenten auf das
geringste Minimum zu drücken, seine Freude und seine Leidenschaften zu
ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, aus der man
pausenlos und gnadenlos Arbeit herausschindet.
Die
revolutionären Sozialisten müssen also den Kampf, den einst die
Philosophen und Flugblattschreiber der Bourgeoisie gekämpft haben,
wieder aufnehmen; sie müssen gegen die Moral und die Soziallehren Sturm
laufen und in den Köpfen der zur Aktion gerufenen Klasse die Vorurteile
ausrotten, welche die herrschende Klasse gesät hat; sie müssen allen
Heuchlern gegenüber verkünden, daß die Erde aufhören wird, das Tal
der Tränen für die Arbeiter zu sein, daß in der kommunistischen
Gesellschaft, die wir errichten werden »wenn es geht, friedlich, wenn
nicht, mit Gewalt«, die menschlichen Leidenschaften sich selbst überlassen
werden, da alle »von Natur aus gut sind, wir nur ihren falschen und übermäßigen
Gebrauch zu vermeiden haben« [1].
Und das wird nur durch das freie Gegenspiel der Leidenschaften und die
harmonische Entwicklung des menschlichen Körpers erreicht, denn, sagt
Dr. Beddoe, »erst wenn eine Rasse das Höchste ihrer körperlichen
Entwicklung erreicht, erreicht sie auch den höchsten Grad moralischer
Kraft und Energie«. Das war auch die Meinung des großen Naturforschers
Charles Darwin [2].
Die
Widerlegung des Rechts auf Arbeit, die ich mit einigen zusätzlichen
Anmerkungen neu herausgebe, erschien in der Wochenzeitschrift L'Egalité
von 1880.
P.L.
(Gefängnis Sainte-Pélagie, 1883.)
Ein
verderbliches Dogma
Laßt
uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb' und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein.
Lessing
Eine
seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die
kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und
Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit seit zwei
Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende
Arbeitssucht, getrieben bis zur Erschöpfung der Lebensenergie des
Einzelnen und seiner Nachkommen. Statt gegen diese geistige Verirrung
anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die
Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie
weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe,
haben sie das, was ihr Gott verworfen hat, wiederum zu Ehren zu bringen
gesucht. Ich, der ich weder Christ, noch Ökonom, noch Moralist bin, ich
appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften
ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die
schauerlichen Folgen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.
In
der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache des
geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung. Man vergleiche die
von einem menschlichen Dienerpack bedienten Vollblutpferde in den Ställen
eines Rothschild mit den schwerfälligen normannischen Gäulen, welche
das Land beackern, den Mistwagen ziehen und die Ernte einfahren. Man
betrachte den edlen Wilden, wenn ihn die Missionare des Handels und die
Vertreter in Glaubensartikeln noch nicht durch Christentum, Syphilis und
das Dogma der Arbeit verdorben haben, und dann vergleiche man mit ihm
unsere elenden Maschinensklaven. [3]
Will
man in unserem zivilisierten Europa noch eine Spur der ursprünglichen
Schönheit des Menschen finden, so muß man zu den Nationen gehen, bei
denen das wirtschaftliche Vorurteil den Haß gegen die Arbeit noch nicht
ausgerottet hat. Spanien, das -ach!- verkommt, darf sich rühmen,
weniger Fabriken zu besitzen als wir Gefängnisse und Kasernen; aber der
Künstler genießt, den kühnen, kastanienbraunen, gleich Stahl
elastischen Andalusier zu bewundern; und unser Herz schlägt höher,
wenn wir den in seinem durchlöcherten Umhang majestätisch bekleideten
Bettler einen Herzog von Orsana mit »Amigo« anreden hören. Für den
Spanier, in dem das ursprüngliche Tier noch nicht ertötet ist, ist die
Arbeit die schlimmste Sklaverei. [4]
Auch die Griechen hatten in der Zeit ihrer höchsten Blüte nur
Verachtung für die Arbeit; den Sklaven allein war es gestattet zu
arbeiten, der freie Mann kannte nur körperliche Übungen und Spiele des
Geistes. Das war die Zeit eines Aristoteles, eines Phidias, eines
Aristophanes, die Zeit, da eine Handvoll Tapferer bei Marathon die
Horden Asiens vernichtete, welches Alexander bald darauf eroberte. Die
Philosophen des Altertums lehrten die Verachtung der Arbeit, diese
Herabwürdigung des freien Menschen; die Dichter besangen die Faulheit,
diese Gabe der Götter:
»O Meliboea, Deus nobis haec otia fecit.« [5]
Christus
lehrt in der Bergpredigt die Faulheit: »Sehet die Lilien auf dem Felde,
wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht, und doch sage
ich Euch, daß Salomo in all seiner Pracht nicht herrlicher gekleidet
war.« [6]
Jehova,
der bärtige und sauertöpfische Gott, gibt seinen Verehrern das
erhabenste Beispiel idealer Faulheit: nach sechs Tagen Arbeit ruht er
auf alle Ewigkeit aus.
Welches
sind dagegen die Rassen, denen die Arbeit ein organisches Bedürfnis
ist? Die Auvergnaten (*5);
die Schotten, diese Auvergnaten der Britischen Inseln; die Galizier,
diese Auvergnaten Spaniens; die Pommern, diese Auvergnaten Deutschlands;
die Chinesen, diese Auvergnaten Asiens. Welches sind in unserer
Gesellschaft die Klassen, welche die Arbeit um der Arbeit willen lieben?
Die Kleinbauern und Kleinbürger, welche, die einen auf ihren Acker gebückt,
die anderen ihren Geschäften hingegeben, dem Maulwurf gleichen, der in
seiner Höhle herumwühlt, und sich nie aufrichtet, um mit Muße die
Natur zu betrachten.
Und
auch das Proletariat, die große Klasse, die alle Produzenten der
zivilisierten Nationen umfaßt, die Klasse, die, indem sie sich befreit,
die Menschheit von der knechtischen Arbeit befreien und aus dem
menschlichen Tier ein freies Wesen machen wird, das Proletariat hat
sich, seine Instinkte verleugnend und seine geschichtliche Aufgabe
verkennend, von dem Dogma der Arbeit verführen lassen. Hart und
schrecklich war seine Züchtigung. Alles individuelle und soziale Elend
entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit.
Der
Segen der Arbeit
Im
Jahre 1770 erschien in London eine anonyme Schrift: »An essay on trade
and commerce« (Abhandlung über Gewerbe und Handel). Sie erregte zu
ihrer Zeit ein gewisses Aufsehen. Ihr Verfasser, ein großer
Menschenfreund, erboste sich darüber, daß »der englische Manufakturpöbel
es sich in den Kopf gesetzt hat, daß ihm als Engländer durch das Recht
der Geburt das Vorrecht zukomme, freier und unabhängiger zu sein als
das Arbeitervolk in irgendeinem Land in Europa. Diese Idee kann ihren
Nutzen haben, wenn sie die Tapferkeit unserer Soldaten anspornt; aber je
weniger die Manufakturarbeiter davon haben, desto besser für sie selbst
und für den Staat. Arbeiter sollten sich nie für unabhängig von ihren
Vorgesetzten halten. Es ist außerordentlich gefährlich, Mobs in einem
kommerziellen Staat wie dem unseren, zu ermutigen, wo vielleicht sieben
Achtel der Gesamtbevölkerung Leute mit wenig oder keinem Einkommen
sind. Die Kur wird nicht vollständig sein, bis unsre industriellen
Armen sich bescheiden, sechs Tage für dieselbe Summe zu arbeiten, die
sie heute in vier Tagen verdienen.«
So
predigte man bereits hundert Jahre vor Guizot die Arbeit als einen Zügel
für die edlen menschlichen Leidenschaften.
»Je
mehr meine Völker arbeiten, um so weniger Laster wird es geben«,
schrieb Napoleon am 5. Mai 1807 aus Osterode. »Ich bin die Autorität, ...
und ich wäre geneigt zu verfügen, daß sonntags nach vollzogenem
Gottesdienst die Werkstätten wieder geöffnet werden und die Arbeiter
wieder ihrer Beschäftigung nachgehen sollen.«
Um
die Faulheit auszurotten und um den Stolz und Unabhängigkeitssinn zu
beugen, schlug der Verfasser des Essay on trade vor, die Armen in
ideale Arbeitshäuser (ideal workhouses) einzusperren, die »Häuser des
Schreckens sein müßten, in denen man 14 Stunden pro Tag in der Weise
arbeiten sollte, daß nach Abzug der Mahlzeiten volle 12 Arbeitsstunden
übrigbleiben«.
12
Arbeitsstunden pro Tag, das Ideal der Menschenfreunde und Moralisten des
18. Jahrhunderts. Wie weit sind wir über dieses Ideal hinaus! Die
modernen Werkstätten sind ideale Zuchthäuser geworden, in welche man
die Arbeitermassen einsperrt, und in denen man nicht nur die Männer,
sondern auch die Frauen und Kinder zu zwölf- und vierzehnstündiger
Zwangsarbeit verdammt! [7]
Und die Kinder der Helden der Französischen Revolution haben sich durch
die Religion der Arbeit so weit herabwürdigen lassen, daß sie 1848 das
Gesetz, welches die Arbeit in den Fabriken auf 12 Stunden täglich
beschränkte, als eine revolutionäre Errungenschaft entgegennahmen; sie
proklamierten das Recht auf Arbeit als ein revolutionäres Prinzip.
Schande über das französische Proletariat! (*6)
Nur Sklaven sind einer solchen Erniedrigung fähig. 20 Jahre
kapitalistischer Zivilisation müßte man aufwenden, um einem Griechen
der antiken Heldenzeit eine solche Entwürdigung begreiflich zu machen!
Und
wenn die Leiden der Zwangsarbeit, die Foltern des Hungers, über das
Proletariat hereingebrochen sind, zahlreicher als die Heuschrecken der
Bibel: eben das haben sie selbst heraufbeschworen.
Dieselbe
Arbeit, welche die Proletarier im Juni 1848 mit den Waffen in der Hand
forderten, haben sie ihrer Familie auferlegt; sie haben ihre Frauen,
ihre Kinder den Fabrikbaronen ausgeliefert. Mit eigener Hand haben sie
ihre häuslichen Herde zerstört, mit eigener Hand die Brüste ihrer
Frauen trocken gelegt; diese Unglücklichen haben schwangere und
stillende Frauen in die Bergwerke und Fabriken geschickt, wo sie sich
schinden und die Nerven zerrütten; sie haben mit eigener Hand das Leben
und die Kraft ihrer Kinder untergraben.
Schande
über die Proletarier! Wo sind jene Gevatterinnen hin mit frechem
Mundwerk, frischer Offenherzigkeit, dem Saufen zugeneigt, von denen
unsere alten Märchen und Erzählungen berichten? Wo sind die Übermütigen
hin, die stets herumtrippelnd, stets anbändelnd, stets singend, Leben säend,
wenn sie sich dem Genuss hingaben, ohne Schmerzen gesunde und kräftige
Kinder gebaren? Heute haben wir Frauen und Mädchen aus der Fabrik, verkümmerte
Blumen mit blassem Teint, mit Blut ohne Röte, mit krankem Magen und
erschöpften Gliedmaßen! Ein gesundes Vergnügen haben sie nie
kennengelernt und sie werden nicht lustig erzählen können, wie man sie
eroberte. Und die Kinder? 12 Stunden Arbeit für die Kinder. O Elend!
Alle Jules Simon von der Akademie der moralischen Wissenschaften, alle
jesuitischen Germinys (*7)
hätten kein den Geist der Kinder mehr verdummendes, ihr Gemüt mehr
verderbendes, ihren Körper mehr zerrüttendes Laster ersinnen können
als die Arbeit in der verpesteten Atmosphäre der kapitalistischen
Werkstätten.
Unser
Jahrhundert wird das Jahrhundert der Arbeit genannt; tatsächlich ist es
das Jahrhundert der Schmerzen, des Elends und der Verderbnis.
Und
doch haben die bürgerlichen Ökonomen und Philosophen, von dem peinlich
konfusen Auguste Comte bis zum lächerlich klaren Leroy-Beaulieu, die bürgerlichen
Schriftsteller, von dem scharlatanhaften romantischen Viktor Hugo bis
zum naiv albernen Paul de Kock, samt und sonders ekelerregende Loblieder
auf den Gott Fortschritt, den ältesten Sohn der Arbeit, angestimmt. (*8)
Hört man auf sie, so meint man, das Glück müsse auf Erden herrschen,
so sehr fühlt man schon seine Nähe. Sie durchwanderten vergangene
Jahrhunderte, durchwühlten den Staub und das Elend des Feudalismus, um
dessen Dunkelheit als Gegensatz neben die Freuden der Gegenwart zu
stellen. Wie sie uns gelangweilt haben, diese Gesättigten, diese
Zufriedenen, jüngst noch Teil der Dienerschaft der großen Herren,
heute fett besoldete Schriftlakaien der Bourgeoisie; haben sie uns nicht
gelangweilt mit dem Landmann des Schönredners La Bruyère? Nun, wir
wollen ihnen das Bild der proletarischen Genüsse im kapitalistischen
Fortschrittsjahr 1840 zeigen, wie es von Einem von ihnen geschildert
wird, dem Dr. Villermé, Mitglied des Instituts, der 1848 zu jenem Kreis
von Gelehrten gehörte (Thiers, Cousin, Passy, der Akademiker Blanqui
waren darunter), die den Massen die Plattheiten der Ökonomie und der bürgerlichen
Moral beizubringen suchten.
Es
ist das gewerblich entwickelte Elsaß, von dem der Dr. Villermé
spricht, das Elsaß der Kestner und Dollfus, dieser Blüten der
Menschenliebe und des industriellen Republikanismus. Aber bevor der
Doktor das Bild des proletarischen Elends vor uns ausbreitet, wollen wir
erst hören, wie ein elsässischer Manufakturist, Herr Th. Mieg vom
Hause Dollfuß, Mieg und Cie, die Lage des Handwerkers unter dem alten
Gewerbesystem beschreibt:
»Vor
50 Jahren (1813, als die moderne Maschinenindustrie gerade entstand),
waren in Mülhausen alle Arbeiter Kinder des Landes, sie bewohnten die
Stadt und die umliegenden Dörfer und hatten fast jeder ein Häuschen
und oft ein Stück Land.« [8]
Das
war das goldene Zeitalter des Arbeiters. Indes, damals hatte die
Industrie noch nicht die Welt mit ihren Baumwollstoffen überschwemmt
und ihre Dollfus und Koechlin noch nicht zu Millionären gemacht. Aber
25 Jahre später, als Villermé das Elsaß besuchte, hatte der moderne
Minotaurus, die kapitalistische Fabrik, bereits das Land erobert; in
seiner Gier nach menschlicher Arbeit hatte er die Arbeiter aus ihrem
Heim gerissen, um sie besser schinden, die Arbeit besser aus ihnen
herauspressen zu können. Zu tausenden liefen die Arbeiter dem Pfeifen
der Maschine nach.
»Eine
große Zahl«, sagt Villermé, »fünftausend von siebzehntausend, waren
infolge der teueren Mieten gezwungen, sich in den Nachbardörfern
einzumieten. Einige wohnten 2¼ Wegstunden von der Fabrik entfernt, in
der sie arbeiteten.«
»In
Mülhausen, in Dornach, begann die Arbeit um fünf Uhr morgens und
endete um fünf Uhr abends, Sommer wie Winter ... Man muß sie
jeden Morgen in die Stadt kommen und jeden Abend abmarschieren sehen. Es
gibt unter ihnen eine Menge bleicher, magerer Frauen, die barfüßig
durch den Schmutz laufen und wenn es regnet oder schneit, mangels eines
Regenschirms ihre Schürzen oder Unterröcke über den Kopf ziehen, um
Hals und Gesicht zu schützen; und eine noch erheblichere Zahl nicht
minder schmutziger und abgezehrter junger Kinder, in Lumpen gehüllt,
die ganz fettig sind von dem Öl, das aus den Maschinen auf sie
herabtropft, wenn sie arbeiten. Diese Kinder, welche die Undurchlässigkeit
ihrer Bekleidung besser vor dem Regen schützt, haben nicht einmal wie
die Frauen einen Korb mit Lebensmitteln für den Tag im Arm, sondern sie
tragen in der Hand oder versteckt unter ihrem Kittel oder wo sie sonst können,
das Stück Brot, das sie ernähren muß, bis sie wieder nach Hause zurückkehren.«
»So
gesellt sich für diese Unglücklichen zu der Übermüdung durch einen
übermäßig langen Arbeitstag - denn er beträgt mindestens 15 Stunden
- noch die durch die langen, oft beschwerlichen Wege. Infolgedessen
kommen sie übermüdet nach Hause und gehen morgens, noch ehe sie
ordentlich ausgeschlafen haben, fort, um pünktlich zu sein, wenn die
Fabrik geöffnet wird.«
Und
über die Quartiere, in denen diejenigen sich einpferchen mußten, die
in der Stadt wohnten:
»Ich habe in Mülhausen, in Dornach und in den umliegenden Häusern
jene elenden Zimmer gesehen, in denen zwei Familien schliefen, jede in
einem Winkel auf Stroh, welches auf dem Fußboden ausgebreitet lag und
nur durch zwei Bretter zusammengehalten wurde ... Das Elend, in
welchem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Bezirk Oberrhein leben,
ist so groß, daß während in den Familien der Fabrikanten, Kaufleute,
Werkdirektoren ungefähr 50 Prozent der Kinder das 21. Jahr erreichen,
derselbe Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnereiarbeiter
bereits vor vollendetem zweiten Jahr stirbt ...«
Über
die Arbeit in den Werkstätten fügt Villermé hinzu:
»Es ist keine Arbeit, keine Aufgabe, es ist eine Tortur, und man halst
dieselbe Kindern von 6 bis 8 Jahren auf ... Diese lange tägliche
Qual ist es hauptsächlich, welche die Arbeiter in den
Baumwollspinnereien entkräftet.«
Und
mit Bezug auf die Arbeitsdauer bemerkt Villermé, daß die Sträflinge
in den Zuchthäusern nur zehn Stunden, die Sklaven auf den Antillen nur
neun Stunden durchschnittlich arbeiteten, während in Frankreich, das
die Revolution von 1789 gemacht, das die hochtrabenden Menschenrechte
proklamiert hat, es Manufakturen gibt, wo der Arbeitstag 16 Stunden
dauert, von denen den Arbeitern 1½ Stunden Eßpausen bewilligt werden. [9]
O
jämmerliche Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie!
O grausige Geschenke ihres Götzen Fortschritt! Die Menschenfreunde
nennen diejenigen, die, um sich auf die leichte Art zu bereichern, den
Armen Arbeit geben, Wohltäter der Menschheit - es wäre besser, die
Pest zu säen, die Brunnen zu vergiften, als inmitten einer ländlichen
Bevölkerung eine Fabrik zu errichten. Führe die Fabrikarbeit ein, und
adieu Freude, Gesundheit, Freiheit - adieu alles, was das Leben schön,
was es wert macht, gelebt zu werden. [10]
Die
Ökomomen werden nicht müde, den Arbeitern zuzurufen: Arbeitet, damit
der Nationalreichtum wächst! Und doch war es einer von ihnen, Destutt
de Tracy (*9),
der sagte: »Die armen Nationen sind es, wo das Volk sich wohlbefindet;
bei den reichen Nationen ist es gewöhnlich arm.«
Und
sein Schüler Cherbuliez setzt hinzu: »Indem die Arbeiter zur Anhäufung
produktiver Kapitalien mitwirken, fördern sie selbst den Faktor, der
sie früher oder später eines Teils ihres Lohnes berauben wird.«
Aber
von ihrem eigenen Gekrächz betäubt und verwirrt, erwidern die Ökonomen:
Arbeitet, arbeitet, um eures Wohlstandes willen! Und im Namen der
christlichen Milde predigt der Pfaffe der anglikanischen Kirche,
Reverend Townsend: Arbeitet, arbeitet Tag und Nacht; indem ihr arbeitet,
vermehrt ihr eure Leiden, und euer Elend enthebt uns der Aufgabe, euch
gesetzlich zur Arbeit zu zwingen. Der gesetzliche Arbeitszwang macht »zuviel
Mühe, fordert zu viel Gewalt und erregt zuviel Aufregung; der Hunger
ist dagegen nicht nur ein friedlicher, geräuschloser, unermüdlicher
Antreiber, er bewirkt auch, als die natürlichste Veranlassung zu Arbeit
und Fleiß, die gewaltigste Anstrengung.« (*10)
Arbeitet,
arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum und
damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer
geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und elend zu sein. Das
ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion.
Dadurch,
daß die Arbeiter den trügerischen Reden der Ökonomen Glauben schenken
und Leib und Seele dem Laster Arbeit ausliefern, stürzen sie die ganze
Gesellschaft in jene industriellen Krisen der Überproduktion, die den
gesellschaflichen Organismus in Zuckungen versetzen. Dann werden wegen
Überfluß an Waren und Mangel an Abnehmern die Werke geschlossen, und
mit seiner tausendsträhnigen Geißel peitscht der Hunger die arbeitende
Bevölkerung. Betört von dem Dogma der Arbeit sehen die Proletarier
nicht ein, daß die Mehrarbeit, der sie sich in der Zeit des angeblichen
Wohlstandes unterzogen haben, die Ursache ihres jetzigen Elends ist, und
anstatt vor die Getreidespeicher zu ziehen und zu schreien: »Wir haben
Hunger, wir wollen essen! ... Allerdings haben wir keinen roten
Heller, aber wenn wir auch Habenichtse sind, wir sind es gewesen, die
das Korn eingebracht und die Trauben gelesen haben« - anstatt die
Lagerhäuser des Herrn Bonnet aus Jujurieux, Erfinder der industriellen
Klöster, zu belagern und zu rufen: »Hier, Herr Bonnet, sind eure
Zwirnerinnen, Hasplerinnen, Spinnerinnen und Weberinnen, sie zittern vor
Kälte in ihren geflickten Baumwollappen, daß es einen Stein erweichen
könnte, und doch sind sie es, welche die seidenen Roben der Mätressen
der gesamten Christenheit gesponnen und gewebt haben. Die Ärmsten
konnten bei dreizehnstündiger Arbeit nicht an ihr Äußeres denken,
jetzt sind sie ohne Arbeit und können selber Staat machen in der Seide,
die sie hergestellt haben. Seit sie ihre Milchzähne verloren, haben sie
für euch Reichtümer geschaffen und selbst dabei verzichtet; jetzt
haben sie Pause und wollen daher auch ein wenig von den Früchten ihrer
Arbeit genießen. Auf, Herr Bonnet, bringt die Seide, Herr Harmel wird
seine Musseline liefern, Herr Pouyer-Quertier seine Stoffe, Herr Pinet
seine Stiefeletten für ihre lieben, kalten und feuchten Füßchen.- Von
Kopf bis Fuß eingekleidet und ausgelassen vor Freude, wird es euch
Freude machen, sie anzuschauen. Nur keine Ausflucht - ihr seid doch
Menschenfreunde, nicht wahr, und Christen außerdem? Stellt euren
Arbeiterinnen die Vermögen zur Verfügung, die sie für euch an ihrem
eigenen Leib abgedarbt haben. Ihr seid Freunde des Handels? Fördert den
Umsatz, hier habt ihr Verbraucher wie gerufen; gebt ihnen unbegrenzten
Kredit. Ihr müßt dies ja auch gegenüber Geschäftsleuten tun, die ihr
nie gesehen habt, die euch absolut nichts geschenkt haben, nicht mal ein
Glas Wasser. Eure Arbeiterinnen werden bezahlen, wie sie es können:
Wenn sie am Fälligkeitstag gambettisieren (*11)
und ihre Unterschrift platzen lassen, werdet ihr sie für bankrott
halten, und wenn sie nichts zu pfänden haben, werdet ihr verlangen, daß
sie euch mit Gebeten bezahlen: Sie werden euch ins Paradies schicken,
besser noch als eure wohlhabenden Pfaffen.«
Statt
in den Zeiten der Krise eine Verteilung der Produkte und allgemeine
Belustigung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor Hunger die Köpfe
an den Toren der Fabriken ein. Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körper
überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: »Lieber
Herr Chagot, bester Herr Schneider, geben Sie uns doch Arbeit, es ist
nicht der Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!«- Und,
kaum imstande sich aufrechtzuerhalten, verkaufen die Elenden 12 bis 14
Stunden Arbeit um die Hälfte billiger als zur Zeit, wo sie noch Brot im
Korbe hatten. Und die Herren industriellen Menschenfreunde benutzen die
Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produzieren.
Wenn
die industriellen Krisen auf die Perioden der Überarbeit so notwendig
folgen wie die Nacht dem Tag und erzwungene Arbeitslosigkeit bei
grenzenlosem Elend nach sich ziehen, so bringen sie auch den
unerbittlichen Bankrott mit sich. Solange der Fabrikant Kredit hat, läßt
er der Arbeitswut die Zügel schießen, er pumpt und pumpt, um den
Arbeitern den Rohstoff zu liefern. Er läßt drauflosproduzieren, ohne
zu bedenken, daß der Markt überfüllt wird und daß, wenn er seine
Waren nicht verkauft, er auch seine Wechsel nicht einlösen kann. In die
Enge getrieben, fleht er den Rothschild an, wirft sich ihm zu Füßen,
bietet ihm sein Blut an, seine Ehre. »Ein klein wenig Gold würde
meinem Geschäft gut tun«, antwortet der Rothschild, »Sie haben 20 000
Paar Strümpfe auf Lager, die 20 Sous wert sind; ich nehme sie für 4
Sous.« Ist der Handel gemacht, so verkauft Rothschild zu 6 und 8 Sous
und steckt lebendige 100-Sousstücke ein, für die er keinem etwas
schuldet; der Fabrikant aber hat seinen Aufschub nur erlangt, um desto
gründlicher pleite zu gehen. Endlich tritt der allgemeine Zusammenbruch
ein und die Warenlager laufen über; da werden dann so viel Waren aus
dem Fenster herausgeworfen, daß man gar nicht begreifen kann, wie sie
zur Tür hereingekommen sind. Nach Hunderten von Millionen beziffert
sich der Wert der zerstörten Waren; im vorigen Jahrhundert verbrannte
man sie oder warf sie ins Wasser. [11]
Bevor
sie sich aber zu dieser Maßregel entschließen, durchlaufen die
Fabrikanten die Welt auf der Suche nach Absatzmärken für die angehäuften
Waren; sie verlangen von ihrer Regierung, den Kongo anzugliedern,
Tonking zu erobern, die Mauern Chinas zusammenzuschießen, nur damit sie
ihre Baumwollartikel absetzen können. In den letzten Jahrhunderten kämpften
England und Frankreich ein Duell auf Leben und Tod, wer von ihnen das
ausschließliche Vorrecht haben werde, in Amerika und Indien zu
verkaufen. Tausende junger, kräftiger Männer haben in den
Kolonialkriegen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts mit ihrem Blut das
Meer gefärbt.
Wie
an Waren, so herrscht auch Überfluß an Kapitalien. Die Finanziers
wissen nicht mehr, wo dieselben unterbringen; so machen sie sich dann
auf, bei jenen glücklichen Völkern, die sich noch Zigaretten rauchend
in der Sonne räkeln, Eisenbahnen zu bauen, Fabriken zu errichten und
den Fluch der Arbeit zu importieren. Und dieser französische
Kapitalexport endet eines schönen Tages mit diplomatischen
Verwicklungen: in Ägypten wären sich Frankreich, England und
Deutschland beinahe in die Haare geraten, um sich zu vergewissern,
wessen Wucherer zuerst bezahlt werden, und mit Kriegen wie in Mexiko, wo
man französische Soldaten hinschickte, die Rolle von
Gerichtsvollziehern zur Eintreibung fauler Schulden zu spielen. [12]
Diese
persönlichen und gesellschaftlichen Leiden, so groß und unzählbar sie
auch sind, so ewig sie auch erscheinen mögen, werden verschwinden wie
die Hyänen und die Schakale beim Herannahen des Löwen, sobald das
Proletariat sagen wird: »Ich will es«. Aber damit ihm seine Kraft bewußt
wird, muß das Proletariat die Vorurteile der christlichen, ökonomischen
und liberalistischen Moral mit Füßen treten; es muß zu seinen natürlichen
Instinkten zurückkehren, muß die Faulheitsrechte ausrufen, die
tausendfach edler und heiliger sind als die schwindsüchtigen
Menschenrechte, die von den übersinnlichen Anwälten der bürgerlichen
Revolution wiedergekäut werden; es muß sich zwingen, nicht mehr als
drei Stunden täglich zu arbeiten, um den Rest des Tages und der Nacht müßig
zu gehen und flott zu leben.
Bis
hierher war meine Aufgabe leicht; ich hatte nur wirkliche, uns allen
leider nur zu bekannte Übel zu schildern. Aber das Proletariat zu überzeugen,
daß die zügellose Arbeit, der es sich seit Beginn des Jahrhunderts
ergeben hat, die schrecklichste Geißel ist, welche je die Menschheit
getroffen, daß die Arbeit erst dann eine Würze der Vergnügungen der
Faulheit, eine dem menschlichen Körper nützliche Leidenschaft sein
wird, wenn sie weise geregelt und auf ein Maximum von drei Stunden täglich
beschränkt wird - das ist eine Aufgabe, die meine Kräfte übersteigt.
Nur Ärzte, Fachleute für Gesundheitsvorsorge und kommunistische Ökonomen
können sie unternehmen. In den nachfolgenden Seiten werde ich mich auf
den Nachweis beschränken, daß angesichts der modernen
Produktionsmittel und ihrer unbegrenzten Vervielfältigungsmöglichkeiten
die übertriebene Leidenschaft der Arbeiter für die Arbeit gebändigt
und es ihnen zur Pflicht gemacht werden muß, die Waren, die sie
produzieren, auch zu verbrauchen.
Was
der Überproduktion folgt
Ein
griechischer Dichter aus der Zeit Ciceros, Antipatros, besang die
Erfindung der Wassermühle (zum Mahlen des Getreides) als Befreierin der
Sklavinnen und Errichterin des goldenen Zeitalters:
»Schonet
der mahlenden Hand, o Müllerinnen, und schlafet sanft! Es verkündet
der Hahn euch den Morgen umsonst! Däo hat die Arbeit der Mädchen den
Nymphen befohlen, und jetzt hüpfen sie leicht über die Räder dahin,
daß die erschütterten Achsen mit ihren Speichen sich wälzen, und im
Kreise die Last drehen des wälzenden Steins. Laßt uns leben das Leben
der Väter, und laßt uns der Gaben arbeitslos uns freun, welche die Göttin
uns schenkt.« (*12)
Ach!
Die Zeit der Muße, die der heidnische Dichter verkündete, ist nicht
gekommen; die blinde, perverse und mörderische Arbeitssucht hat die
Maschine aus einem Befreiungsinstrument in ein Instrument zur Knechtung
freier Menschen umgewandelt: die Produktionskraft der Maschine verarmt
die Menschen.
Eine
gute Arbeiterin verfertigt auf dem Handklöppel gerade fünf Maschen in
der Minute; gewisse Klöppelmaschinen fertigen in derselben Zeit dreißigtausend.
Jede Minute der Maschine ist somit gleich hundert Arbeitsstunden der
Arbeiterin, oder vielmehr, jede Minute Maschinenarbeit ermöglicht der
Arbeiterin zehn Tage Ruhe. Was für die Spitzenindustrie gilt, gilt mehr
oder weniger für alle durch die moderne Mechanik umgestalteten
Industrien. Was sehen wir aber? Je mehr sich die Maschine vervollkommnet
und mit beständig wachsender Schnelligkeit und Präzision die
menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter noch seine
Anstrengungen, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren, als wollte
er mit den Maschinen wetteifern. O törichte und mörderische
Konkurrenz!
Um
der Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine freie Bahn zu verschaffen,
haben die Proletarier die weisen Gesetze, welche die Arbeit der
Handwerker der alten Zünfte beschränkten, abgeschafft, die Feiertage
unterdrückt. [13]
Denkt ihr, daß die Arbeiter, als sie damals von sieben Tagen nur fünf
arbeiteten, nur von Luft und frischem Wasser gelebt hätten, wie die
verlogenen Ökonomen uns vorerzählen? So ein Quatsch! Sie hatten Mußezeit,
um die irdischen Freuden zu kosten, um zu lieben und zu scherzen, um
vergnügt zu Ehren des lustigen Gottes des Müßiggangs Tafel zu halten.
Das grämliche, im Protestantismus verheuchelte England hieß damals das
»fröhliche England« (Merry England). Rabelais, Quevado, Cervantès,
die unbekannten Verfasser der Schelmenromane lassen uns das Wasser im
Mund zusammenlaufen mit ihren Schilderungen jener monumentalen
Schlemmereien [14],
die man sich damals zwischen zwei Schlachten und zwei Verheerungen
schmecken ließ und bei denen »an nichts gespart wurde«. Jordaens und
die niederländische Schule haben sie uns auf ihren lebenslustigen Gemälden
dargestellt. Erhabene Riesenmägen, was ist aus euch geworden? Erhabene
Geister, die ihr das ganze menschliche Denken umfaßtet, wo seid ihr
hin? Wir sind durch und durch verzwergt und entartet. Die Entbehrungen,
die Kartoffel, gefärbter Wein und der preußische Schnaps haben in
raffinierter Verbindung mit Zwangsarbeit unsere Körper erschlafft und
unseren Geist verkleinert. Und während der Mensch seinen Magen
zusammenschnürt und die Produktivität der Maschine wächst, wollen uns
die Ökonomen die Malthussche Theorie (*13),
die Religion der Enthaltsamkeit und das Dogma der Arbeit predigen? Man
sollte ihnen lieber die Zunge ausreißen und den Hunden zum Fraß
vorwerfen.
Da
jedoch die Arbeiterklasse in ihrer Einfalt sich den Kopf hat verdrehen
lassen und sich mit ihrem kindlichen Ungestüm blindlings in Arbeit und
Enthaltsamkeit gestürzt hat, so sieht sich die Kapitalistenklasse zu
erzwungener Faulheit und Üppigkeit, zur Unproduktivität und Überkonsum
verurteilt. Und wenn die Überarbeit des Proletariers seinen Körper
abrackert und seine Nerven zerrüttet, so bringt sie dem Bourgeois nicht
weniger Leiden.
Die
Enthaltsamkeit, zu welcher sich die produktive Klasse hat verurteilen
lassen, macht es der Bourgeoisie zur Pflicht, sich der Überkonsumtion
der zuviel verfertigten Produkte zu widmen. Zu Anfang der
kapitalistischen Produktion, vor ein oder zwei Jahrhunderten, war der
Bourgeois noch ein ordentlicher Mann mit vernünftigen und friedlichen
Sitten: er begnügte sich mit einer Frau, wenigstens beinahe, er trank
nur, wenn er Durst, und aß nur, wenn er Hunger hatte. Er überließ den
Höflingen und Hofdamen die adligen Tugenden der Ausschweifung. Heute
gibt es keinen Sohn eines Emporkömmlings, der nicht glaubt, er müsse
die Prostitution fördern und seinen Körper verquecksilbern, um der
Schufterei, der sich die Arbeiter in den Quecksilberminen aussetzen,
einen Sinn zu geben. (*14)
Es gibt keinen Bourgeois, der sich nicht mit Trüffelkapaunen und mit
herangeschafftem edlen Wein vollstopft, um die Geflügelzüchter von La
Flèche und die Winzer des Bordelais zu fördern. Bei diesem Geschäft
geht der Körper schnell zugrunde, die Haare fallen aus, das Zahnfleisch
geht zurück, der Rumpf deformiert, der Bauch schwillt an, die Brust
wird asthmatisch, die Bewegungen werden schwerfälliger, die Gelenke
steif, die Glieder gichtig. Andere, die zu schwach sind, um die
Anstrengung der Ausschweifung zu ertragen, aber mit der Neigung zu
Klugscheißerei ausgestattet, dörren ihr Gehirn aus, wie die Garnier
von der politischen Ökonomie oder die Acollas von der juristischen
Philosophie, und hecken dickbändige, schlafsuchterregende Bücher aus,
um die Mußestunden von Schriftsetzern und Buchdruckern auszufüllen.
Die
Frauen von Welt führen ein Märtyrerleben. Um die feenhaften
Garderoben, bei deren Herstellung sich die Schneiderinnen zugrunde
richten, zu probieren und zur Geltung zu bringen, schlüpfen sie von
morgens bis abends von einer Robe in die andere; stundenlang liefern sie
ihren hohlen Kopf Haarkünstlern aus, die um jeden Preis ihre
Leidenschaft für die Aufschichtung falscher Haare befriedigen wollen.
Eingeschnürt in Korsetts, die Füße in engen Stiefeletten, den Busen
entblößt, daß ein Pionier darüber rot werden könnte, drehen sie
sich die ganze Nacht hindurch auf ihren Wohltätigkeitsbällen, um
einige Sous für die Armen zusammenzubringen. O ihr Heiligen!
Um
ihrer doppelten gesellschaftlichen Funktion als Nichtproduzent und Überkonsument
nachzukommen, mußte die Bourgeoisie nicht nur ihren bescheidenen Bedürfnissen
Zwang antun, sich die ihr seit zwei Jahrhunderten zur Gewohnheit
gewordene Arbeitsamkeit abgewöhnen und sich einem zügellosen Luxus,
dem Sich-vollstopfen mit Trüffeln, sowie syphilitischen Ausschweifungen
ergeben, sie mußte auch eine enorme Masse Menschen der produktiven
Arbeit entziehen, um sich Mitesser zu verschaffen.
Einige
Zahlen mögen beweisen, wie kollosal dieses Brachlegen von produktiven
Kräften ist. Nach der Volkszählung von 1861 zählte die Gesamtbevölkerung
von England und Wales 20 066 244 Personen, 9 776 259
männlich und 10 289 965 weiblich. Zieht man hiervon ab, was
zu alt oder zu jung zur Arbeit, die Frauen, unproduktive Jugendliche und
Kinder, dann die ideologischen Berufe, wie Regierung, Polizei, Kirche,
Stadtverwaltung, Armee, Prostituierte, Künstler, Wissenschaftler etc.,
ferner alle, deren ausschließliches Geschäft der Verzehr fremder
Arbeit in der Form von Grundrente, Zinsen, Dividenden etc., so bleiben
in runder Zahl acht Millionen beiderlei Geschlechts und der
verschiedenen Altersstufen, mit Einschluß sämtlicher in der
Produktion, dem Handel, der Finanz etc. tätigen Kapitalisten. Von
diesen acht Millionen kommen auf:
|
Ackerbauarbeiter
(mit Einschluß der Hirten und bei Pächtern
wohnenden Ackersknechte und Mägde)
|
1 098 261
|
|
Arbeiter
in Baumwoll-, Woll-, Flachs-,
Hanf-, Seidefabriken und in Strickereien
|
642 607
|
|
Arbeiter in Kohlen- und Metallbergwerken
|
565 835
|
|
Arbeiter in Metallwerken (Hochöfen, Walzwerke etc.)
|
396 998
|
|
Dienende Klasse
|
1 208 648
|
»Rechnen
wir die Beschäftigten in allen Textilfabriken zusammen mit denen der
Kohlen- und Metallbergwerke, so erhalten wir 1 208 442;
rechnen wir sie zusammen mit dem Personal aller Metallwerke und
Manufakturen, so ist die Gesamtzahl 1 039 605, beidemal
kleiner als die Zahl der modernen Haussklaven. Welch erhebendes Resultat
der kapitalistisch angewandten Maschinerie!« [15]
Zu
dieser ganzen dienenden Klasse, deren Zahl den Entwicklungsgrad der
kapitalistischen Zivilisation widergibt, müssen wir die zahlreiche
Klasse der Unglücklichen hinzurechnen, die sich ausschließlich der
Befriedigung der kostspieligen und belanglosen Bedürfnisse der reichen
Klassen widmen: Diamantschleifer, Spitzenarbeiterinnen,
Luxusstickerinnen, Galanteriearbeiter, Modeschneider, Ausstatter der
Lusthäuser etc. [16]
Einmal
in der absoluten Faulheit versunken und von dem erzwungenen Genuß
demoralisiert, gewöhnte sich die Bourgeoisie trotz der Übel, welche
ihr daraus erwachsen, bald an das neues Leben. Mit Schrecken sah sie
jeder Änderung der Dinge entgegen. Angesichts der jammervollen
Lebensweise, der sich die Arbeiterklasse resigniert unterwarf, und der
organischen Verkümmerung, welche die unnatürliche Arbeitssucht zur
Folge hat, steigert sich noch ihr Widerwille gegen jede Auferlegung von
Arbeitsleistungen und gegen jede Einschränkung ihrer Genüsse.
Und
just zu dieser Zeit setzten es sich die Proletarier, ohne der
Demoralisierung, welche sich die Bourgeoisie als eine gesellschaftliche
Pflicht auferlegt hatte, im geringsten zu achten, in den Kopf, die
Kapitalisten zwangsweise zur Arbeit anzuhalten. In ihrer Einfalt nahmen
sie die Theorien der Ökonomen und Moralisten über die Arbeit ernst und
schickten sich an, die Praxis derselben den Kapitalisten zur Pflicht zu
machen. Das Proletariat proklamierte die Parole: »Wer nicht arbeitet,
soll auch nicht essen.« Im Jahre 1831 erhob sich Lyon für »Blei oder
Arbeit«; die Juni-Insurgenten von 1848 forderten das Recht auf Arbeit;
und die Förderierten vom März bezeichneten ihren Aufstand als die
Revolution der Arbeit.
Auf
diese Ausbrüche barbarischer Wut auf bürgerliches Wohlleben und bürgerliche
Faulheit konnten die Kapitalisten nur mit gewaltsamer Unterdrückung
antworten; aber wenn sie auch diese revolutionären Ausbrüche zu
unterdrücken vermochten, so wissen sie doch, daß selbst in dem Meere
des vergossenen Blutes die absurde Idee des Proletariats, den Müßiggängern
und Satten Arbeit aufzuerlegen, nicht ertränkt worden ist; und nur um
dieses Unheil abzuwenden, umgeben sie sich mit Polizisten, Behörden und
Kerkermeistern, die in einer mühseligen Unproduktivität erhalten
werden. Heute kann niemand mehr über den Charakter der modernen Heere
im unklaren sein; sie werden nur deshalb auf Dauer aufrechterhalten, um
den »inneren Feind« niederzuhalten. So sind die Festungen von Paris
und Lyon nicht gebaut worden, um die Stadt nach außen zu verteidigen,
sondern um Revolten zu unterdrücken. Ein Beispiel, gegen das es keinen
Widerspruch gibt, ist Belgien, dieses Schlaraffenland des Kapitalismus.
Seine Neutralität ist von den europäischen Mächten verbürgt, und
trotzdem ist seine Armee, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl, eine der
stärksten. Die glorreichen Schlachtfelder der tapferen belgischen Armee
aber sind die Ebenen des Borinage und von Charleroi; in dem Blute von
unbewaffneten Bergleuten und Arbeitern pflegt der belgische Offizier
seinen Degen zu taufen und Abzeichen zu sammeln. Die europäischen
Nationen haben keine Volks-, sondern Söldnerarmeen zum Schutze der
Kapitalisten gegen die Wut des Volkes, das diese zu zehnstündiger
Gruben- und Fabrikarbeit verdammen will.
Die
Arbeiterklasse hat, indem sie sich den Bauch zusammenschnürt, den Bauch
der Bourgeoisie über alles Maß entwickelt, sie zu Überkonsum
verdammt.
Um
sich diese mühselige Arbeit zu erleichtern, hat die Bourgeoisie eine
Masse Leute von der Arbeiterklasse abgezogen und sie, die bedeutend höherstehend
sind als jene, die in der nützlichen Produktion verblieben, ihrerseits
zu Unproduktivität und Überkonsum verdammt. Aber so groß dieses Heer
von unnützen Mäulern, so unersättlich seine Gefräßigkeit auch ist,
es reicht immer noch nicht, um alle Waren zu konsumieren, welche die
durch das Dogma von der Arbeit verdummten Arbeiter wie Besessene
erzeugen, ohne sie konsumieren zu wollen, ohne sich darum zu kümmern,
ob sich überhaupt Leute finden, die sie konsumieren.
Und
so besteht, angesichts der doppelten Verrücktheit der Arbeiter, sich
durch Überarbeit umzubringen und in Entbehrungen dahinzuvegetieren, das
große Problem der kapitalistischen Produktion nicht darin, Produzenten
zu finden und ihre Kräfte zu verzehnfachen, sondern Konsumenten zu
entdecken, ihren Appetit zu reizen und bei ihnen künstliche Bedürfnisse
zu wecken.
Und
da die europäischen Arbeiter, vor Hunger und Kälte zitternd, sich
weigern, die Stoffe, die sie weben, zu tragen, den Wein, den sie ernten,
zu trinken, so sehen sich die armen Fabrikanten genötigt, wie Wiesel in
ferne Länder zu laufen und dort Leute zu suchen, die sie tragen und
trinken. Hunderte von Millionen und Milliarden sind es, welche Europa jährlich
nach allen vier Enden der Welt zu Völkern exportiert, die nicht wissen,
was sie damit anfangen sollen. [17]
Die erforschten Erdteile sind ihnen nicht groß genug, daher brauchen
sie jungfräuliches Land. Die Fabrikanten Europas träumen Tag und Nacht
von Afrika, von der Sahara, von der Sudanbahn; mit angestrengter
Aufmerksamkeit folgen sie dem Vordringen der Livingstone, der Stanley,
der Du Chaillu, der de Brazza; offenen Mundes lauschen sie den
wunderverheißenden Erzählungen dieser mutigen Reisenden. Welch
unbekannte Wunder verbirgt nicht dieser »schwarze Kontinent«! Ganze
Felder sind mit Elefantenzähnen besät, Flüsse von Kokosöl tragen
Goldsand dahin, Millionen von schwarzen Hintern, nackt wie der Schädel
von Dufaure oder Girardin, warten auf europäische Baumwolle, um Anstand
zu erlernen, auf Schnapsflaschen und Bibeln, um die Tugenden der
Zivilisation kennenzulernen.
Aber
alles das reicht nicht: die Bourgeois, die sich fettfressen, die
Dienstbotenklasse, die zahlreicher ist als die produktive Klasse, fremde
und barbarische Völker, die man mit europäischen Waren vollstopft -
nichts, nichts vermag die Berge der Produktion zu erschöpfen, die sich
höher und gewaltiger als die Pyramiden Ägyptens auftürmen: die
Produktivität der europäischen Arbeiter trotzt allem Konsum, aller
Verschleuderung. Die Fabrikanten wissen in ihrer Verwirrung nicht mehr,
wo den Kopf lassen, sie können nicht Rohstoffe genug auftreiben, um die
unmäßige, kaputte Leidenschaft ihrer Arbeiter für die Arbeit zu
befriedigen. In unseren Wollfabriken wird aus schmutzigen und
halbverfaulten Lumpen ein Tuch hergestellt, das Renaissance
genannt wird und so lange hält wie Wahlversprechen. Anstatt der
Seidenfaser ihre Einfachheit und natürliche Geschmeidigkeit zu lassen,
überläd man sie in Lyon mit Mineralsalzen, die ihr Gewicht geben, sie
aber brüchig und wenig brauchbar macht. Alle unsere Produkte sind verfälscht,
um ihren Absatz zu erleichtern und ihre Haltbarkeit zu verkürzen.
Unsere Epoche sollte das Zeitalter der Fälschung genannt werden, wie
die ersten Epochen der Menschheit die Namen Steinzeit, Bronzezeit nach
dem Charakter ihrer Produktion erhielten. Dummköpfe beschuldigen unsere
frommen Fabrikanten des Betrugs, während sie in Wahrheit nur der
Gedanke beseelt, den Arbeitern, die sich nicht in ein Leben mit verschränkten
Armen fügen können, Arbeit zu geben. Diese Fälschungen, die einzig
und allein menschlichen Rücksichten entspringen, jedoch den
Fabrikanten, die sie praktizieren, famose Profite eintragen, sind zwar für
die Qualität der Waren von verderblichster Wirkung, sind zwar eine
unerschöpfliche Quelle von Vergeudung menschlicher Arbeit, aber sie
kennzeichnen doch die geniale Menschenliebe der Bourgeois und die
schreckliche Perversität der Arbeiter, die, um ihre lasterhafte
Arbeitssucht zu befriedigen, die Herren Industriellen veranlassen, die
Stimme ihres Gewissens zu ersticken und sogar die Regeln der kaufmännischen
Ehrbarkeit zu verletzen.
Und
doch, trotz aller Überproduktion, trotz Warenfälschung überfüllen
die Arbeiter in unzählbarer Menge den Markt und rufen flehendlich:
Arbeit! Arbeit! Ihre Überzahl müßte sie veranlassen, ihre
Leidenschaft zu zügeln - statt dessen treibt sie sie zur Raserei. Wo
sich nur Aussicht auf Arbeit bietet, darauf stürzen sie sich; sie
verlangen 12, 14 Stunden, um sich richtig ausleben zu können; und tags
darauf liegen sie wieder auf dem Pflaster und wissen nicht, wie ihr
Laster befriedigen. Jahr für Jahr treten in allen Industrien mit der
Regelmäßigkeit der Jahreszeiten Stockungen ein; auf die für den Körper
mörderische Überarbeit folgt für ein bis zwei Monate absolute Ruhe,
und - keine Arbeit, kein Bissen. Wenn nun das Arbeitslaster im Herzen
der Arbeiter teuflisch eingewurzelt ist, wenn es alle anderen natürlichen
Instinkte erstickt, und wenn andererseits die von der Gesellschaft
erforderte Arbeitsmenge notwendigerweise durch den Konsum und die Menge
des Rohmaterials begrenzt ist, warum in sechs Monaten die Arbeit des
ganzen Jahres verschlingen? Warum sie nicht lieber gleichmäßig auf die
zwölf Monate verteilen, und jeden Arbeiter zwingen, sich das Jahr über
täglich mit sechs oder fünf Stunden zu begnügen, anstatt sich während
sechs Monaten mit täglich 12 Stunden den Magen zu verderben? Wenn ihnen
ihr täglicher Arbeitsanteil gesichert ist, werden die Arbeiter nicht
mehr miteinander eifersüchteln, sich nicht mehr die Arbeit aus der Hand
und das Brot vom Mund wegreißen; dann werden sie, nicht mehr an Leib
und Seele erschöpft, anfangen, die Tugenden der Faulheit zu üben.
Was
die Arbeiter, verdummt durch ihr Laster, nicht einsehen wollen: man muß,
um Arbeit für alle zu haben, sie rationieren wie Wasser auf einem
Schiff in Not. Das haben sogar Industrielle im Interesse der
kapitalistischen Ausbeutung selbst verlangt: eine gesetzliche Einschränkung
der Arbeitszeit. Im Jahre 1860 erklärte einer der größten Fabrikanten
des Elsaß Herr Bourcart aus Gebweiler vor der gewerblichen
Unterrichtskommision, daß »die Arbeit von 12 Stunden übermäßig ist
und auf elf Stunden reduziert werden, daß sonnabends die Arbeit um zwei
Uhr aufhören sollte. Ich empfehle diese Maßregel, obwohl sie auf den
ersten Blick zu teuer scheint, wir haben sie in unseren Fabriken seit
vier Jahren versucht und stehen uns gut dabei; die
Durchschnittsproduktion ist gestiegen, anstatt zu fallen.«
In
seiner Studie Die Maschinen zitiert Herr F. Passy folgenden Brief
eines belgischen Großindustriellen, eines Herrn Ottevaere:
»Obwohl unsere Maschinen dieselben sind wie die der englischen
Spinnereien, produzieren sie doch nicht so viel wie sie sollten, und wie
dieselben Maschinen in England produzieren, trotzdem dort täglich zwei
Stunden weniger gearbeitet wird ... Wir arbeiten zwei volle Stunden
zuviel; ich bin überzeugt, daß wenn wir statt 13 Stunden nur elf
arbeiteten, wir ebenso viel und infolgedessen wirtschaftlicher
produzieren würden.«
Aus
anderer Quelle bestätigt Herr Leroy-Beaulieu, daß ein großer
belgischer Manufakturist die Beobachtung gemacht hat, daß die Wochen,
in welche ein Feiertag fällt, keine geringere Produktion aufweisen als
die gewöhnlichen Wochen.« [18]
Was
das durch die Moralisten versimpelte Volk nicht gewagt hat, hat eine
aristokratische Regierung gewagt. Unbekümmert um die hochmoralischen
und wirtschaftlichen Einwände der Ökonomen, die wie Unglücksraben krächzten,
daß die Fabrikarbeit um eine Stunde herabsetzen den Ruin der englischen
Industrie herbeiführen hieße, hat die englische Regierung die zehnstündige
Arbeitszeit gesetzlich eingeführt und streng überwacht; und nach wie
vor ist England das erste Industrieland der Welt.
Die
große Erfahrung Englands liegt vor, die Erfahrung einiger intelligenter
Kapitalisten liegt vor: sie beweisen unwiderlegbar, daß, um die
menschliche Produktion zu steigern, man die Arbeitszeit herabsetzen und
die Zahl der bezahlten Feiertage vermehren muß, und das französische
Volk sieht es immer noch nicht ein. Aber wenn eine jämmerliche Verkürzung
um zwei Stunden die englische Produktion um ein Drittel in zehn Jahren
erhöht hat [19],
welchen schwindelerregenden Vormarsch würde eine gesetzliche
Verringerung des Arbeitstages auf drei Stunden für die französische
Produktion bedeuten? Können die Arbeiter denn nicht begreifen, daß
dadurch, daß sie sich mit Arbeit überbürden, sie ihre und ihrer
Nachkommenschaft Kräfte erschöpfen, daß sie, abgenutzt, vorzeitig
arbeitsunfähig werden, daß sie, aufgesogen und abgestumpft von einem
einzigen Laster, nicht mehr Mensch sind, sondern menschliche Wracks, daß
sie alle schönen Anlagen in sich abtöten, nur der rasenden
Arbeitssucht zuliebe?
Ach,
wie Papageien plappern sie die Lektionen der Ökonomen nach: »Arbeiten
wir, arbeiten wir, um den Nationalreichtum zu vermehren!« O ihr
Idioten! Eben weil ihr zuviel arbeitet, entwickelt sich die industrielle
Technik zu langsam. Laßt euer Geschrei und hört einen Ökonomen - es
ist kein großes Licht, es ist nur Herr L. Reybaud, den wir glücklicherweise
vor einigen Monaten verloren haben:
»Im
Allgemeinen richtet sich die Revolution in den Arbeitsmethoden nach den
Bedingungen der Arbeitskräfte. Solange die Arbeitskräfte ihre Dienste
billig anbieten, wendet man sie im Übermaße an; werden sie teurer, so
sucht man sie zu sparen.« [20]
Um
die Kapitalisten zu zwingen, ihre Maschinen aus Holz und Eisen zu
vervollkommnen, muß man die Löhne der Maschinen aus Fleisch und Blut
erhöhen und die Arbeitszeit derselben verringern. Beweise dafür? Man
kann sie zu hunderten erbringen. In der Spinnerei wurde die automatische
Spinnmaschine (selfacting mule) in Manchester erfunden und angewendet,
weil die Spinner sich weigerten, solange zu arbeiten wie früher.
In
Amerika bemächtigt sich die Maschine aller Zweige der Agrarproduktion,
von der Butterfabrikation bis zum Getreidejäten. Warum? Weil die
Amerikaner, frei und faul, lieber tausend Tode sterben möchten, als das
Viehleben eines französischen Bauern zu führen. Die im glorreichen
Frankreich so mühsame, mit so vielem Bücken verbundene Landarbeit ist
im Westen Amerikas ein angenehmer Zeitvertreib in freier Luft, den man
sitzend genießt und dabei gemächlich seine Pfeife raucht.
Ein
neues Lied, ein besseres Lied
Wenn
die Verkürzung der Arbeitszeit der gesellschaftlichen Produktion neue
mechanische Kräfte zuführt, so wird die Verpflichtung der Arbeiter,
ihre Produkte auch zu verzehren, eine enorme Vermehrung der Arbeitskräfte
zur Folge haben. Die von ihrer Aufgabe, Allerweltsverbraucher zu sein,
erlöste Bourgeoisie wird nämlich schleunigst die Menge von Soldaten,
Beamten, Dienern, Kupplern usw., die sie der nützlichen Arbeit entzogen
hatte, freigeben. Infolgedessen wird der Arbeitsmarkt so überfüllt
sein, daß man ein eisernes Gesetz haben muß, das die Arbeit verbietet;
es wird unmöglich sein, für diesen Schwarm bisher unproduktiver
Menschen Verwendung zu finden, denn sie sind zahlreicher als die
Heuschrecken. Dann wird man an die denken, die für den kostspieligen
und nichtsnutzigen Bedarf dieser Leute aufzukommen hatten. Wenn keine
Lakaien und Generäle mehr geschmückt, keine verheirateten oder
unverheirateten Prostituierten mehr in Spitzen gehüllt, keine Kanonen
mehr gegossen und keine Paläste mehr eingerichtet werden müssen, dann
wird man mittels drakonischer Gesetze die Schnick-Schnack-, Spitzen-,
Eisen-, Bau- Arbeiter und -Arbeiterinnen zu gesundem Wassersport und
Tanzübungen anhalten, um ihr Wohlbefinden wieder herzustellen und die
menschliche Art zu verbessern. Von dem Augenblick an, wo die europäischen
Produkte am Ort verbraucht und nicht mehr zum Teufel geschickt werden,
werden auch die Seeleute, die Verladearbeiter und die Fahrer anfangen, Däumchen
drehen zu lernen. Dann werden die glücklichen Südseeinsulaner sich der
freien Liebe hingeben können, ohne die Fußtritte der zivilisierten Ankömmlinge
und die Predigten der europäischen Moral zu fürchten.
Noch
mehr. Um für alle Nichtsnutze der heutigen Gesellschaft Arbeit zu
finden, und die immer weitere Vervollkommnung der Arbeitsmittel zu fördern,
wird die Arbeiterklasse ihrem Hang zur Enthaltsamkeit, gleich der
Bourgeoisie, Gewalt antun und ihre Konsumfähigkeit unbegrenzt steigern
müssen. Anstatt täglich ein oder zwei Unzen zähes Fleisch zu essen,
wenn sie überhaupt welches ißt, wird sie saftige Beefsteaks von ein
oder zwei Pfund essen; statt katholischer als der Papst bescheiden einen
schlechten Wein zu trinken, wird sie aus großen, randvollen Gläsern
Bordeaux und Burgunder trinken, der keiner industriellen Taufe
unterzogen ist, und das Wasser dem Vieh überlassen.
Die
Proletarier haben sich in den Kopf gesetzt, den Kapitalisten zehn
Stunden Schmiede oder Raffinerie aufzuerlegen - das ist der große
Fehler, die Ursache der sozialen Gegensätze und der Bürgerkriege.
Nicht auferlegen, verbieten muß man die Arbeit. Den Rothschilds, den
Says wird erlaubt werden, den Beweis zu liefern, daß sie ihr ganzes
Leben lang vollkommene Nichtstuer gewesen sind; und wenn sie
versprechen, trotz des allgemeinen Zuges zur Arbeit, als vollkommene
Nichtstuer weiterzumachen, werden sie auf die Rechnung gesetzt und
erhalten jeden Morgen auf dem zuständigen Rathaus ein 20-Francstück
als Taschengeld. Die gesellschaftliche Zwietracht verschwindet. Die von
Zinsen Lebenden und die Kapitalisten werden die allerersten sein, die
sich zur Partei des Volkes schlagen, wenn sie einmal überzeugt sind, daß
man ihnen nichts Böses will, sondern im Gegenteil sie von der Arbeit
befreien will, Überkonsument und Vergeuder zu sein, mit der sie seit
ihrer Geburt belastet sind. Diejenigen Bourgeois, die nicht in der Lage
sind, ihren Titel als Nichtsnutz nachzuweisen, wird man ihren Instinkten
nachgehen lassen: es gibt genügend abstoßende Berufe, um sie
unterzubringen. Dufaure würde die öffentlichen Latrinen reinigen und
Gallifet die räudigen Schweine und aufgeblähten Pferde abstechen, die
Mitglieder des Gnadenausschußes werden, ins Gefängnis Poissy
geschickt, das Vieh anzumerken, das zum Schlachten reif ist, die
Senatoren, die am Beerdigungspomp hängen, werden Leichenträger
spielen. Für andere wird man Berufe finden, die ihrer Intelligenz
entsprechen. Lorgeril, Borglie würden Champagnerflaschen verkorken,
doch wird man ihnen einen Maulkorb vorbinden, damit sie sich nicht
vollsaufen. Ferry, Freycinet, Tirard würden Wanzen und Ungeziefer in
Ministerien und anderen öffentlichen Häusern jagen. Allerdings müßten
diese Leute außer Reichweite der Bürger gehalten werden, aus Angst vor
ihren schlechten Gewohnheiten.
Aber
bittere und lange Rache wird man an den Moralisten nehmen, welche die
menschliche Natur verdreht haben, an den Betbrüdern, Heuchlern,
Scheinheiligen »und dem anderen derartigen Gesindel, das sich
verstellt, um die Leute zu betrügen. Denn während sie dem einfachen
Volk weismachen, sie wären mit geistlicher Betrachtung und Andacht, mit
Fasten und Verzicht beschäftigt und hielten ihr bißchen Sterblichkeit
nur eben so am Leben, lassen sie es sich Gott weiß wie wohl sein, et
Curios simulant, sed bacchanalia vivunt (Sie tun als seien sie wie
Curius, aber leben wie auf Bacchanalien) (*15).
Das könnt ihr in großer Leuchtschrift von ihren roten Backen und ihren
Wänsten ablesen, vorausgesetzt, sie pudern sich nicht mit Schwefel.« [21]
An
den großen Volksfesten, bei denen, anstatt Staub zu schlucken, wie beim
bürgerlichen 15. August oder 14. Juli, die Kommunisten und
Kollektivisten die Fläschchen kreisen, die Schincken herumreichen und
die Becher hochleben lassen, werden die Mitglieder der Akademie der
moralischen und politischen Wissenschaften, die Frack und Talar
tragenden Pfaffen der ökonomischen, katholischen, protestantischen, jüdischen,
positivistischen und freidenkerischen Kirche, die Vertreter des
Malthusianismus, der christlichen, menschenfreundlichen, unabhängigen
oder unterwürfigen Moral in gelbem Kostüm die Kerzen halten, bis sie
sich die Finger verbrennen; und unter ausgelassenen Frauen, bei mit
Fleisch, Früchten und Blumen beladenen Tafeln werden sie hungern, bei
gefüllten Fässern dürsten. Viermal im Jahr, immer beim Wechsel der
Jahreszeiten, wird man sie wie die Hunde von Scherenschleifern in Tretmühlen
zehn Stunden lang Wind mahlen lassen. Die gleiche Strafe wird über
Advokaten und Rechtsgelehrte verhängt.
Um
die Zeit totzuschlagen, die uns Sekunde für Sekunde tötet, wird man im
Reich der Faulheit ständig Schauspiele und Theateraufführungen
veranstalten - gefundene Arbeit für unsere bürgerlichen Gesetzgeber.
Man wird sie zu Truppen zusammenstellen, die auf die Dörfer und Flecken
ziehen und Gesetzgebungsvorstellungen aufführen. Generäle in
Reitstiefeln, die Brust mit Tressen verschnürt, mit Orden und dem Kreuz
der Ehrenlegion behängt, werden durch die Straßen und Plätze laufen
und die lieben Leute einladen. Gambetta und Cassagnac, sein Kumpan,
werden vorm Eingang ihre Späßchen aufführen. Cassagnac wird, als
Stierkämpfer kostümiert, die Augen rollen, den Schnurrbart drehen,
Feuer spucken und jeden mit der Pistole seines Vaters bedrohen, aber
sich in ein Loch stürzen, sobald man ihm das Bild von Lullier zeigt. (*16)
Gambetta wird über Außenpolitik palavern, über das kleine
Griechenland, das ihm was vormacht und Europa in Brand steckt um die Türkei
übers Ohr zu hauen; über das große Rußland, das ihn um den Verstand
bringt mit dem Kompott, das es aus Preussen zu machen verspricht und das
Westeuropa sämtliche Plagen an den Hals wünscht um im Osten sein Spiel
zu treiben und die Staatsverdrossenheit im Innern zu erdrosseln; über
Herrn von Bismarck, der ihm in seiner großen Güte erlaubte, sich zur
Frage des Straferlasses zu äußern ... Dann wird er seinen
riesigen dreifarbig bemalten Wanst entblößen, wird die Trommel rühren
und die köstlichen Tierchen, die Fettammern, die Trüffeln, die Gläser
voll Margaux und Yquem aufzählen, die er hinuntergestopft hat, um die
Landwirtschaft zu fördern und die Wähler von Belleville bei Laune zu
halten.
In
der Bude aber wird man zuerst die Wahlposse aufführen.
Vor
Wählern mit Holzschädeln und Eselsohren werden Bourgeois- Kandidaten,
mit Stroh bekleidet, den politischen Freiheitstanz aufführen, indem sie
sich vorne und hinten mit ihren Wahlprogrammen voller Versprechungen
beschmieren, mit Tränen in den Augen von den Leiden des Volkes und mit
klangvoller Stimme vom Ruhm Frankreichs reden. Worauf die Köpfe der Wähler
im Chor ein kräftiges Iah! Iah! brüllen.
Dann
beginnt das große Stück: Der Diebstahl der Güter der Nation
Das
kapitalistische Frankreich, ein ungeheuerliches Weib mit rauhem Gesicht
und kahlem Schädel, schlaff, mit welker, bleicher und aufgedunsener
Haut, liegt schläfrig und gähnend mit glanzlosen Augen auf einem Sofa
hingestreckt. Zu ihren Füßen verschlingt der industrielle
Kapitalismus, ein Riesenapparat aus Eisen mit einer Affenmaske,
mechanisch Männer, Frauen und Kinder, deren grauenhafte und herzzerreißende
Schreie die Luft durchdringen. Die Bank, mit Marderschnauze, Hyänenkörper
und Habichtskrallen, stiehlt ihm geschickt Hundert-Sous-Stücke aus der
Tasche. Ganze Armeen elender, abgemagerter und in Lumpen gehüllter
Proletarier, von Gendarmen mit blanker Klinge bewacht, getrieben von
Furien, die sie mit der Hungerpeitsche geißeln, bringen Haufen von
Waren, Fässer Wein und ganze Säcke von Gold und Korn und legen sie dem
kapitalistischen Frankreich zu Füßen. Langlois, seine Hose in der
einen Hand, in der anderen das Testament Proudhons (*17),
das Haushaltsbuch zwischen den Zähnen, stellt sich an die Spitze der
Verteidiger der Güter der Nation und zieht auf Posten. [22]
Sobald die Lasten niedergelegt sind, verjagen sie die Arbeiter mit
Bajonett- und Kolbenstößen, und öffnen den Händlern, den
Industriellen und Bankiers die Pforten. Im wüsten Durcheinander stürzen
die sich auf die Wertobjekte, heimsen die Fabrikwaren, die Goldbarren,
die Säcke Getreide ein und leeren die Fässer. Endlich können sie
nicht mehr und sinken in ihren Schmutz und ihre Kotze. Da bricht das
Unwetter herein, die Erde wankt in ihren Fugen -- die geschichtliche
Notwendigkeit tritt auf. Mit ehernem Fuß zertritt sie die Köpfe von
denen mit Schluckauf, von denen die umhertorkeln, übereinanderfallen
und nicht mehr fliehen können; mit gewaltiger Hand wirft sie das
zitternde und angstschweißüberdeckte kapitalistische Frankreich über
den Haufen.
Wenn
die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre
Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer
furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die »Menschenrechte« zu
verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind,
nicht um das »Recht auf Arbeit« zu fordern, das nur das Recht auf
Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann
verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten, dann wird die alte
Erde, zitternd vor Wonne, in ihrem Inneren eine neue Welt sich regen fühlen
-- aber wie soll man von einem durch die kapitalistische Moral
verdorbenen Proletariat einen männlichen Entschluß verlangen!
Wie
Christus, die leidende Verkörperung der Sklaverei des Altertums,
erklimmt unser Proletariat, Männer, Frauen und Kinder, seit einem
Jahrhundert den harten Kalvarienberg der Leiden; seit einem Jahrhundert
bricht Zwangsarbeit ihre Knochen, martert ihr Fleisch, zerrüttet die
Nerven; seit einem Jahrhundert quält Hunger ihren Magen und verdummt
ihr Gehirn ...
O
Faulheit, erbarme Du Dich des unendlichen Elends!
O
Faulheit, Mutter der Kunst und der edlen Tugenden, sei Du der Balsam für
die Schmerzen der Menschheit!
Anhang
Unsere
Moralisten sind sehr bescheidene Leute. Wenn sie auch das Dogma der
Arbeit erfunden haben, so waren sie sich doch über den Einfluß
desselben auf die Beruhigung der Seele, die Erheiterung des Geistes und
die gesunde Funktion des Kreuzes und der übrigen Organe nicht ganz im
Klaren: sie wollen die Sache erst einmal bei der Volksmasse probieren,
das Experiment erst in anima vili (bei einem niederen Tier) machen, ehe
sie es gegen die Kapitalisten kehren, deren Laster sie zu entschuldigen
und gutzuheißen haben.
Aber
Philosophen zu vier Sous das Dutzend, warum denn euer Hirn so quälen,
eine Moral auszutüfteln, deren Befolgung ihr euern Brotgebern nicht zu
raten wagt? Wollt ihr euer Dogma von der Arbeit, auf das ihr so stolz
seid, verhöhnt, verdammt sehen? So schlagt die Geschichte der alten Völker,
die Schriften ihrer Philosophen und ihrer Gesetzgeber nach:
»Ich
vermag nicht zu sagen«, schreibt der Vater der Geschichtsschreibung,
Herodot, »ob die Griechen die Verachtung, mit der sie auf die Arbeit
blicken, von den Ägyptern haben, weil ich dieselbe Verachtung bei den
Thrakern, bei den Skythen, bei den Persern und den Lydern verbreitet
finde; mit einem Wort, weil bei den meisten Barbaren diejenigen, welche
die Handwerke erlernen, und selbst deren Nachfahren in geringerer
Achtung stehen als die übrigen Bürger ...; alle Griechen werden
in diesen Grundsätzen erzogen, besonders die Lakedämonier.« [23]
»In
Athen waren nur die Bürger wirkliche Edle, die sich mit der
Verteidigung und Verwaltung der Gemeinschaft beschäftigten, gleich den
wilden Kriegern, von denen sie ihre Abstammung herleiteten. Um mit ihrer
geistigen und körperlichen Kraft die Belange der Republik wahrzunehmen,
mußten sie über ihre ganze Zeit frei verfügen und beluden die Sklaven
mit der ganzen Arbeit. Ebenso durften in Lakedämonien selbst die Frauen
weder spinnen noch weben, um ihrem Adel keinen Abbruch zu tun.« [24]
Die
Römer kannten nur zwei edle und freie Berufe: Landbau und Waffendienst.
Alle Bürger lebten von Rechts wegen auf Kosten des Staates, ohne daß
sie gezwungen werden konnten, für ihren Unterhalt durch eine der
sordidae artes (schmutzige Künste, so nannten sie die Handwerke)
aufzukommen, die von Rechts wegen den Sklaven zukamen. Als Brutus der Ältere
das Volk aufwiegeln wollte, warf er Tarquinius dem Tyrannen vor allem
vor, daß er freie Bürger zu Handwerkern und Maurern gemacht habe. [25]
Die
alten Philosophen stritten sich über den Ursprung der Ideen, aber sie
waren sich einig, wenn es galt, die Arbeit zu verabscheuen.
»Die
Natur«, schreibt Plato in seiner Gesellschaftsutopie, in seiner
Musterrepublik, »die Natur hat weder Schuhmacher noch Schmiede
geschaffen; solche Berufe entwürdigen die Leute, die sie ausüben:
billige Söldner, Elende ohne Namen, die durch ihren Stand bereits von
den politischen Rechten ausgeschlossen sind. Was die Händler betrifft,
die an Lug und Betrug gewöhnt sind, so wird man sie in der Gemeinde nur
als ein notwendiges Übel betrachten. Der Bürger, der sich durch
Handelsgeschäfte erniedrigt, soll für dieses Verbrechen bestraft
werden. Wird er überführt, so soll er zu einem Jahr Gefängnis
verurteilt werden. Bei jedem Rückfall ist die Strafe zu verdoppeln.« [26]
In
seiner Ökonomie schreibt Xenophon: »Die Leute, die sich mit Handarbeit
abgeben, werden nie zu höheren Posten erhoben, und man hat ganz recht.
Gezwungen, den ganzen Tag zu sitzen, einige sogar, ein beständiges
Feuer auszuhalten, werden die meisten von ihnen es nicht verhindern können,
daß ihr Körper sich verunstaltet und es ist kaum möglich, daß sich
das nicht auch auf den Geist zurückwirkt.«
»Was
kann aus einem Laden Ehrenhaftes kommen?« erklärt Cicero, »und was
kann der Handel Ehrenvolles hervorbringen? Alles, was Laden heißt, ist
eines ehrenhaften Mannes unwürdig ..., da die Kaufleute, ohne zu lügen,
nichts verdienen können; und was ist schändlicher als die Lüge?
Deshalb muß das Gewerbe derer, die ihre Mühe und Geschicklichkeit
verkaufen, als niedrig und gemein betrachtet werden, denn wer seine
Arbeit für Geld hergibt, verkauft sich selbst und stellt sich auf eine
Stufe mit den Sklaven.« [27]
Proletarier,
die man durch das Dogma der Arbeit verdummt hat, hört ihr die Sprache
dieser Philosophen, die man euch mit eifersüchtiger Sorge verbirgt? Ein
Bürger, der seine Arbeit für Geld hergibt, erniedrigt sich zum Rang
eines Sklaven; er begeht ein Verbrechen, das jahrelanges Gefängnis
verdient.
Die
christliche Heuchelei und die kapitalistische Frage nach der Nützlichkeit
hatten diese Philosophen der alten Republiken noch nicht verdorben; da
sie für freie Menschen lehrten, so sprachen sie unbefangen ihre
Gedanken aus. Plato und Aristoteles, diese Riesendenker, denen unsere
Cousin, Caro (*18)
und Simon, und wenn sie sich auf die Fußspitzen stellen sollten, nicht
bis an die Knöchel reichen, wollten, daß die Bürger ihrer
Idealrepubliken die größte Muße genießen sollten, denn, setzt
Xenophon hinzu, »die Arbeit nimmt die ganze Zeit in Anspruch und bei
ihr hat man keine Zeit für die Republik und seine Freunde.« Nach
Plutarch hatte Lykurg, »der weiseste aller Menschen«, deshalb den großen
Anspruch auf die Bewunderung der Nachwelt, weil er den Bürgern der
Republik Muße zusprach, indem er ihnen die Ausübung irgendeines
Handwerks untersagte. [28]
Aber,
werden die Bastiat, Dupanloup (*19),
Beaulieu und Konsorten der christlichen und kapitalistischen Moral
antworten, diese Denker, diese Philosophen, predigten die Sklaverei.
Ganz richtig, aber konnte es unter den wirtschaftlichen und politischen
Verhältnissen ihres Zeitalters anders sein? Der Krieg war der normale
Zustand der antiken Gesellschaften; der freie Mensch mußte seine Zeit
der Beratung der Staatsangelegenheiten und der Sorge für die
Verteidigung widmen; das Handwerk war damals zu unentwickelt und zu
hart, als daß man neben seiner Ausübung seinem Beruf als Bürger und
Soldat hätte nachgehen können; um Krieger und freie Bürger zu haben,
mußten die Philosophen und Gesetzgeber in den Helden-Republiken Sklaven
dulden. Aber lobpreisen nicht die Moralisten und Wirtschaftsexperten des
Kapitalismus die moderne Sklaverei, das Lohnsystem? Und was sind es für
Leute, denen der kapitalistische Sklave Muße verschafft? Den
Rothschild, den Schneider, den Madame Boucicault -- unnütze und schädliche
Schmarotzer, Sklaven ihrer Laster und ihrer Dienstboten.
»Das
Vorurteil der Sklaverei beherrschte den Geist von Aristoteles und
Pythagoras«, hat man verächtlich geschrieben, und doch sah Aristoteles
voraus: »Wenn jedes Werkzeug auf Befehl oder auch vorausahnend das ihm
zukommende Werk verrichten könnte, wie des Dädalus' Meisterwerke sich
von selbst bewegten, oder die Dreifüße des Hephaistos (*20)
aus eigenem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die
Webschiffchen von selbst webten, dann bräuchte der Werkmeister keinen
Gehilfen, die Herren keine Sklaven.«
Der
Traum des Aristoteles ist heute Wirklichkeit geworden. Unsere Maschinen
verrichten feurigen Atems, mit stählernen, unermüdlichen Gliedern, mit
wunderbarer, unerschöpflicher Zeugungskraft, gelehrig von selbst ihre
heilige Arbeit; und doch bleibt der Geist der großen Philosophen des
Kapitalismus beherrscht vom Vorurteil des Lohnsystems, der schlimmsten
Sklaverei. Sie begreifen noch nicht, daß die Maschine der Erlöser der
Menschheit ist, der Gott, der den Menschen von den sordidae artes, den
schmutzigen Künsten und der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der
ihnen Muße und Freiheit bringen wird.
Fußnoten:
[1]
Descartes, Les Passions de l'âme (Die Leidenschaften der Seele).
[2]
Dr. Beddoe, Memoirs of the Anthropological Society (Berichte der
anthropologischen Gesellschaft); Charles Darwin, Descent of Man (Die
Herkunft des Menschen).
[3]
Oft sind die europäischen Forscher ganz betroffen von der körperlichen
Schönheit und der stolzen Haltung der Angehörigen primitiver Völker,
die noch nicht von dem befleckt sind, was Päppig den »vergifteten
Hauch der Zivilisation« nennt. Von den Ureinwohnern Ozeaniens schreibt
Lord George Campbell: »Kein Volk der Welt frappiert mehr im ersten
Augenblick. Ihre ebene, leicht kupferfarbene Haut, ihr goldenes
gelocktes Haar, ihre schöne und anmutige Figur, mit einem Wort ihre
ganze Persönlichkeit stellte ein neues und glänzendes Muster der
Gattung Mensch dar; ihre physische Erscheinung machte den Eindruck einer
der unsrigen überlegenen Rasse.« Mit derselben Bewunderung
betrachteten die Zivilisierten des alten Roms, ein Caesar und Tacitus,
die Germanen der kommunistischen Stämme, die in das römische Reich
eindrangen. Gleich Tacitus stellte Salvian, der der »Lehrer der Bischöfe«
genannt wurde, im 5. Jahrhundert den Zivilisierten und Christen die
Barbaren als Muster hin: »Wir sind unzüchtig inmitten von Barbaren,
die keuscher sind als wir. Mehr noch; die Barbaren nehmen an unserer
Unzucht Anstoß. Die Goten dulden keinen Wüstling ihres Stammes unter
sich; nur die Römer in ihrer Mitte haben dank dem traurigen Vorrecht
ihres Namens und ihrer Nationalität das Recht, unrein zu sein. (Das
sexuelle Verhältnis zu Kindern war damals bei Heiden und Christen stark
in Mode.) Die Unterdrückten gehen zu den Barbaren, Menschlichkeit und
Schutz zu suchen.« (De gubernatione Dei - Von der Leitung Gottes). Die
alte Zivilisation und das aufstrebende Christentum verdarben die
Barbaren der alten Welt geradeso, wie das altersschwache Christentum und
die moderne kapitalistische Zivilisation die Wilden der neuen Welt
verderben. Herr F. LePlay, dessen Beobachtungsgabe man anerkennen muß,
selbst wenn man seine mit menschenfreundlicher und christlicher Spießbürgerei
versetzten gesellschaftswissenschaftlichen Schlüsse verwirft, sagt in
seinem Buch Les Ouvriers européens (Die europäischen Arbeiter) (1855):
Der Hang der Baschkiren zur Faulheit (Baschkiren sind halbnomadische
Hirten im Ural), die mit dem Nomadenleben verbundene Muße, die
Gewohnheit der Meditation, die sie bei den besser Begabten hervorruft,
haben bei diesen Leuten oft eine Feinheit der Manieren, eine Schärfung
von Intelligenz und Urteilsfähigkeit zur Folge, wie man sie auf der
gleichen sozialen Ebene in einer höheren Zivilisation selten findet ...
Was ihnen am meisten zuwider ist, sind die Ackerarbeiten; sie tun eher
alles andere, als daß sie sich zum Beruf des Ackerbauern entschließen.«
In der Tat ist der Ackerbau die erste Erscheinungsform knechtischer
Arbeit in der Menschheit. Nach der biblischen Überlieferung ist der
erste Kriminelle, Kain, ein Ackerbauer.
[4]
Das spanische Sprichwort sagt: Descansar es salud, Ausruhen ist gesund.
[5]
O Meliboea (*21),
ein Gott schenkte uns diesen Müßiggang. Vergil, Bucolica. (Siehe
Anhang).
[6]
Matthäusevangelium, Kapitel VI.
[7]
Auf dem ersten Wohltätigkeitskongreß (Brüssel 1857) erzählte ein
Herr Scrive, einer der reichsten Unternehmer von Marquette bei Lille,
unter dem Beifall der Kongreßteilnehmer und mit der Genugtuung erfüllter
Pflicht: »Wir haben einige Zerstreuungsmittel für Kinder eingeführt.
Wir lehren sie während der Arbeit singen, während der Arbeit zählen.
Das unterhält sie und läßt sie mutig die zwölf Stunden Arbeit
antreten, welche nötig sind, um ihnen ihren Lebensunterhalt zu
verschaffen.« 12 Stunden Arbeit, und was für eine Arbeit! Kindern
aufgebürdet, die noch nicht 12 Jahre alt sind! Die Materialisten werden
ewig bedauern, daß es keine Hölle gibt, in die man diese Christen,
diese Menschenfreunde, diese Henker der Kindheit schicken kann!
[8]
Rede, gehalten im Mai 1863 in der Pariser Internationalen Gesellschaft für
praktische sozialökonomische Studien, veröffentlicht im Economiste
Français desselben Jahres.
[9]
L.-R. Villermé: »Tableau de l'état physique et moral des ouvriers
dans les fabriques de coton, de laine et de soie« (Ein Bild vom körperlichen
und moralischen Zustand der Arbeiter in den Baumwoll-, Wolle- und
Seidenfabriken), 1840. Nicht etwa, weil die Dollfus, die Köchlin und
andere elsässische Fabrikanten Republikaner, Patrioten und
protestantische Menschenfreunde waren, behandelten sie ihre Arbeiter so;
denn Blanqui, der Akademiker, Reybaud, der Prototyp des Jérôme Paturot (*22),
und Jules Simon, der politische Besserwisser, haben ein gleiches
Wohlleben bei den Arbeitern der sehr katholischen und sehr monarchischen
Fabrikanten in Lille und Lyon festgestellt. Das sind kapitalistische
Tugenden, die in entzückender Weise mit jeder politischen Richtung, mit
jeder Religion zusammengehen.
[10]
Die Indianer der kriegerischen Stämme Brasiliens töten ihre Schwachen
und Alten; sie bezeugen ihre Freundschaft, indem sie einem Leben ein
Ende machen, das nicht mehr von den Kämpfen, den Festen und Tänzen
erfreut wird. Alle primitiven Völker haben den Ihren diesen Beweis der
Zuneigung gegeben: Die Massageten des Kaspischen Meeres (Herodot)
genauso wie die Wenden Deutschlands und die Kelten Galliens. In den
Kirchen Schwedens bewahrte man noch vor kurzem die Familienkeulen
genannten Keulen auf, die dazu dienten, die Eltern von der Trübsal des
Alters zu erlösen. Wie sehr verkommen sind die modernen Proletarier, daß
sie das schreckliche Elend der Fabrikarbeit geduldig ertragen!
[11]
Auf dem am 21. Februar 1879 in Berlin stattgefundenen Kongreß deutscher
Industrieller schätzte man den Verlust, den allein die Eisenindustrie
Deutschlands während der letzten Krise erlitten hat, auf 568 Millionen
Francs.
[12]
Die »Justice« des Herrn Clemenceau sagte im Wirtschaftsteil ihrer
Nummer vom 6.4.1880: »Wir haben die Meinung gehört, daß die
Milliarden des Krieges von 1870 auch ohne die Preussen für Frankreich
verloren gegangen wären; und zwar in der Form der von Zeit zu Zeit
aufgelegten Anleihen zum Ausgleich fremder Staatshaushalte; das ist auch
unsere Ansicht.« Man schätzt den Verlust, den englisches Kapital bei
der Kreditvergabe an die südamerikanischen Republiken erlitten hat, auf
fünf Milliarden. Die französischen Arbeiter haben nicht nur die an
Herrn Bismarck gezahlten fünf Milliarden erarbeitet, sie müssen auch
die fetten Zinsen aufbringen, welche die Verschulder des Kriegs und der
Niederlage, die Ollivier, die Girardin, die Bazaine und andere Besitzer
von Rententiteln einstreichen. Allerdings bleibt ihnen ein Trost: diese
Milliarden werden keinen Wiedereintreibungskrieg zur Folge haben.
[13]
Unter dem Ancien Régime (französische Monarchie bis zur Revolution)
garantierten die Gesetze der Kirche den Arbeitern 90 Ruhetage (52
Sonntage und 38 Feiertage), während deren es streng verboten war, zu
arbeiten. Das war das große Verbrechen des Katholizismus, die
Hauptursache für die Nicht-Religiosität des industriellen und
handeltreibenden Bürgertums. Sobald es in der Franz|sischen Revolution
ans Ruder kam, schaffte es die Feiertage ab und ersetzte die Woche von
sieben Tagen durch die zehntägige Woche. Es befreite die Arbeiter vom
Kirchenjoch, um sie umso strenger unter das Joch der Arbeit zu spannen.
Der Haß gegen die Feiertage macht sich erst in dem Moment bemerkbar, wo
die moderne industrielle und kommerzielle Bourgeoisie auf die Bühne
tritt, d.h. im 15. und 16. Jahrhundert. Heinrich IV. (1589-1610)
verlangte die Verminderung ihrer Zahl vom Papst; dieser schlug ihm das
ab, weil »eine der Ketzereien, die heute um sich greifen, darin
besteht, die Feiertage anzugreifen«. (Brief des Kardinals d'Ossat) Aber
1666 verbot Péréfixe, Erzbischof von Paris, siebzehn. Der
Protestantismus, diese den neuen Handels- und Industriebedürfnissen der
Bourgeoisie angepaßte christliche Religion, kümmert sich wenig um die
Erholung des Volkes; er entthronte die Heiligen im Himmel, um ihre Feste
auf Erden abschaffen zu können. Die Religionsreform und das
philosophische Freidenkertum waren nichts als Vorwände, um der
heuchlerischen und gierigen Bourgeoisie zu erlauben, die beim Volk
beliebten Feiertage verschwinden zu lassen.
[14]
Diese pantagruelischen Feste dauerten Wochen. Don Rodrigo de Lara erwarb
seine Braut durch Vertreibung der Mauren aus Calatrava la Vieja, und der
Romancero erzählt:
Las bodas fueron en Burgos,
Las tornabodas en Salas:
En bodas y tornabodas
Pasaron siete semanas.
Tantas vienen de las gentes,
Que no caben por las plazas...
(Die Hochzeit ward in Burgos,/ die Heimkehr von der Hochzeit in Salas
gefeiert:/ mit Hochzeits- und Heimkehrfeier/ vergingen sieben Wochen./
So viel Leute kamen herbei,/ daß die Plätze sie nicht faßten...) Die
Männer dieser Hochzeitsfeste von sieben Wochen waren die heldenhaften
Soldaten der Unabhängigkeitskriege.
[15]
Karl Marx, »Das Kapital«, Band I (MEW 23, S. 470).
[16]
"Der Anteil, in dem die Bevölkerung eines Landes als Dienstboten
der wohlhabenden Klassen beschäftigt ist, gibt seinen Fortschritt im
nationalen Reichtum und in der Zivilisation wider.« R.M.Martin, Ireland
before and after the Union (Irland vor und nach dem Zusammenschluß),
1818. Gambetta, der die soziale Frage leugnete, seitdem er nichts weiter
als der notleidende Advokat des Café Procope war, wollte ohne Zweifel
von dieser wachsenden Dienstbotenklasse sprechen, als er das Entstehen
neuer gesellschaftlicher Schichten forderte.
[17]
Zwei Beispiele: Die englische Regierung mußte, um den indischen
Gebieten zu gefallen, die versessen Mohn statt Reis oder Getreide
anbauten, obwohl sie regelmäßig von Hungersnöten heimgesucht wurden,
blutige Kriege unternehmen, um die chinesische Regierung zur freien
Einfuhr des indischen Opiums zu zwingen. Die Wilden Polynesiens mußten
sich, obwohl es die Ursache ihres Aussterbens ist, englisch kleiden und
auf englisch besaufen, um die Produkte der schottischen Brennereien und
der Textilfabriken von Manchester zu konsumieren.
[18]
Paul Leroy-Beaulieu, La Question ouvrière au XIXeme siècle (Die
Arbeiterfrage im 19. Jahrhundert), Paris 1872.
[19]
Hier ist, nach dem berühmten Statistiker R. Giffen vom Büro für
Statistik in London, die stetige Steigerung des nationalen Reichtums von
England und Irland:
1814 betrug er 55 Milliarden Francs
1865 betrug er 162,5 Milliarden Francs
1875 betrug er 212,5 Milliarden Francs.
[20]
Louis Reybaud, Le Coton, son régime, ses problèmes (Die Baumwolle, ihr
Reich und ihre Probleme), Paris 1863.
[21]
Pantagruel, Buch II, Kapitel XXXIV.
[22]
Der etwas hitzige Leutnant Langlois, ein wirklich großer Freund
Proudhons, wurde in die Nationalversammlung gewählt, wo er nicht immer
die Lächerlichkeit zu vermeiden wußte.
[23]
Herodot, Historien II 167. Trad. Larcher, 1786.
[24]
Biot, De l'abolition de l'esclavage ancien en Occident (Über die
Abschaffung der alten Sklaverei im Okzident), 1840.
[25]
Titus Livius, 1. Buch.
[26]
Platon, Republik, Buch V.
[27]
Cicero, Von den Pflichten II, XLII.
[28]
Platon, Der Staat V, Die Gesetze III; Aristoteles, Politik II und VII;
Xenophon,Ökonomie IV und VI; Plutarch, Leben des Lykurg (*23).
Anmerkungen
der Herausgeber
(*1)
Marx-Engels-Werke, Bd. 3, S. 69.
(*2)
Marx-Engels-Werke, Bd. 3, S. 77.
(*3)
Paul Lafargue, Persönliche Erinnerungen an Karl Marx; wiedergegeben
nach: Über Paul Lafargue und die Satire; in: Paul Lafargue, Das Recht
auf Faulheit und andere Satiren, Stattbuch Verlag Berlin.
(*4)
Adolphe Thiers (1797-1877), französischer Politiker, Ministerpräsident
1836 und 1840, führend an der Niederschlagung der Pariser Commune
beteiligt, Präsident der Republik 1871.
(*5)
Auvergnaten, Bewohner der Auvergne, Landschaft um Clermont-Ferrand.
(*6)
Die aufständischen Pariser Arbeiter forderten 1848 vor allem das »Recht
auf Arbeit« und die »Organisation der Arbeit«.
(*7)
Jules Simon (1814-1896), republikanischer Politiker und
Philosophieprofessor; Graf de Germiny, kirchenfreundlicher Politiker.
(*8)
Auguste Comte (1798-1857), Mathematiker, Philosoph, Soziologe, Begründer
des Positivismus, nach dem man sich nur mit nachprüfbaren Tatsachen und
ihrem Verhältnis untereinander befassen soll; Paul Leroy-Beaulieu
(1843-1916), Ökonom; Victor Hugo (1802-1885), Dichter und
Romanschriftsteller; Paul de Kock, Schriftsteller.
(*9)
Comte de Destutt de Tracy (1754-1836), Ökonom, Philosoph, Anhänger der
konstitutionellen (also mit Parlament garnierten) Monarchie.
(*10)
Joseph Townsend (1739-1816), englischer Geistlicher, Geologe, Soziologe,
entwickelte eine Bevölkerungstheorie, die von Malthus weiterentwickelt
wurde (siehe Anm. 13).
(*11)
Leon Gambetta (1838-1882), Politiker; was Lafargue meint, wissen wir
auch nicht.
(*12)
Antipatros von Thessalonike (etwa 1. Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung); Marcus Tullius Cicero (106-43 v.u.Z.), römischer
Staatsmann und Schriftsteller; Däo (römisch Ceres), Göttin des
Ackerbaus.
(*13)
Thomas Robert Malthus (1766-1834), englischer Geistlicher und Ökonom;
stellte die Theorie von der Überbevölkerung auf, nach der das Elend
der Menschen normal sei, weil sie sich stärker vermehrten als die
Produktion von Lebensmittel.
(*14)
Quecksilber war früher das gängige Medikament zur Behandlung von
Syphilis; im Französischen heißt es »Mercure« wie der römische Gott
der Liebe.
(*15)
Curius Dentatus (um 280 v.u.Z), römischer Feldherr, Muster altrömischer
Tugend; Bacchanalien, Feste zu Ehren Bacchus, Gott des Weines.
(*16)
Paul Granier de Cassagnac (1843-1904), Politiker, bekannt für seine
vielen Duelle; Lullier, kampflustiger Marineoffizier, gewähltes
Mitglied der Pariser Commune.
(*17)
Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), Publizist, Ökonom, Soziologe, einer
der theoretischen Begründer des Anarchismus.
(*18)
Victor Cousin (1792-1867), Philosophieprofessor; Elme-Marie Caro
(1826-1887), Philosophieprofessor.
(*19)
Frederic Bastiat (1801-1850), Ökonom; Dupanloup (1802-1878), Bischof
von Orleans.
(*20)
Hephaistos (römisch Vulcanus), Gott des Feuers und der Schmiede.
(*21)
Meliboea, antike Stadt in Thessalien, Griechenland.
(*22)
Adolphe Blanqui (1798-1854), Ökonom, Bruder des Revolutionärs Louis
Auguste Blanqui; Jérôme Paturot, Romanfigur (von Louis Reybaud):
meint, er kann alles und taugt dann doch nichts.
(*23)
Lykurg (nach der Überlieferung 9. bis 8. Jahrhundert v.u.Z.),
sagenhafter Gesetzgeber Spartas. |