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Der
Kampf gegen den Revisionismus in der UdSSR
nach dem Kriege
Aus:
Zwei Reden Andrej Shdanows
gegen den Revisionismus
(Aus:
A. Shdanow, ‘Über Kunst und Wissenschaft’, Dietz Verlag Berlin
1951)
1.
Rede
Referat
über die Zeitschriften ‘Swesda’ und ‘Leningrad’, 1946 (gekürztes
und zusammengefasstes Stenogramm)
Genossen!
Aus
dem Beschluss des Zentralkomitees (der KPdSU, B - Verf.) geht klar
hervor, dass der gröbste Fehler der Zeitschrift ‘Swesda’ (‘Der
Stern’ - Verf.) darin besteht, dass sie ihre Spalten dem literarischen
‘Schaffen’ Soschtschenkos und Achmatowas zur Verfügung stellte. Ich
glaube, dass ich hier das ‘Werk’ Soschtschenkos, ‘Abenteuer eines
Affen’ nicht zu zitieren brauche. Offenbar haben Sie es alle gelesen
und kennen es besser als ich. Der Sinn dieses ‘Werkes’ von
Soschtschenko besteht darin, dass er die Sowjetmenschen als Nichtsnutze
und Missgeburten, als dumme und primitive Leute schildert. Soschtschenko
ist völlig uninteressiert an der Arbeit der Sowjetmenschen, an ihren
Anstrengungen und ihrem Heroismus, an ihren hohen gesellschaftlichen und
moralischen Qualitäten. Dieses Thema fehlt bei ihm stets. Da
Soschtschenko ein spießbürgerlicher und trivialer Mensch ist, wählt
er zu seinen ständigen Themen die niedrigsten und kleinlichsten Seiten
des Lebens. Sein Wühlen in den Nichtigkeiten des Lebens ist nicht zufällig.
Es ist allen oberflächlichen, kleinbürgerlichen Schriftstellern, zu
denen auch Soschtschenko gehört, eigentümlich. Darüber hat Gorki
seinerzeit oft gesprochen. Sie erinnern sich, wie Gorki im Jahre 1934
auf dem Kongress der Sowjetschriftsteller jene, mit Verlaub zu sagen,
‘Literaten’ brandmarkte, die nichts weiter sehen als den Ruß in der
Küche und im Bad.
Die
‘Abenteuer eines Affen’ bewegen sich im Rahmen der üblichen
Schreibereien Soschtschenkos. Dieses ‘Werk’ geriet nur deshalb ns
Blickfeld der Kritik, weil es all das Negative, das im literarischen
Schaffen Soschtschenkos enthalten ist, am schärfsten zum Ausdruck
bringt. Bekanntlich schrieb Soschtschenko, seit er aus der Evakuierung
nach Leningrad zurückkehrte, eine Reihe von Sachen, die seine Unfähigkeit
charakterisieren, im Leben der Sowjetmenschen eine einzige positive
Erscheinung, einen einzigen positiven Typ zu finden. Ebenso wie in den
‘Abenteuern eines Affen’ verhöhnt Soschtschenko gewohnheitsmäßig
die sowjetische Lebensweise, die sowjetischen Zustände, die
Sowjetmenschen, wobei er diesen Hohn unter der Maske geistloser
Zerstreuung und nichtswürdiger Humoristik verbirgt.
Wenn
Sie die Erzählung ‘Abenteuer eines Affen’ aufmerksam lesen und darüber
nachdenken, dann werden Sie sehen, dass Soschtschenko dem Affen die
Rolle des höchsten Richters über unsere gesellschaftlichen Zustände
zuteilt und ihn in der Art eines Moralpredigers für das Sowjetvolk
auftreten lässt. Der Affe stellt gewissermaßen das Vernunftprinzip
dar, dessen Sache es ist, Werturteile über das Verhalten der Menschen
zu fällen. Die absichtlich entstellte, karikierte und geschmacklose
Darstellung des Lebens der Sowjetmenschen brauchte Soschtschenko, um dem
Affen den widerlichen, giftigen, sowjetfeindlichen Ausspruch in den Mund
zu legen, im Zoo ließe es sich besser leben als in der Freiheit und im
Käfig leichter atmen als unter Sowjetmenschen.
Kann
man moralisch und politisch noch tiefer sinken? Wie können die
Leningrader in ihren Zeitschriften derartige Niederträchtigkeiten und
Gemeinheiten dulden?
Wenn
‘Werke’ solcher Art den Sowjetlesern der Zeitschrift ‘Swesda’
vorgesetzt werden, wie gering muss dann die Wachsamkeit der Leningrader
sein, die die Zeitschrift ‘Swesda’ leiten, dass darin Werke
erscheinen konnten, die mit dem Gift einer tierischen Feindseligkeit
gegenüber der Sowjetordnung verseucht sind. Nur der Abschaum der
Literatur konnte derartige ‘Werke’ schaffen, und nur blinde und
unpolitische Menschen konnten sie verbreiten.
Man
sagt, dass die Erzählung Soschtschenkos die Runde durch die Leningrader
Vortragssäle gemacht habe. Wie schwach muss die Leitung der
ideologischen Arbeit in Leningrad geworden sein, dass derartige Dinge
passieren konnten?
Soschtschenko
mit seiner widerlichen Moral gelang es, in die Spalten der großen
Leningrader Zeitschrift einzudringen und sich dort mit allem Komfort
einzurichten. Und dabei ist die Zeitschrift ‘Swesda’ doch ein Organ,
das unsere Jugend erziehen soll. Aber kann dieser Aufgabe eine
Zeitschrift gerecht werden, die einem so oberflächlichen und
unsowjetischen Schriftsteller wie Soschtschenko Aufnahme gewährt?! Oder
ist vielleicht die Redaktion der ‘Swesda’ die Physiognomie
Soschtschenkos nicht bekannt?!
Und
dabei ist es doch gar nicht so lange her - es war Anfang 1944 -, dass
die empörende Novelle Soschtschenkos ‘Vor Sonnenaufgang’, die während
des erbitterten Freiheitskrieges des Sowjetvolkes gegen die deutschen
Eindringlinge geschrieben wurde, in der Zeitschrift ‘Bolschewik’
einer scharfen Kritik unterzogen wurde. In dieser Novelle enthüllte
Soschtschenko seine fade, niederträchtige Seele, er tat es mit Behagen
und Genuss, in der Absicht, allen zu zeigen: ‘Seht, was ich für ein
Gauner bin!’
Es
ist schwer, in unserer Literatur etwas Scheußlicheres zu finden als
jene ‘Moral’, die Soschtschenko in seiner Novelle ‘Vor
Sonnenaufgang’ predigt und in der er die Menschen und sich selbst als
garstige, lüsternde Tiere schildert, die weder Scham noch Gewissen
besitzen. Und diese Moral setzte er den Sowjetlesern zu einer Zeit vor,
als unser Volk in einem unerhört schweren Krieg sein Blut vergoss, als
das Leben des Sowjetstaates an einem Haar hing, als das Sowjetvolk für
den Sieg über die Deutschen ungezählte Opfer brachte. Aber
Soschtschenko, der sich in Alma Ata, im tiefsten Hinterland, vergraben
hatte, half dem Sowjetvolk in dieser Zeit in keiner Weise in seinem
schweren Kampf gegen die deutschen Eindringlinge. Mit vollem Recht wurde
Soschtschenko im ‘Bolschewik’ als ein der Sowjetliteratur fremder
Produzent von Schmähschriften und Hohlkopf öffentlich gebrandmarkt.
Damals pfiff er auf die öffentliche Meinung. Und siehe da, es sind noch
keine zwei Jahre vergangen, die Tinte, mit der die Rezension im
‘Bolschewik’ geschrieben wurde, ist noch nicht getrocknet, und schon
zieht der gleiche Soschtschenko triumphierend in Leningrad ein und
beginnt, sich ungeniert in den Spalten der Leningrader Zeitschriften zu
ergehen.
Nicht
nur die ‘Swesda’, sondern auch die Zeitschrift ‘Leningrad’
druckt ihn gern. Gern und bereitwillig werden ihm die Theatersäle zur
Verfügung gestellt. Damit nicht genug: Ihm wird die Möglichkeit
gegeben, einen leitenden Posten in der Leningrader Abteilung des
Schriftstellerverbandes zu bekleiden und eine aktive Rolle in Fragen der
Literatur in Leningrad zu spielen. Mit welcher Begründung gestatten Sie
Soschtschenko, in den Gärten und Parks der Leningrader Literatur
herumzuspazieren? Warum hat das Parteiaktiv Leningrads und seine
Schriftstellerorganisation diese schändlichen Dinge zugelassen?!
Die
durch und durch faule gesellschaftspolitische und literarische
Physiognomie (d. i. das äußere Erscheinungsbild - Verf.)
Soschtschenkos hat sich nicht erst in letzter Zeit herausgebildet. Seine
heutigen ‘Werke’ sind durchaus nicht zufällig entstanden. Sie sind
nur eine Fortsetzung des gesamten literarischen ‘Erbes’
Soschtschenkos, das in die 20iger Jahre zurückreicht.
Wer
war er früher? Er war einer der Organisatoren der literarischen Gruppe,
die sich ‘Serapionsbrüder’ nannte. Welches war die
gesellschaftlich-politische Physiognomie Soschtschenkos zur Zeit der
Bildung der ‘Serapionsbrüder’? Gestatten Sie mir auf die
Zeitschrift ‘Literaturnye Sapiski’ (Literarische Notizen) Nr. 3/1922
zurückzugreifen, in der die Begründer dieser Gruppe ihr
Glaubensbekenntnis ablegten. Unter einer Anzahl ähnlicher Offenbarungen
ist dort auch das ‘Glaubenssymbol’ Soschtschenkos in dem Artikel ‘Über
mich und sonst noch einiges’ abgedruckt. Soschtschenko, der sich vor
niemanden und vor nichts geniert, entblößt sich coram publico (vor
aller Welt) spricht seine politischen und literarischen ‘Ansichten’
ganz offen aus. Hören Sie, was er damals sagte:
„Überhaupt
ist es reichlich schwierig, Schriftsteller zu sein. Nehmen wir bloß die
Ideologie ... Heute verlangt man vom Schriftsteller Ideologie ... Und
die macht mir wirklich Unannehmlichkeiten ... Sagen Sie doch selbst, was
für eine bestimmte ‘Ideologie’ kann ich haben, wenn mich keine
Partei völlig anzieht? Vom Standpunkt der Parteileute bin ich ein
prinzipienloser Mensch. Meinetwegen. Ich kann von mir selbst nur sagen:
Ich bin kein Kommunist, kein Sozialrevolutionär, kein Monarchist,
sondern einfach ein Russe und noch dazu ein politisch unmoralischer ...
Mein Ehrenwort - ich weiß bis heute nicht, nun nehmen wir zum Beispiel
Gutschkow ... In welcher Partei ist er? Der Teufel weiß, in welcher
Partei er ist. Ich weiß: Er ist kein Bolschewik, ob er jedoch zu den
Sozialrevolutionären oder zu den Kadetten (das waren ‘Liberale’ -
Verf.) gehört - ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen ...“
Was
sagen Sie, Genossen, zu einer solchen ‘Ideologie’? 25 Jahre sind
vergangen, seit Soschtschenko dieses sein ‘Bekenntnis’ abgelegt hat.
Hat er sich seitdem geändert? Davon ist nichts zu merken. In 25 Jahren
hat er weder etwas gelernt noch sich in irgendeiner Weise geändert,
sondern ist im Gegenteil mit zynischer Offenheit ein Propagandist der
Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit, ein prinzipien- und gewissenloser
und literarischer Gauner geblieben. Das bedeutet, dass die Sowjetzustände
Soschtschenko genau wie damals auch heute nicht gefallen. Genauso wie
damals steht er auch jetzt der Sowjetliteratur fremd und feindselig
gegenüber. Wenn Soschtschenko trotz allem in Leningrad fast zu einer
Koryphäe der Literatur geworden ist, wenn er auf den Leningrader
Parnass (Musenberg - V.) erhoben wird, dann bleibt einem nur noch übrig,
darüber erschüttert zu sein, welchen Grad die Prinzipienlosigkeit,
Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und Gleichgültigkeit der Menschen
erreichen konnte, die Soschtschenko den Weg geebnet haben und sein Lob
singen!
Gestatten
Sie, noch ein Beispiel zur Illustration der Physiognomie der so geannten
‘Serapionsbrüder’ anzuführen. In denselben ‘Literaturnye sapiski’
Nr. 3/1922 versucht ein anderes Mitglied der Gruppe, Lew Lunz, ebenfalls
eine ideologische Begründung für die der Sowjetliteratur schädliche
und fremde Richtung zu geben, die die Gruppe ‘Serapionsbrüder’
vertrat:
„Wir
haben uns in den Tagen der Revolution, in den Tagen der politischen
Hochspannung zusammengefunden. ‘Wer nicht für uns ist, ist gegen
uns!’, sagte man uns damals von allen Seiten. ‘Für wen seid ihr
Serapionsbrüder, für die Kommunisten oder gegen sie, für die
Revolution oder gegen sie?’ Für wen wir Serapionsbrüder sind? Wir
sind für den Eremiten Serapion ... Qualvoll und viel zu lange wurde die
russische Literatur von der öffentlichen Meinung dirigiert ... Wir
wollen keinen Utilitarismus. Wir schreiben nicht für die Propaganda.
Die Kunst ist real wie das Leben selbst, und so wie das Leben ist sie
ohne Ziel und ohne Sinn, sie existiert, weil sie existieren muss.“
Das
ist die Rolle, die die ‘Serapionsbrüder’ der Kunst zuweisen. Sie
nehmen ihr den Ideengehalt, die gesellschaftliche Bedeutung, sie verkünden
die Ideenlosigkeit der Kunst, die Kunst um der Kunst willen, die Kunst
ohne Ziel und ohne Sinn. Das bedeutet gleichzeitig die Propagierung
fauler politischer Indifferenz, das Spießbürgertum und die Hohlheit.
Welcher
Schluss ist daraus zu ziehen?
Wenn
Soschtschenko die Sowjetzustände nicht gefallen, was soll man da
machen? Sich ihm anpassen? Aber nicht wir müssen unsere Lebensweise und
unser System wegen Soschtschenko umgestalten. Soll er sich umstellen,
und wenn er das nicht will, dann mag er aus der Sowjetliteratur
verschwinden. In ihr ist kein Platz für dekadente, nichtige, ideenlose
und oberflächliche Werke. (Stürmischer Beifall).
Davon
ist das ZK bei der Annahme des Beschlusses über die Zeitschriften
‘Swesda’ und ‘Leningrad’ ausgegangen.
Ich
komme nun zu der Frage des literarischen ‘Schaffens’ von Anna
Achmatowa. Ihre Schriften erschienen in letzter Zeit in den Leningrader
Zeitschriften in ‘erweiterter Auflage’. Das ist ebenso erstaunlich
wie widernatürlich, wie wenn jemand Anstalten machen würde, die
Schriften von Mereshkowski, Wjatscheslaw Iwanow, Michail Kusmin, Andrej
Bely, Sinaida Gipius, Fedor Sologrub, Sinowjewa-Annibal usw.
herauszugeben, d. h. die Schriften all jener, die unsere
fortschrittliche Öffentlichkeit und Literatur immer als Vertreter des
reaktionären Obskurantismus und des Renegatentums in Politik und Kunst
betrachtet hat.
Gorki
hat seinerzeit gesagt, das Jahrzehnt von 1907 bis 1917 verdiene, das schändlichste
und unfähigste Jahrzehnt in der Geschichte der russischen Intelligenz
genannt zu werden. In diesem Jahrzehnt, nach der Revolution von 1905,
wandte sich ein beträchtlicher Teil der Intelligenz von der Revolution
ab, glitt in den Sumpf der reaktionären Mystik und der Pornografie
hinein, machte die Ideenlosigkeit zu seinem Banner und verbarg sein
Renegatentum unter der ‘schönen’ Phrase:
‘Auch
ich verbrannte alles, was ich verehrte, und ich verneige mich vor dem,
was ich verbrannte.’
Gerade
in diesem Jahrzehnt erschienen solche Renegatenschriften wie ‘Das
bleiche Pferd’ von Ropschin, die Werke von Winnitschenko und anderen,
die aus dem Lager der Revolution in das Lager der Reaktion desertiert
waren und sich nun beeilten, die hohen Ideale zu schänden, für die der
beste, fortschrittlichste Teil der russischen Gesellschaft kämpfte.
Symbolisten, Imaginisten, Dekadente aller Schattierungen, die sich vom
Volk losgesagt hatten, die These von der ‘Kunst um der Kunst willen’
verkündeten, die Ideenlosigkeit in der Literatur propagierten und ihre
eigene geistige und moralische Verkommenheit hinter einer schönen Form
ohne Inhalt verbargen, wurden an die Oberfläche gespült. Sie alle
vereinte die tierische Angst vor der proletarischen Revolution. Es genügt,
daran zu erinnern, dass einer der größten ‘Ideologen’ dieser
reaktionären literarischen Strömungen Mereshkowski war, der die
bevorstehende Revolution das ‘Heranfluten des Pöbels’ nannte und
der Oktoberrevolution mit vertierter Wut entgegensah.
Anna
Achmatowa ist eine Vertreterin dieses ideenlosen reaktionären
literarischen Sumpfes. Sie gehört zur literarischen Gruppe der so
genannten ‘Akmeisten’, die seinerzeit aus den :Reihen der
Symbolisten hervorging, und ist der Bannerträger einer hohlen,
ideenlosen aristokratischen Salonpoesie, die der Sowjetliteratur absolut
fremd ist. Die Akmeisten selbst stellten eine extrem individualistische
Richtung in der Kunst dar. Sie propagierten die ‘L’art pour
l’art’-Theorie, die Theorie der ‘Kunst um der Kunst willen’,
doch vom Volk, von seinen Nöten und seinen Interessen, vom
gesellschaftlichen Leben wollten sie nichts wissen.
Ihrem
sozialen Ursprung nach war dies eine aristokratisch-bürgerliche Strömung
in der Literatur zu einer Zeit, da die Tage der Aristokratie und der
Bourgeoisie schon gezählt waren und die Poeten und Ideologen der
herrschenden Klasse danach trachteten, sich aus der unangenehmen
Wirklichkeit in die himmlischen Höhen und in den Nebel der religiösen
Mystik, in ihre armseligen persönlichen Erlebnisse und in die
Schilderung ihrer kleinen Seele flüchteten.
Die
Akmeisten waren ebenso wie die Symbolisten, die Dekadenten und andere
Vertreter der sich zersetzenden aristokratisch-bürgerlichen Ideologie
Verkünder der Entartung, des Pessimismus und des Glaubens an ein
Jenseits.
Die
Thematik Anna Achmatowas ist durch und durch individualistisch. Das
Register ihrer Poesie ist bis zur Armseligkeit beschränkt. Es ist die
Poesie der wildgewordenen Salondame, die sich zwischen Boudoir
(Damenzimmer - V.) und Betstuhl bewegt. Ihre Grundlagen sind erotische
Motive, die mit Motiven der Trauer, der Schwermut, des Todes, der Mystik
und der Verlorenheit verbunden sind. Das Gefühl der Verlorenheit - das
verständliche Gefühl für das gesellschaftliche Bewusstsein einer
aussterbenden Gruppe - die düsteren Töne der Hoffnungslosigkeit
Sterbender, mystische Erlebnisse, gepaart mit Erotik - das ist die
geistige Welt Anna Achmatowas, ein Stück aus den Trümmern der
unwiederbringlich und für alle Ewigkeit versunkenen Welt der alten
aristokratischen Kultur, der ‘guten alten Zeit unter Katharina’. Sie
ist halb Nonne, halb Dirne oder richtiger: Dirne und Nonne, bei der sich
Unzucht und Gebet miteinander verflechten:
„Aber
vor dir, englischer Garten,
verneige
ich mich,
verneige
mich vorm wundertätigen Ikon
und
unserer heißen Nächte Sohn ...“
(A.
Achmatowa, ‘Anno Domini’)
Das
ist Anna Achmatowa mt ihrem kleinen, engen persönlichen Leben, mit
ihren nichtigen Erlebnissen und ihrer religiös-mystischen Erotik.
Die
Poesie der Achmatowa ist dem Volk vollkommen fremd. Es ist die Poesie
der oberen Zehntausend des alten aristokratischen Russlands, der zum
Untergang Verurteilten, denen nur die Sehnsucht nach den ‘guten alten
Zeiten’ geblieben ist. Die Gutsbesitzerhöfe aus den Zeiten der
Katharina mit ihren jahrhundertealten Lindenalleen, ihren Springbrunnen,
Statuen, Steinbögen, ihren Orangerien, Liebeslauben und verfallenen
Wappen an den Toren, das aristokratische Petersburg, Zarskoje Selo, der
Bahnhof von Pawlowsk und ähnliche Reliquien der höfischen Kultur - all
das gehört unwiderruflich der Vergangenheit an. Den Trümmern dieser
fernen, dem Volk fremden Kultur, die sich wie durch ein Wunder bis in
unsere heutige Zeit erhalten haben, blieb nichts weiter übrig, als sich
in sich selbst zurückzuziehen und ein Schattendasein zu führen.
‘Alles
ist geraubt, verraten und verkauft’,
schreibt
Anna Achmatowa.
Über
die sozial-politischen und literarischen Ideale der Akmeisten schrieb
einer der bekanntesten Vertreter dieses Grüpchens, Ossip Mandelschtam,
kurz vor der Revolution:
„Die
Liebe zum Organismus und zur Organisation haben die Akmeisten mit dem
physiologisch-genialen Mittelalter gemeinsam ... Das Mittelalter
bestimmte den spezifischen Wert des Menschen auf seine Art. Es empfand
ihn und erkannte ihm jeden zu, völlig unabhängig von seinen
Verdiensten ... Ja, Europa ist durch das Labyrinth einer durchsichtig
feinen Kultur hindurch gegangen, der das abstrakte Sein, die durch
nichts beschönigte persönliche Existenz als Heldentat galt. Daher die
aristokratische Intimität, die alle Menschen verbindet und die dem
Geist der ‘Gleichheit und Brüderlichkeit’ der großen Revolution so
fremd ist ... Das Mittelalter ist uns deshalb so teuer, weil es in hohem
Grade das Gefühl für Distanz und Abgrenzung besaß ... Die glückliche
Mischung aus Vernunft, Mystik und Weltgefühl als eines lebendigen
Gleichgewichts verbindet uns eng mit dieser Epoche und lässt uns Kraft
schöpfen aus den Werken, die auf romanischem Boden um das Jahr 1200
entstanden.“
In
diesen Aussprüchen Mandelschtams sind die Hoffnungen und Ideale der
Akmeisten dargelegt.
‘Zurück
ins Mittelalter!’ das ist das gesellschaftliche Ideal dieser
aristokratischen Salongruppe. ‘Zurück zum Affen!’ ruft
Soschtschenko mit ihnen. Überflüssig zu betonen, dass der Stammbaum
der Akmeisten und der ‘Serapionsbrüder’ auf die gleichen Ahnherrn
zurückführt. Der gemeinsame Stammvater der Serapionsbrüder und der
Akmeisten ist E. Th. A. Hoffmann, einer der Begründer der Dekadenz und
des Mystizismus der aristokratischen Salons.
Warum
mussten plötzlich Anna Achmatowas Gedichte popularisiert werden? Was
hat sie für Beziehungen zu uns, zu den Sowjetmenschen? Warum musste
allen diesen dekadenten und uns zutiefst fremden literarischen
Richtungen eine literarische Tribüne zur Verfügung gestellt werden?
Aus
der Geschichte der russischen Literatur wissen wir, dass die reaktionären
literarischen Strömungen, zu denen auch die Symbolisten und die
Akmeisten gehören, mehr als einmal den Versuch gemacht haben, gegen die
hohen revolutionär-demokratischen Traditionen der russischen Literatur,
gegen ihre führenden Vertreter zu Feld zu ziehen, dass sie mehr als
einmal versucht haben, die Literatur ihrer hohen gesellschaftlichen und
ideologischen Bedeutung zu entkleiden und sie in den Sumpf der
Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit hineinzuziehen. Alle diese
‘Mode’strömungen sind der Vergangenheit anheim gefallen und
zusammen mit jenen Klassen in die Vergangenheit versunken, deren
Ideologie sie widerspiegelten. Was ist von all diesen Symbolisten,
Akmeisten, ‘Gelben Blusen’, ‘Karo Buben’, den ‘Unbekümmerten’
in unsere heimatlichen, russischen, in unserer Sowjetliteratur übrig
geblieben? Absolut nichts, obwohl sie ihren Feldzug gegen die Vertreter
der russischen revolutonär-demokratischen Literatur, Belinskij,
Dobroljubow, Tschernyschewski, Herzen und Saltykow-Schtschedrin, mit
viel Lärm und Anmaßung geplant hatten und mit dem gleichen Effekt
gescheitert sind.
Die
Akmeisten verkündeten:
‘Wir
wollen keinerlei Veränderungen des Daseins und lassen uns auf keine
Kritik an ihm ein.’
Warum
waren sie gegen jede Art der Veränderung des Daseins? Nun, weil das
alte aristokratische, bürgerliche Dasein ihnen gefiel, während das
revolutionäre Volk sich anschickte, dieses Dasein in Frage zu stellen.
Im Oktober 1917 wurden die herrschenden Klassen mitsamt ihren Ideologen
und Lobsängern auf den Kehrichthaufen der Geschichte geworfen.
Und
nun tauchen plötzlich nach der sozialistsischen Revolution einige
seltene Museumsstücke aus der Welt der Schatten wieder auf und wollen
unsere Jugend lehren, wie man leben müsse. Vor Anna Achmatowa werden
die Tore der Leningrader Zeitschrift weit geöffnet, und man gestattet
ihr großzügig, das Bewusstsein der Jugend mit dem unheilvollen Geist
ihrer Dichtkunst zu vergiften.
In
einer der Nummern der Zeitschrift ‘Leningrad’ wurde so etwas wie
eine Zusammenstellung der Werke Anna Achmatowas aus der Zeit von 1909
bis 1944 veröffentlicht. Da gibt es neben anderem Plunder ein Gedicht,
das in der Evakuierung während des Großen Vaterländischen Krieges
geschrieben wurde. In diesem Gedicht schreibt sie über ihre Einsamkeit,
die sie mit einem schwarzen Kater teilen musste. Der Kater sieht sie an
wie das Auge des Jahrhunderts. Das Thema ist nicht neu. Über den
schwarzen Kater hat Anna Achmatowa schon im Jahre 1909 geschrieben. Die
der Sowjetliteratur fremde Stimmung der Einsamkeit und Ausweglosigkeit
ist mit dem ganzen historischen Weg des ‘Schaffens’ Anna Achmatowas
verbunden.
Was
hat diese Dichtung mit den Interessen unseres Volkes und Staates gemein?
Absolut nichts. Anna Achmatowas Werk ist eine Angelegenheit der fernen
Vergangenheit, es ist der heutigen sowjetischen Wirklichkeit fremd und
kann in unseren Zeitschriften nicht geduldet werden. Unsere Literatur
ist kein Privatunternehmen, das darauf bedacht ist, die verschiedenen
Geschmacksrichtungen des literarischen Marktes zu befriedigen. Wir sind
durchaus nicht verpflichtet, den Geschmäckern und Sitten, die mit der
Moral und den Eigenschaften der Sowjetmenschen nichts zu tun haben, in
unserer Literatur einen Platz einzuräumen. Was können Anna Achmatowas
Schriften unsere Jugend lehren? Nichts, außer Schädlichem. Diese
Schriften können nur Mutlosigkeit, seelische Depression und Pessimismus
verbreiten sowie die Tendenz fördern, den dringenden Problemen des
gesellschaftlichen Lebens auszuweichen und sich vom breiten Weg des
gesellschaftlichen Lebens und der Aktivität in die enge Welt der persönlichen
Erlebnisse zurückzuziehen. Wie kann man die Erziehung unserer Jugend in
ihre Hände legen?! Aber nicht nur, dass Anna Achmatowa mit großer
Bereitwilligkeit in den Zeitschriften ‘Swesda’ und ‘Leningrad’
gedruckt wurde, es erschienen sogar besondere Sammelbände von ihr. Das
ist ein grober politischer Fehler.
Angesichts
all dessen ist es kein Zufall, dass in den Leningrader Zeitschriften
Werke anderer Schriftsteller zu erscheinen beginnen, die ebenfalls auf
die Position der Ideenlosigkeit und Dekadenz abgleiten. Ich habe Werke
von :Schriftstellern wie Sadofjew und Komissarowa im Auge. In einigen
ihrer Gedichte beginnen Sadofjew und Komissarowa in die Melodie Anna
Achmatowas einzustimmen. Sie fangen an, die Stimmung der Mutlosigkeit,
der Schwermut und Einsamkeit, die der Seele von Anna Achmatowa so teuer
sind, zu kultivieren.
Ganz
zu schweigen davon, dass solche Stimmungen oder die Verbreitung solcher
Stimmungen nur negativen Einfluss auf unsere Jugend haben, dass sie ihr
Bewusstsein mit dem faulen Geist der Ideenlosigkeit, der politischen
Indifferenz und der Mutlosigkeit vergiften.
Aber
was wäre geschehen, wenn wir unsere Jugend im Geiste der Mutlosigkeit
und des Unglaubens an unsere Sache erzogen hätten? Wir hätten im Großen
Vaterländischen Krieg nicht gesiegt. Gerade deshalb, weil der
Sowjetstaat und unsere Partei unsere Jugend mit Hilfe der
Sowjetliteratur zur Kühnheit, zum Vertrauen in die eigene Kraft erzogen
haben, gerade deshalb konnten wie die gewaltigen Schwierigkeiten überwinden
und den Sieg über die Deutschen und die Japaner erringen.
Was
folgt aus alledem?
Daraus
folgt, dass die Zeitschrift ‘Swesda’ dadurch, dass sie neben guten,
ideenreichen, mutigen Werken ideenlose, oberfläche, reaktionäre Werke
abdruckte, zu einer Zeitschrift ohne Linie wurde, zu einer Zeitschrift,
die den :Feinden half, unsere Jugend zu zersetzen. Aber die Stärke
unserer Zeitschriften bestand stets in ihrer mutigen, revolutionären
Ausrichtung und nicht im Eklektizismus (Aneinanderreihung von Dingen,
die sich ausschließen - V.), der Ideenlosigkeit und der politischen
Gleichgültigkeit. Die Propagierung der Ideenlosigkeit erhielt in der
‘Swesda’ Gleichberechtigung. Aber das ist noch nicht alles. Es
stellte sich heraus, dass Soschtschenko in der Leningrader
Schriftstellerorganisation eine solche Macht erlangt hatte, dass er
diejenigen, die anderer Meinung waren, anschrie, dass er den Kritikern
drohte, in einem seiner nächsten Werke gegen sie zu schreiben. Er wurde
zu einer Art literarischen Diktators. Er war von einer Gruppe Verehrer
umgeben, die ihm zu seinem Ruhm verhalfen.
Man
fragt sich, mit welcher Begründung? Warum haben Sie diesen widernatürlichen
und reaktionären Zustand geduldet?
Es
ist kein Zufall, dass man sich in den literarischen Zeitschriften
Leningrads für die moderne minderwertige bürgerliche Literatur des
Westens zu begeistern begann. Einige unserer Schriftsteller begannen,
sich nicht als Lehrer, sondern als Schüler der bürgerlich-philisterhaften
(d. i. spießigen - V.) Literaten zu betrachten zu betrachten. Sie
begannen, zur Kriecherei und Katzbuckelei vor der spießbürgerlichen
ausländischen Literatur herabzusinken. Steht uns, den Sowjetpatrioten,
den Erbauern der Sowjetordnung, die jedwede bürgerliche Ordnung
hundertmal übertrifft und besser ist als sie, eine solche Kriecherei
an? Steht diese Kriecherei vor der beschränkten philisterhaft-bürgerlichen
Literatur des Westens unserer fortschrittlichen Sowjetliteratur an, der
revolutionärsten der Welt?
Ein
großer Mangel in der Arbeit unserer Schriftsteller besteht auch in
ihrem Abschweifen von der modernen Sowjetthematik, in der einseitigen
Begeisterung für historische Themen auf der einen Seite und in den
Versuchen, sich mit rein unterhaltenden, geistlosen Sujets (Themen - V.)
zu beschäftigen auf der anderen. Einige Schriftsteller rechtfertigen
ihre Zurückhaltung gegenüber den großen sowjetischen Themen damit,
dass sie sagen, die Zeit sei gekommen, in der man dem Volk eine seichte
Unterhaltungsliteratur geben müsse, in der es keinen Ideengehalt zu
geben brauche. Das zeugt von einer völlig falschen Vorstellung von
unserem Volk, seinen Bedürfnissen und Interessen. Unser Volk wartet
darauf, dass die Sowjetschriftsteller die gewaltigen Erfahrungen, die
das Volk im Großen Vaterländischen Krieg gesammelt hat, erläutern und
zusammenfassen, dass sie den Heroismus schildern und allgemeingültig
darstellen, mit dem das Volk jetzt, nach der Vertreibung der Feinde, am
Wiederaufbau der Volkswirtschaft unseres Landes arbeitet.
Noch
ein paar Worte zu der Zeitschrift ‘Leningrad’. Hier ist die Position
Soschtschenkos und auch Anna Atmatowas noch ‘gefestigter’ als in der
‘Swesda’. Soschtschenko und Anna Achmatowa wurden zu aktiven
literarischen Kräften in beiden Zeitschriften. Die Zeitschrift
‘Leningrad’ trägt somit die Verantwortung dafür, dass sie solchen
Hohlköpfen wie Soschtschenko und einer solchen Salonpoetin wie Anna
Achmatowa ihre Seiten zur Verfügung gestellt hat.
Aber
in der Zeitschrift ‘Leningrad’ gibt es noch andere Fehler.
Da
gibt es zum Beispiel eine Parodie (Verspottung - V.) auf ‘Eugen
Onegin’ (von A. Puschkin, dem großen russischen Nationaldichter -
V.), die ein gewisser Chasin geschrieben hat. Das Ding nennt sich ‘Die
Heimkehr Onegins’. Man sagt, dass dieses Stück nicht selten auf der
Leningrader Kleinkunstbühne aufgeführt wird. Es ist unbegreiflich,
warum die Leningrader es dulden, dass Leningrads Ehre öffentlich
angegriffen wird, wie das Chasin tut. Oder liegt etwa der Sinn dieser so
genannten ‘Parodie’ nicht in einer Verspottung der Abenteuer, die
Onegin besteht, der in das heutige Leningrad geraten ist? Der Sinn
dieser von Chasin verfassten Schmähschrift besteht darin, dass er
versucht, unser heutiges Leningrad mit dem Petersburg der Puschkinschen
Epoche zu vergleichen und zu beweisen, dass unser Zeitalter schlechter
ist als das Onegins. Aber vielleicht sehen Sie sich einmal einige
Strophen diese ‘Parodie’ näher an. Nichts gefällt dem Autor in
unserem heutigen Leningrad. Er überschüttet die Sowjetmenschen und
Leningrad mit Gehässigkeiten und Verleumdungen. Was war das Zeitalter
Onegins? Nun, das goldene Zeitalter nach Ansicht Chasins. Das ist es
jetzt nicht mehr. Denn es gibt Wohnungsämter, Karten und
Passierscheine. Die Mädchen, diese überirdischen, ätherischen Wesen,
die damals Onegin in Verzücken versetzten, regulieren jetzt den
Stadtverkehr, reparieren Leningrader Häuser usw. usf. Gestatten Sie,
dass ich wenigstens eine Stelle aus dieser ‘Parodie’ zitiere:
„In
die Straßenbahn setzt sich unser Eugen,
der
arme, liebe Mensch!
Solche
Verkehrsmittel kannte
sein
unaufgeklärtes Zeitalter nicht.
Das
Schicksal behütete ihn,
ihm
wurde nur ein Bein gequetscht,
und
nur einmal sagte man ihm
mit
einem Stoß in den Magen: ‘Idiot!’
In
Erinnerung an mittelalterlichen Brauch
beschloss
er, den Streit durch ein Duell zu beenden.
Er
griff in die Tasche ..., aber jemand
hatte
ihm längst seine Handschuhe gestohlen.
Da
er sie nicht besaß,
schwieg
Onegin und beruhigte sich.“
So
also war Leningrad damals, und so ist es jetzt geworden: schlecht,
unkultiviert und grob, und in dieser unansehnlichen Gestalt stand es vor
dem armen, lieben Onegin. So also hat der Banause Chasin Leningrad und
die Leningrader dargestellt.
Eine
üble, verderbte, zersetzende Absicht steckt in dieser verleumderischen
Parodie!
Wie
konnte die Redaktion der Zeitschrift ‘Leningrad’ diese bösartige
Verleumdung Leningrads und seiner wunderbaren Menschen nur übersehen?!
Wie kann man Chasin und seinesgleichen in die Leningrader Zeitschrift
lassen?!
Nehmen
Sie ein anderes Werk: die Parodie auf die Parodie von Nekrassow. Sie ist
so abgefasst, dass sie eine direkte Beleidigung des großen Dichters
Nekrassow darstellt, der am gesellschaftlichen Leben seiner Zeit regen
Anteil nahm - eine Beleidigung, über die jeder aufgeklärte Mensch
heute empört sein müsste. Die Zeitschrift ‘Leningrad’ aber druckt
diese schmutzige Brühe bereitwillig ab.
Was
finden wir noch in der Zeitschrift ‘Leningrad’?
Eine
platte, fade, ausländische Anekdote, die offenbar einem Band
abgedroschener Anekdoten vom Ende des vorigen Jahrhunderts entnommen
ist. Fehlt es in der Zeitschrift ‘Leningrad’ etwa an Material, um
ihre Seiten zu füllen? Gibt es etwa nichts, worüber man in der
Zeitschrift ‘Leningrad’ schreiben könnte? Wenn Sie zum Beispiel
solch ein Thema wie den Wiederaufbau Leningrads nehmen: In der Stadt
geht eine großartige Arbeit vor sich, die Stadt heilt die Wunden, die
ihr die Blockade geschlagen hat, die Leningrader sind erfüllt von der
Begeisterung und vom Schwung des Nachkriegswiederaufbaus. Schreibt die
Zeitschrift ‘Leningrad’ etwas darüber? Werden es die Leningrader
jemals erleben, dass sich ihre Heldentaten der Arbeit in dieser
Zeitschrift widerspiegeln?
Nehmen
Sie ein anderes Thema: die Sowjetfrau. Kann man denn unter den
sowjetischen Leserinnen und Lesern die für Anna Achmatowa
charakteristischen schändlichen Ansichten über die Rolle und die
Berufung der Frau kultivieren, die keine wirklich wahrheitsgetreue
Vorstellung von der modernen Sowjetfrau überhaupt und von den
Leningrader Mächen und Heldinnen im Besonderen vermitteln, auf deren
Schultern die ungeheure Bürde der Kriegsjahre lastete, und die jetzt
selbstlos an der Lösung der mühevollen Aufgaben des Wiederaufbaus der
Wirtschaft arbeiten?
Wie
man sieht, ist in der Leningrader Abteilung des Schriftstellerverbandes
die Lage der Dinge so, dass gegenwärtig offenbar für zwei
literarisch-künstlerische Zeitschriften nicht genügend gute Werke
vorhanden sind. Und deshalb hat das Zentralkomitee der Partei
beschlossen, das Erscheinen der Zeitschrift ‘Leningrad’
einzustellen, um die besten literarischen Kräfte in der Zeitschrift
‘Swesda’ zu konzentrieren. Das heißt natürlich nicht, dass
Leningrad nicht unter entsprechenden Voraussetzungen eine zweite oder
sogar eine dritte Zeitschrift haben wird. Diese Frage wird durch die
Anzahl der guten, hochqualifizierten Werke entschieden. Wenn sie in genügender
Zahl vorhanden sein werden und der Raum in einer Zeitschrift für sie
nicht ausreicht, dann kann man eine zweite oder eine dritte Zeitschrift
herausgeben, sofern unsere Leningrader Schriftsteller eine in
ideologischer und künstlerischer Beziehung wertvolle Produktion
herausbringen.
Das
also sind die großen Fehler und Mängel, die im Beschluss des ZK der
KPdSU, B in Bezug auf die Arbeit der Zeitschriften ‘Swesda’ und
‘Leningrad’ aufgedeckt und festgestellt wurden.
Worin
liegt die Wurzel dieser Fehler und Mängel?
Die
Wurzel liegt darin, dass die Redakteure der genannten Zeitschriften, die
in unserer Sowjetliteratur Tätigen, aber auch die Verantwortlichen an
unserer ideologischen Front in Leningrad einige prinzipielle Thesen des
Leninismus zur Literatur vergessen haben. Viele unserer Schriftsteller
und viele von denen, die als verantwortliche Redakteure arbeiten oder
wichtige Posten im Schriftstellerverband bekleiden, glauben, dass die
Politik eine Angelegenheit der Regierung, eine Angelegenheit des ZK sei.
Was die Schriftsteller betreffe, so sei es nicht ihre Sache, sich mit
Politik zu beschäftigen. Schreibe jemand gewandt, künstlerisch und schön,
dann müsse man ihn oder sie drucken, ohne Rücksicht darauf, dass es in
den Beiträgen faule Stellen gibt, die unsere Jugend desorientieren und
vergiften. Wir fordern, dass unsere Genossen, und zwar sowohl die führenden
Verantwortlichen der Literatur als auch die Schreibenden selbst, sich
von dem leiten lassen, ohne das die Sowjetordnung nicht leben kann, das
heißt von der Politik, um unsere Jugend nicht im Geist der Gleichgültigkeit
und Ideenlosigkeit, sondern im Geist der Kühnheit und des revolutionären
Lebens zu erziehen.
Bekanntlich
hat der Leninismus die besten Traditionen der russischen revolutionären
Demokraten des 19. Jahrhunderts in sich aufgenommen, und die
Sowjetliteratur entstand, entwickelte sich und erblühte auf der
Grundlage des kritisch verarbeiteten kulturellen Erbes der
Vergangenheit. Auf dem Gebiete der Literatur hat unsere Partei durch den
Mund Lenins und Stalins wiederholt die ungeheure Bedeutung der großen
russischen revolutionär-demokratischen Schriftsteller und Kritiker -
Belinski, Dobroljubow, Tschernyschewski, Saltykow-Schtschedrin und
Plechanow - anerkannt. Angefangen bei Belinski, haben die besten
Vertreter der revolutionär-demokratischen russischen Intelligenz die so
genannte ‘reine Kunst’, die ‘Kunst um der Kunst willen’, nicht
anerkannt, sondern waren Verkünder der Kunst für das Volk, einer an
hohen Idealen reichen Kunst, und unterstrichen die gesellschaftliche
Bedeutung der Kunst. Die Kunst kann vom Schicksal des Volkes nicht
losgelöst werden. Erinnern Sie sich an Belinskis berühmten ‘Brief an
Gogol’, in dem der große Kritiker mit aller ihm eigenen
Leidenschaftlichkeit Gogol wegen seines Versuches geißelte, die Sache
des Volkes zu verraten und auf die Seite des Zaren überzugehen. Diesen
Brief bezeichnete Lenin als eines der besten Werke der nicht zensierten
demokratischen Presse, das seine ungeheure literarische Bedeutung bis
auf den heutigen Tag bewahrt hat.
Erinnern
Sie sich an die literarisch-publizistischen Aufsätze Dobroljubows, in
denen so kraftvoll die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur
aufgezeigt wurde. Unsere ganze russische revolutionär-demokratische
Publizistik ist erfüllt von tödlichem Hass gegen das zaristische
Regime und durchdrungen von dem edlen Streben, für die grundlegenden
Interessen des Volkes, für seine Aufklärung, seine Kultur und seine
Befreiung von den Fesseln des zaristischen Regimes zu kämpfen, als
streitbare Kunst, die den Kampf für die höchsten Ideale des Volkes führt.
So stellten sich die großen Vertreter der russischen Literatur die
Literatur und die Kunst vor.
Tschernyschewski,
der von allen utopischen Sozialisten dem wissenschaftlichen Sozialismus
am nächsten kam und dessen Werk, wie Lenin sagte, ‘den Geist des
Klassenkampfes ausströmte’, lehrte, dass die Aufgabe der Kunst neben
der Erkenntnis des Lebens auch noch darin besteht, die Menschen zu
lehren, gesellschaftliche Erscheinungen richtig zu beurteilen. Sein
engster Freund und Mitstreiter Dobroljubow zeigte, dass
‘das
Leben nicht nach literarischen Normen verläuft, sondern dass sich die
Literatur den Entwicklungsrichtungen des Lebens anpasst.’.
Er
propagierte mit allem Nachdruck die Prinzipien des Realismus und der
Volkstümlichkeit in der Literatur, da er der Meinung war, dass das
Fundament der Kunst die Wirklichkeit, dass sie der Ursprung des
Schaffens ist und dass der Kunst eine aktive Rolle im gesellschaftlichen
Leben zukommt, da sie das gesellschaftliche Bewusstsein formt. Nach der
Auffassung Dobroljubows soll die Literatur der Gesellschaft dienen, die
akutesten Fragen ihrer Zeit beantworten und auf dem Niveau der Ideen
ihrer Epoche stehen.
Die
marxistische Literaturkritik, die Fortsetzerin der großen Traditionen
Belinskis, Tschernyschewskis und Dobroljubows, war stets eine Anhängerin
der realistischen, gesellschaftlich bestimmten Kunst. Plechanow hat viel
dazu beigetragen, die idealistische, wissenschaftsfeindliche Vorstellung
von Literatur und Kunst zu entlarven und die Grundthesen unserer großen
russischen revolutionären Demokraten zu verteidigen, die uns gelehrt
haben, in der Literatur ein mächtiges Mittel des Dienstes am Volke zu
sehen.
W.
I. Lenin hat als erster das Verhältnis des fortschrittlichen
gesellschaftlichen Denkens zu Literatur und Kunst mit äußerster
Klarheit umrissen. Ich erinnere Sie an den bekannten Aufsatz Lenins
‘Parteiorganisation und Parteiliteratur’, den er Ende 1905
geschrieben hat, und in dem er mit der ihm eigenen Kraft bewies, dass
die Literatur nicht unparteiisch sein kann, sondern ein wichtiger
Bestandteil des allgemeinen proletarischen Kampfes sein muss. In diesem
Aufsatz hat Lenin die Grundlagen gelegt, auf denen die Entwicklung
unserer Sowjetliteratur basiert. Lenin schrieb:
„Die
Literatur muss Parteiliteratur werden. Im Gegensatz zu den bürgerlichen
Sitten, im Gegensatz zur bürgerlichen Privatunternehmer- und Krämerpresse,
im Gegensatz zum bürgerlichen literarischen Strebertum und
Individualismus, zum ‘Edelanarchismus’ und zur Profitjägerei - muss
das sozialistische Proletariat das Prinzip der P a r t e i l i t e r a t
u r aufstellen, dieses Prinzip entwickeln und in möglichst voller und
einheitlicher Form verwirklichen. Worin besteht das Prinzip der
Parteiliteratur? Nicht nur darin, dass für das sozialistische
Proletariat die literarische Tätigkeit überhaupt keine Profitquelle für
Einzelpersonen oder Gruppen sein darf; sie darf überhaupt keine von der
allgemeinen Sache des Proletariats unabhängige individuelle
Angelegenheit sein. Weg mit den parteilosen Literaten! Weg mit den
literarischen Übermenschen! Die literarische Tätigkeit muss zu einem B
e s t a n d t e i l der allgemeinen proletarischen Sache ... werden
...“ (W. I. Lenin, ‘Parteiorganisation und Parteiliteratur’, in: sämtliche
Werke, Bd. VIII, Wien/Berlin 1931, S. 522f).
Und
weiter heißt es in diesem Aufsatz:
„Man
kann nicht zugleich in der Gesellschaft leben und frei von ihr sein. Die
Freiheit des bürgerlichen Schriftstellers, Künstlers, Schauspielers
ist nur die maskierte (oder sich heuchlerisch maskierende) Abhängigkeit
vom Geldsack, von der Bestechung, von der Bezahlung.“ (Ebd., S. 526).
Der
Leninismus geht davon aus, dass unsere Literatur nicht apolitisch, nicht
‘Kunst um der Kunst willen’ sein darf, sondern dass sie eine
wichtige führende Rolle im gesellschaftlichen Leben zu spielen hat.
Davon geht das Leninsche Prinzip von der Parteilichkeit der Literatur
aus, was ein äußerst wichtiger Beitrag W. I. Lenins zur
Literaturwissenschaft ist.
Folglich
besteht die beste Tradition der Sowjetliteratur darin, dass sie die
besten Traditionen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts
fortsetzt - jene Traditionen, die von unseren großen revolutionären
Demokraten Belinski, Dobroljubow, Tschernyschewski und
Saltykow-Schtschedrin geschaffen, von Plechanow fortgesetzt und von
Lenin und Stalin ausgearbeitet und begründet worden sind.
Nekrassow
nannte seine Poesie ‘die Muse der Rache und des Grams’, und
Tschernyschewski und Dobroljubow betrachteten die Literatur als einen
heiligen Dienst am Volke. Die besten Vertreter der demokratischen
Intelligenz Russlands sind unter dem zaristischen Regime für ihre
hochsinnigen Ideen unter dem zaristischen Regime zugrundegegangn, zur
Zwangsarbeit und in die Verbannung geschickt worden. Wir kann man nur
diese ruhmvollen Traditionen vergessen? Wie kann man sich über sie
hinwegsetzen? Wie kann man zulassen, dass Leute vom Schlage Anna
Achmatowa und eines Soschtschenko die reaktionäre Losung ‘l’art
pour l’art’ einschmuggeln, dass sie, unter der Maske der
Ideenlosigkeit, dem Sowjetvolk fremde Ideen aufzwingen?! ...
Der
Leninismus erkennt unserer Literatur eine ungeheure, die Gesellschaft
umgestaltende Bedeutung zu. Wenn unsere Sowjetliteratur eine Einschränkung
dieser ihrer gewaltigen erzieherischen Rolle zuließe, so würde das
einer Rückentwicklung, die Rückkehr zur ‘Steinzeit’ bedeuten.
Genosse
Stalin hat unsere Schriftsteller ‘Ingenieure der menschlichen Seele’
genannt. Diese Definition hat einen tiefen Sinn. Sie bezeugt die
ungeheure Verantwortung der Sowjetschriftsteller für die Erziehung der
Menschen, für die Erziehung der Sowjetjugend und dafür, dass Ausschuss
in die Sowjetliteratur keinen Eingang finden darf.
Einigen
Leuten erscheint es sonderbar, dass das ZK solche strengen Maßnahmen in
der literarischen Frage ergriffen hat. Daran ist man bei uns nicht gewöhnt.
Man ist der Meinung, wenn in der Produktion Ausschuss erzeugt wird oder
das Produktionsprogramm für Massenbedarfsartikel oder der
Holzbeschaffungsplan nicht erfüllt werden, so sei es ganz natürlich,
einen Verweis dafür zu erteilen (zustimmende Heiterkeit im Saal), aber
wenn Ausschuss bei der Erziehung der menschenlichen Seele gemacht wird,
so könnte man das durchaus dulden. Aber ist denn das nicht ein
schlimmeres Vergehen als die Nichterfüllung des Produktionsprogramms
oder die Sabotage an den Produktionsaufgaben? Das ZK verfolgt mit seinem
Beschluss das Ziel, die ideologische Front mit allen anderen Abschnitten
unserer Arbeit in eine Linie zu bringen.
In
der letzten Zeit sind an der ideologischen Front große Rückstände und
Unzulänglichkeiten zu Tage getreten. Es genügt an das Zurückbleiben
unserer Filmkunst zu erinnern, an die Überschwemmung des dramatischen
Repertoires unserer Theater mit minderwertigen Stücken, ganz zu
schweigen von den Vorgängen in den Zeitschriften ‘Swesda’ und
‘Leningrad’. Das ZK war gezwungen einzuschreiten und die
Angelegenheit entschlossen in Ordnung zu bringen. Es hatte kein Recht
gegen Leute Milde walten zu lassen, die ihre Pflicht gegenüber dem
Volk, gegenüber der Erziehung der Jugend vergessen. Wenn wir die
Aufmerksamkeit unseres Aktivs auf die Fragen der ideologischen Arbeit
lenken, hier Ordnung schaffen und klare Direktiven für die Arbeit geben
wollen, dann müssen wir die Fehler und Mängel der ideologischen
Arbeit, so wie es sich für Sowjetmenschen, für Bolschewiki gehört,
scharf kritisieren. Nur dann werden wir imstande sein, die Sache in
Ordnung zu bringen.
Manche
Schriftsteller stellen folgende Überlegung an: Da in der Kriegszeit
wenige Bücher erschienen sind und das Volk nach Literatur ausgehungert
ist, verschlingt der Leser jede beliebige Ware, auch wenn sie Fäulniskeime
enthält. Das stimmt jedoch ganz und gar nicht, und wir können nicht
jedes beliebige literarische Erzeugnis hinnehmen, das uns von gleichgültigen
Schriftstellern, Redakteuren und Herausgebern untergeschoben wird. Das
Sowjetvolk erwartet von den Sowjetschriftstellern eine richtige
ideologische Ausrüstung, die geistige Anregung, die ihm helfen soll,
die Pläne des großen Aufbaus, die Pläne der Wiederherstellung und
Weiterentwicklung der Volkswirtschaft unseres Landes zu erfüllen. Das
Sowjetvolk stellt hohe Ansprüche an die Schriftsteller. Es verlangt die
Befriedigung seiner kulturellen und ideellen Bedürfnisse. Während des
Krieges konnten wir unter dem Zwang der Verhältnisse diese dringenden
Bedürfnisse nicht befriedigen. Das Volk will den Sinn der sich
abspielenden Ereignisse erklärt haben. Sein ideelles und kulturelles
Niveau ist gewachsen. Es ist oft mit der Qualität der bei uns
erscheinenden literarischen und künstlerischen Erzeugnisse nicht
zufrieden. Das haben einige Schriftsteller, einige Arbeiter an der
ideologischen Front nicht verstanden und wollen es nicht verstehen.
Das
Niveau der Ansprüche und des Geschmacks unseres Volkes ist außerordentlich
gestiegen, und wer sich auf dieses Niveau nicht begeben will oder sich
nicht begeben kann, wird zurückgelassen werden. Die Literatur ist nicht
nur dazu berufen, sich auf dem Niveau der Ansprüche des Volkes zu
halten, sondern sie ist darüber hinaus verpflichtet, den Geschmack des
Volkes zu entwickeln, seine Ansprüche zu steigern und es mit neuen
Ideen, die das Volk vorwärts bringen, zu bereichern. Wer mit dem Volk
nicht Schritt halten und seine gesteigerten Ansprüche nicht befriedigen
kann, wer nicht auf der Höhe der Aufgaben steht, die die Entwicklung
der Sowjetliteratur uns stellt, wird unweigerlich zum alten Eisen
geworfen.
Dem
Mangel an Ideen bei den führenden Mitarbeitern der Zeitschriften
‘Swesda’ und ‘Leningrad’ entspringt ein zweiter großer Fehler.
Er besteht darin, dass einige unserer führenden Mitarbeiter in ihrem
Verhältnis zu den Schriftstellern nicht die Interessen der politischen
Erziehung der Sowjetmenschen und die politische Ausrichtung der
Schriftsteller in den Vordergrund stellten, sondern die Interessen der
persönlichen Freundschaft. Man sagt, dass viele in ideeller Hinsicht
schädliche und in künstlerischer Hinsicht schwache Werke in Druck
gegeben werden, weil man den einen oder anderen Schriftsteller nicht
verletzen möchte. Nach dem Standpunkt solcher Mitarbeiter ist es
besser, die Interessen des Volkes und des Staates preiszugeben, als
irgend jemanden zu verletzen. Das ist eine völlig unrichtige und
politisch falsche Einstellung. Das ist genau dasselbe, wie wenn man eine
Million gegen einen Groschen tauschen würde.
Das
Zentralkomitee der Partei weist in seinem Beschluss auf den außerordentlichen
Schaden hin, den die Ersetzung der prinzipiellen Beziehungen zur
Literatur durch freundschaftliche Beziehungen verursacht. Die
prinzipienlosen freundschaftlichen Beziehungen unter einigen unserer
Schriftsteller spielten eine äußerst negative Rolle, führten zur
Senkung des ideologischen Niveaus vieler literarischer Werke und
erleichterten Leuten, die der Sowjetliteratur fremd gegenüberstanden,
den Zugang zur Literatur. Das Fehlen der Kritik seitens der Führer an
der ideologischen Front in Leningrad, seitens der führenden Mitarbeiter
in den Leningrader Zeitschriften, die Ersetzung prinzipieller
Beziehungen durch freundschaftliche Beziehungen auf Kosten der
Interessen des Volkes haben ungeheuren Schaden angerichtet.
Genosse
Stalin lehrt uns, dass wir, wenn wir unsere Kader erhalten, sie
unterweisen und erziehen wollen, keine Angst davor haben dürfen,
jemanden zu verletzen, dass wir keine Angst vor einer prinzipiellen, kühnen,
offenen und objektiven Kritik haben dürfen. Ohne Kritik kann jede
Organisation, auch die literarische, mit Fäulniskeimen infiziert
werden. Ohne Kritik kann man jede beliebige Krankheit ins Innere
hineintreiben, und dadurch wird es erschwert, mit ihr fertig zu werden.
Nur eine kühne und offene Kritik hilft unseren Menschen, sich zu
vervollkommnen, lässt sie vorwärtsschreiten und Mängel in ihrer
Arbeit überwinden. Dort, wo es keine Kritik gibt, nisten sich
Muffigkeit und Stagnation ein, dort gibt es keine Vorwärtsbewegung.
Genosse
Stalin hat wiederholt darauf hingewiesen, dass eine unerlässliche und
äußerst wichtige Voraussetzung für unsere Entwicklung darin besteht,
dass jeder Sowjetmensch das Ergebnis seiner Arbeit täglich prüft, dass
er sich furchtlos kontrolliert, seine Arbeit analysiert, seine Fehler
und Mängel mutig kritisiert, darüber nachdenkt, wie er bei seiner
Arbeit bessere Ergebnisse erzielen kann, und dass er unablässig an
seiner eigenen Vervollkommnung arbeitet. Das gilt in gleichem Maße für
die Schriftsteller wie für jeden anderen Arbeiter. Wer die Kritik
seiner Arbeit fürchtet, ist ein verachtungswürdiger Feigling, der die
Achtung des Volkes nicht verdient. (Stürmischer Beifall).
Das
unkritische Verhalten zur eigenen Arbeit, die Ersetzung prinzipieller
Beziehungen zu den Schriftstellern durch freundschaftliche ist auch im
Vorstand des sowjetischen Schriftstellerverbandes weit verbreitet. Der
Vorstand des Verbandes und insbesondere sein Vorsitzender Genosse
Tichonow, sind Schuld an den Missständen, die in den Zeitschriften
‘Swesda’ und ‘Leningrad’ aufgedeckt worden sind. Durch ihre
Schuld wurde nicht nur nicht durch dem Eindringen der schädlichen Einflüsse
Soschtschenkos, Anna Achmatowa und anderer nichtsowjetischer
Schriftsteller in die Sowjetliteratur kein Widerstand entgegengesetzt,
sondern sogar beim Eindringen von der Sowjetliteratur feindlichen
Tendenzen und Sitten ein Auge zugedrückt.
Bei
den Mängeln der Leningrader Zeitschriften spielte auch jenes System der
Verantwortungslosigkeit eine Rolle, das sich in der Leitung der
Redaktionen herausgebildet hatte, in denen unbekannt war, wer die
Gesamtverantwortung für die Zeitschrift trägt und wer für die
einzelnen Abteilungen verantwortlich ist, und in denen nicht die
elementarste Ordnung herrschen konnte. Dieser Mangel muss beseitigt
werden. Deshalb hat das Zentralkomitee in seinem Beschluss einen
Chefredakteur für die Zeitschrift ‘Swesda’ ernannt, der die
Verantwortung für die Richtung der Zeitschrift und für die hohe
ideologische und künstlerische Qualität der in der Zeitschrift
erscheinenden Werke trägt.
In
den Zeitschriften dürfen wie bei jeder anderen Sache Unordnung und
Anarchie nicht geduldet werden. Eine strenge Verantwortlichkeit für die
Richtung der Zeitschrift und für den Inhalt der veröffentlichten
Materialien ist notwendig.
Sie
müssen die ruhmvollen Traditionen der Leningrader Literatur und der
Leningrader ideologischen Front wieder aufrichten. Es ist bitter und kränkend,
dass die Zeitschriften Leningrads, die immer die Quelle
fortschrittlicher Ideen und einer fortschrittlichen Kultur waren, zu
einem Zufluchtsort für Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit geworden
sind. Die Ehre Leningrads als eines fortschrittlichen ideologischen und
kulturellen Zentrums muss wiederhergestellt werden. Man muss daran
denken, dass Leningrad die Wiege der bolschewistischen leninistischen
Organisationen war. Hier haben Lenin und Stalin die Grundlagen der
bolschewistischen Partei, die Grundlagen der bolschewistischen
Weltanschaung und der bolschewistischen Kultur gelegt.
Die
Leningrader Schriftsteller und das Leningrader Parteiaktiv müssen ihre
Ehre daransetzen, diese ruhmvollen Traditionen wiederherzustellen und
sie weiterzuentwickeln. Die Arbeiter an der ideologischen Front in
Leningrad, und in erster Linie der Schriftsteller, besteht darin,
Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit aus der Leningrader Literatur
auszumerzen, das Banner der fortschrittlichen Sowjetliteratur
hochzuhalten, keine Möglichkeit, sie ideologisch und künstlerisch zu
entwickeln, ungenutzt zu lassen, sich nicht von der Thematik der
Gegenwart zu entfernen, nicht hinter den Ansprüchen des Volkes zurückzubleiben,
in jeder Beziehung eine kühne Kritik an den eigenen Mängeln zu
entfalten, keine lobhudelnde Gruppen- und Freundschaftskritik, sondern
eine echte, mutige und unabhängige, ideologisch starke
bolschewistischen Kritik.
Genossen!
Es
muss Ihnen jetzt klar sein, welche groben Verfehlungen das Leningrader
Stadtkomitee der Partei begangen hat, insbesondere seine Abteilung für
Propaganda und Agitation sowie der Sekretär für Propaganda, Genosse
Schirokow, der an der Spitze der ideologischen Arbeit stand und der in
erster Linie die Verantwortung für den Verfall der Zeitschriften zu
tragen hat. Das Leningrader Parteikomitee beging einen groben
politischen Fehler, als es Ende Juni den Beschluss über die neue
Zusammensetzung der Redaktion der Zeitschrift ‘Swesda’ fasste, in
die auch Soschtschenko aufgenommen wurde. Dass der Sektretär des
Stadtkomitees der Partei, Genosse Kapustin, und der Sekretär für
Propaganda im Stadtkomitee, Genosse Schirokow, einen solchen falschen
Beschluss durchgeführt haben, lässt sich nur mit politischer Blindheit
erklären. Ich wiederhole, dass all diese Fehler wo schnell wie möglich
entschlossen korrigiert werden müssen, damit Leningrad seinen Platz im
ideologischen Leben unserer Partei wieder einnehmen kann.
Wir
alle lieben Leningrad, wir alle lieben unsere Leningrader
Parteiorganisation als einen Vortrupp unserer Partei. Leningrad darf den
verschiedenen literarischen Gaunern, die sich eingeschlichen haben und
Leningrad für ihre Zwecke ausnutzen wollen, keinen Unterschlupf gewähren.
Soschtschenko, Anna Achmatowa und ihresgleichen ist das sowjetische
Leningrad nicht teuer. Sie wollen in Leningrad andere
gesellschaftspolitische Zustände und eine andere Ideologie, das alte
Petersburg, den Ehernen Reiter als Symbol dieses alten Petersburg - das
ist es, was ihnen vorschwebt. Aber wir lieben das sowjetische Leningrad,
das Leningrad als führendes Zentrum der Sowjetkultur. Die ruhmreichen
Kohorte (Abteilungen - V.) der großen Revolutionäre und Demokraten,
die aus Leningrad hervorgegangen sind - das sind unsere Stammväter. Die
ruhmreichen Traditionen des heutigen Leningrads sind die Fortsetzung der
Entwicklung dieser großen revolutionären demokratischen Traditionen,
die wir um keinen Preis aufgeben. Das Leningrader Aktiv möge seine
Fehler kühn, ohne rückwärts zu schauen, ohne Beschönigung, gründlich
untersuchen, um die Angelegenheit so schnell wie möglich zu ordnen, um
unsere ideologische Arbeit voranzubringen. Die Leningrader Bolschewiki müssen
ihren Platz in den Reihen der Initiatoren und Führer bei der Bildung
der Sowjetideologie, des sowjetischen gesellschaftichen Bewusstseins
wieder einnehmen. (Stürmischer Beifall).
Wie
konnte es geschehen, dass das Leningrader Stadtkomitee der Partei eine
solche Lage an der ideologischen Front zuließ? Offenbar hat man sich
von der laufenden praktischen Arbeit für den Wiederaufbau der Stadt, für
den Aufstieg ihrer Industrie ablenken lassen und die Bedeutung der
ideologisch-erzieherischen Arbeit vergessen, und dieses Vergesssen ist
der Leningrader Organisation teuer zu stehen gekommen. Man darf die
ideologische Arbeit nicht vergessen! Der geistige Reichtum unserer
Menschen ist nicht minder wichtig als der materielle. Man darf nicht
blind dahinleben, ohne sich auf dem Gebiet der materiellen wie auch der
ideologischen Produktion um den morgigen Tag zu sorgen. Unsere
Sowjetmenschen haben eine solche Reife erlangt, dass sie nicht jedes
beliebige geistige Erzeugnis, das ihnen vorgesetzt wird,
‘schlucken’. Die Kulturschaffenden und Künstler, die sich nicht
umstellen und die gesteigerten Bedürfnisse des Volkes nicht zu
befriedigen imstande sein werden, können sehr rasch das Vertrauen des
Volkes verlieren.
Genossen!
Unsere
Sowjetliteratur lebt und muss leben für die Interessen des Volkes, für
die Interessen der Heimat. Das Volk betrachtet die Literatur als seine
eigene Sache. Deshalb betrachtet das Volk jeden Ihrer Erfolge, jedes
bedeutende Werk, als seinen eigenen Sieg. Deshalb kann jedes gelungene
Werk mit einer gewonnenen Schlacht oder mit einem großen Sieg an der
Wirtschaftsfront verglichen werden. Umgekehrt ist jeder Misserfolg in
der Sowjetliteratur für unser Volk, für unsere Partei und unseren
Staat tief verletzend und schmerzlich. Gerade das hat der Beschluss des
Zentralkomitees im Auge, das sich um die Interessen des Volkes und seine
Literatur kümmert und aufs höchste über die Lage bei den Leningrader
Schriftstellern beunruhigt ist.
Wenn
ideenlose Menschen die Leningrader Sektion der sowjetischen
Kulturschaffenden ihrer Grundlage berauben, die ideologische Seite ihrer
Arbeit untergraben und das Schaffen der Leningrader Schriftsteller
seiner gesellschaftlich umgestaltenden Bedeutung berauben wollen, so
hofft das Zentralkomitee, dass die Leningrader Schriftsteller die Kraft
finden werden, alle Versuche, die literarische Sektion Leningrads und
deren Zeitschriften in den Sumpf der Ideenlosigkeit, Prinzipienlosigkeit
und politischen Gleichgültigkeit hineinzuziehen, abzuwehren. Sie stehen
in der vordersten Linie der ideologischen Front. Sie haben gewaltige
Aufgaben von internationaler Bedeutung, und das muss das Gefühl der
Verantwortung jedes echten Sowjetschriftstellers vor seinem Volk, seinem
Staat und seiner Partei und das Bewusstsein der Wichtigkeit der zu erfüllenden
Aufgabe auf eine höhere Stufe heben.
Der
bürgerlichen Welt gefallen weder unsere Erfolge im Inneren unseres
Landes noch unsere Erfolge in der internationalen Arena. Durch den
Zweiten Weltkrieg haben sich die Positionen des Sozialismus gefestigt.
In vielen Ländern Europas wurde die Frage des Sozialismus auf die
Tagesordnung gesetzt. Das missfällt den Imperialisten aller Spielarten.
Sie fürchten den Sozialismus, sie fürchten unser sozialistisches Land,
das ein Vorbild für die gesamte fortschrittliche Menschheit ist. Die
Imperialisten, ihre ideologischen Helfershelfer, ihre Schriftsteller und
Journalisten, ihre Politiker und Diplomaten bemühen sich, unser Land
auf jede Weise zu verleumden, es in ein falsches Licht zu setzen und es
in jeder Weise zu verhöhnen. Unter diesen Umständen besteht die
Aufgabe der Sowjetliteratur nicht nur darin, gegen all diese auf unsere
Sowjetkultur und den Sozialismus gerichteten niederträchtigen
Verleumdungen und Beschuldigungen zum Gegenschlag auszuholen, sondern
auch darin, die bürgerliche Kultur, die sich im Zustand des Siechtums
und der Auflösung befindet, mutig anzuprangern und anzugreifen.
In
welche schöne äußere Form die heutigen bürgerlichen westeuropäischen
und amerikanischen Modeschriftsteller, Film- und Theaterregisseure ihre
Werke auch hüllen mögen, sie können ihre bürgerliche Kultur doch
nicht retten und stärken, weil ihre moralische Grundlage faul und
verderbt ist, weil diese Kultur im Dienst des kapitalistischen
Privateigentums, im Dienst der egoistischen, eigensüchtigen Interessen
der bürgerlichen Oberschicht der Gesellschaft steht. Die ganze Meute
der bürgerlichen Schriftsteller, Film- und Theaterregisseure bemüht
sich, die Aufmerksamkeit der fortschrittlichen Schichten von den akuten
Fragen des politischen und sozialen Kampfes abzulenken und sie in den
Sumpf der ideenlosen, oberflächlichen Literatur und Kunst
hineinzuziehen, die voll sind von Gangstern und Varietémädchen, von
Lobpreisungen des Ehebruchs und der Abenteuer aller möglichen
Hochstapler und Gauner.
Steht
es uns, die Vertreter der fortschrittlichen Sowjetkultur, die
Sowjetpatrioten an, als Verehrer oder als Schüler der bürgerlichen
Kultur aufzutreten?! Selbstverständlich hat unsere Kultur, die eine
Ordnung widerspiegelt, die einer jeden beliebigen bürgerlich-demokratischen
Ordnung überlegen ist, und eine der bürgerlichen Kultur um vieles überlegene
Kultur darstellt, ein Recht darauf, die anderen eine neue, allgemein
menschliche Moral zu lehren.
Wo
findet man ein solches Volk und ein solches Land wie bei uns? Wo findet
man Menschen mit solchen großartigen Eigenschaften, wie sie unser
Sowjetvolk im Großen Vaterländischen Krieg gezeigt hat und wie sie
unser Volk täglich beim Übergang zur friedlichen Entwicklung und zum
Wiederaufbau der Wirtschaft und Kultur in der Arbeit zeigt! Von Tag zu
Tag macht unser Volk immer bessere Fortschritte. Wir sind heute nicht,
was wir gestern waren, und wir werden morgen nicht sein, was wir heute
sind. Wir sind bereits nicht mehr dieselben Russen, die wir vor 1917
waren, und auch Russland ist nicht mehr das alte Russland, und auch
unser Charakter ist nicht mehr der gleiche. Wir haben uns verändert und
sind gewachsen mit den gewaltigen Umgestaltungen, die das Antlitz
unseres Landes von Grund auf verwandelt haben.
Diese
neuen hohen Qualitäten der Sowjetmenschen aufzeigen, nicht nur zeigen,
wie unser Volk heute ist, sondern auch einen Blick auf sein Morgen
werfen, unseren Weg nach vorne in hellem Licht zu zeigen - das ist die
Aufgabe jedes gewissenhaften Sowjetschriftstellers. Der Schriftsteller
darf nicht hinter den Ereignissen hinterher hinken: Es ist seine
Pflicht, in den vordersten Reihen unseres Volkes zu gehen und ihm den
Weg seiner Entwicklung zu weisen. Unter Anwendung der Methode des
sozialistischen Realismus muss der Schriftsteller unsere Wirklichkeit
gewissenhaft und aufmerksam studieren, sich bemühen, in das Wesen
unseres Entwicklungsprozesses tief einzudringen und so unser Volk
erziehen und ideologisch wappnen. Wenn wir die besten Gefühle und
Eigenschaften des Sowjetmenschen herausstellen und ihm zeigen, was der
morgige Tag für ihn bereithält, so müssen wir unseren Menschen aber
gleichzeitig auch zeigen, wie sie nicht sein sollen und müssen die Überreste
des gestrigen Tages geißeln, die die Sowjetmenschen beim Vorwärtsschreiten
aufhalten. Die Sowjetschriftsteller müssen dem Volk, dem Staat und der
Partei helfen, unsere Jugend zu aufrechten, sich ihrer Kraft bewussten,
keine Hindernisse fürchtenden Menschen zu erziehen.
Mögen
sich die bürgerlichen Politiker und Literaten bemühen, die Wahrheit über
die Erfolge des Sowjetsystems und der Sowjetkultur zu verbergen, mögen
sie versuchen, einen eisernen Vorhang aufzurichten, der verhindern soll,
dass die Wahrheit über die Sowjetunion ins Ausland dringt. Mögen sie
alle Anstrengungen machen, um das wirkliche Wachstum und den Schwung der
Sowjetkultur zu verkleinern - all diese Versuche sind zum Scheitern
verurteilt. Wir kennen sehr gut die Kraft und die Überlegenheit unserer
Kultur. Es genügt, an die Erfolge unserer Auslandsdelegationen, unsere
Sportparaden usw. zu erinnern. Und ausgerechnet wir sollen vor allem
Ausländischen den Rücken beugen oder eine passive
Verteidigungsstellung beziehen!?
Wenn
die Feudalordnung und danach die Bourgeosie in ihrer Blütezeit eine
Kunst und eine Literatur schaffen konnten, die das Entstehen der neuen
Ordnung unterstützten und ihr Aufblühen besangen, dann sind wir, die
Vertreter einer neuen sozialistischen Ordnung, die die Verkörperung des
Besten ist, was die Geschichte der menschlichen Zivilisation und Kultur
hervorgebracht hat, umso eher in der Lage, die fortschrittlichste
Literatur der ganzen Welt zu schaffen, die die besten Vorbilder künstlerischen
Schaffens vergangener Zeiten weit hinter sich lassen wird.
Genossen!
Was
verlangt und wünscht das Zentralkomitee? Das ZK der Partei wünscht,
dass das Leningrader Aktiv und die Leningrader Schrifsteller begreifen,
dass es an der Zeit ist, unsere ideologische Arbeit auf ein hohes Niveau
zu bringen. Vor der jungen Generation der Sowjetunion steht die Aufgabe,
die Kraft und die Macht des sozialistischen Sowjetsystems zu festigen,
die Triebkräfte der Sowjetgesellschaft für ein neues, gewaltiges Aufblühen
unseres Wohlstandes und unserer Kultur voll auszunutzen. Um diese großen
Aufgaben erfüllen zu können, muss die Sowjetjugend zu aufrechten,
standhaften Menschen erzogen werden, die keine Hindernisse fürchten,
sondern diesen Hindernissen entgegentreten und imstande sind, sie zu überwinden.
Unsere Menschen müssen gebildete, von großen Ideen erfüllte Menschen
mit hohen kulturellen und moralischen Ansprüchen und Neigungen werden.
Dieses Ziel macht es nötig, dass sich unsere Literatur und unsere
Zeitschriften nicht von den Gegenwartsaufgaben entfernen, sondern der
Partei und dem Volk helfen, unsere Jugend im Geiste einer grenzenlosen
Ergebenheit für die Sowjetordnung, im Geiste des selbstlosen Dienstes für
die Interessen des Sowjetvolkes zu erziehen.
Die
Sowjetschriftsteller und alle unsere ideologischen Arbeiter stehen jetzt
in der vordersten Feuerlinie, denn die Aufgaben an der ideologischen
Front und vor allem in der Literatur werden unter den Bedingungen der
friedlichen Entwicklung nicht geringer, sondern umgekehrt: sie wachsen!
Das
Volk, der Staat und die Partei möchten nicht, dass sich die Literatur
von der Gegenwart entfernt, sondern dass sie aktiv in alle Seiten des
Sowjetlebens eingreift. Die Bolschewiki schätzen die Literatur sehr
hoch. Sie sehen ganz deutich ihre geschichtliche Mission und die Rolle,
die sie in der Festigung der moralischen und politischen Einheit des
Volkes, im Zusammenschluss und in der Erziehung des Volkes zu spielen
hat. Das ZK der Partei möchte, dass es bei uns geistige Kultur im Überfluss
gibt, denn in diesem Kulturreichtum sieht es eine der Hauptaufgaben des
Sozialismus.
Das
ZK der Partei ist davon überzeugt, dass die Leningrader Sektion der
Sowjetliteratur, die moralisch und politisch gesund ist, ihre Fehler
rasch beseitigen und den ihr gebührenden Platz in der Sowjetliteratur
wieder einnehmen wird.
Das
ZK ist überzeugt davon, dass die Mängel in der Arbeit der Leningrader
Schrifsteller überwunden werden und dass die ideologische Arbeit der
Leningrader Parteiorganisation in kürzester Zeit das hohe Niveau
erreichen wird, das die Interessen der Partei, des Volkes und des
Staates erfordern. (Stürmischer Beifall. Alle erheben sich von den Plätzen.)
Aus:
‘Bolschewik’, 1946, Nr. 17/18 zurück
2.
Rede
Kritische
Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: ‘Geschichte der westeuropäischen
Philosophie’, Rede auf der Philosophentagung in Moskau, Juni 1947
Genossen!
Die
Diskussion über das Buch des Genossen Alexandrow blieb nicht auf den
Rahmen des behandelten Themas beschränkt. Sie entfaltete sich in die
Breite und in die Tiefe und warf gleichzeitig mehr allgemeine Fragen der
Lage an der philosophischen Front auf. Diskussion verwandelte sich in
eine Art Unionskonferenz zu Fragen des Standes der wissenschaftlich
philosophischen Arbeit. Das ist allerdings ganz natürlich und gesetzmäßig.
Die Schaffung eines Lehrbuches der Geschichte der Philosophie, des
ersten marxistischen Lehrbuchs auf diesem Gebiet, ist eine Aufgabe von
gewaltiger wissenschaftlicher und politischer Bedeutung. Nicht zufällig
schenkte deshalb das Zentralkomitee dieser Frage solche Aufmerksamkeit,
als es die gegenwärtige Diskussion organisierte.
Die
Ausarbeitung eines guten Lehrbuchs der Geschichte der Philosophie
bedeutet, unsere Intelligenz, unsere Kader, unsere Jugend mit einer mächtigen
ideologischen Waffe auszurüsten, und heißt gleichzeitig, einen großen
Schritt vorwärts auf dem Weg der Entwicklung der
marxistisch-leninistischen Philophie zu tun. Dies macht die hohen
Anforderungen, die hier an das Lehrbuch gestellt werden, verständlich.
Die Erweiterung des Rahmens der Diskussion erwies sich deshalb als
durchaus nützlich. Ihre Ergebnisse werden zweifellos groß sein, und
das um so mehr, als hier nicht nur mit der Einschätzung des Lehrbuchs
verbundene Fragen, sondern auch weiterreichende Probleme der
philosophischen Arbeit berührt wurden.
Ich
gestatte mir, auf beide Themen kurz einzugehen. Der Gedanke, die
Diskussion zusammenfassen, liegt mir fern - das ist die Aufgabe des
Verfassers des Buches -, ich trete hier in der Diskussion auf.
Ich
bitte von vorneherein um Entschuldigung, dass ich Zitate gebrauchen
werde, obwohl Genosse Baskin uns nachdrücklich davor gewarnt hat, dies
zu tun. Ihm als alten philosophischen Seebären fällt es natürlich
leicht, die philosophischen Meere und Ozeane ohne
Navigationsinstrumente, über den Daumen peilend, nach der Nase - wie
die Seeleute sagen - zu durchfurchen. (Heiterkeit). Mir, einem
philosophischen Schiffsjungen, der das erste Mal das im schweren Sturm
schwankende Deck des philosophischen Schiffs betritt, sei es jedoch
gestattet, Zitate als Orientierungspunkte zu benutzen, die es ermöglichen,
den richtigen Kurs zu halten. (Heiterkeit, Beifall).
Ich
gehe zu den Bemerkungen über das Lehrbuch über.
1.
Die Mängel des Buches des Genossen
Alexandrow
Ich
denke, dass wir berechtigt sind, von einem Lehrbuch der Geschichte der
Philosophie die Erfüllung folgender, meines Erachtens elementarer
Bedingungen zu fordern:
Erstens:
In
dem Lehrbuch muss der Gegenstand der Geschichte der Philosophie als
Wissenschaft genau bestimmt werden.
Zweitens:
Das
Lehrbuch muss wissenschaftlich, das heißt, auf dem Fundament der
neuesten Errungenschaften des dialektischen und historischen
Materialismus begründet sein.
Drittens:
Die
Darstellung der Geschichte der Philosophie darf nicht scholastisch (nur
Schulen darstellend - V.), sondern muss schöpferisch aktiv sein, muss
unmittelbar mit den aktuellen Aufgaben verbunden sein, zu deren Klärung
beitragen und die Perspektiven der Weiterentwicklung der Philosophie
aufzeigen.
Viertens:
Das
angeführte Tatsachenmaterial muss einwandfrei überprüft und zuverlässig
sein und
fünftens
muss
der Stil der Darstellung klar, präzis und überzeugend sein.
Meiner
Auffassung nach wird das Lehrbuch den gestellten Anforderungen nicht
gerecht.
Zunächst
zum Gegenstand der Wissenschaft.
Genosse
Kiwenko hat darauf hingewiesen, dass das Lehrbuch des Genossen
Alexandrow keine klare Vorstellung von dem Gegenstand der Wissenschaft
gibt und dass es trotz der im Lehrbuch gegebenen Vielzahl von
Definitionen mit Teilbedeutung an einer erschöpfenden,
verallgemeinernden Definition fehlt, da jede Teildefinition nur einzelne
Seiten der Frage beleuchtet. Diese Bemerkung ist durchaus richtig. Der
Gegenstand der Geschichte der Philosophie als einer Wissenschaft bleibt
tatsächlich undefiniert. Die auf Seite 14 gegebene Definition ist
unvollständig. Die Definition auf Seite 22, die - offenbar als die
grundlegende Definition, durch Kursivdruck hervorgehoben - ist dem Wesen
nach falsch. Auch wenn man dem Verfasser zustimmt, dass
‘die
Geschichte der Philosophie die Geschichte der fortschreitenden,
aufsteigenden Entwicklung des Wissens des Menschen von der ihn
umgebenden Welt’
ist,
so heißt das, dass der Gegenstand der Geschichte der Philosophie mit
dem Gegenstand der Geschichte der Wissenschaft überhaupt zusammenfällt.
Die Philosophie selbst hat dann aber das Aussehen einer Wissenschaft der
Wissenschaften - etwas, das der Marxismus schon seit langem verneint
hat.
Falsch
und ungenau ist auch die Behauptung des Verfassers, die Geschichte der
Philosophie sei auch die Geschichte der Entstehung und Entwicklung vieler
moderner Ideen, denn der Begriff ‘modern’ wird im
gegebenen Fall mit dem Begriff ‘wissenschaftlich’ gleichgesetzt, was
natürlich falsch ist. Bei der Definition des Gegenstands der Geschichte
der Philosophie gilt es von den Definitionen der philosophischen
Wissenschaft auszugehen, die von Marx, Engels, Lenin und Stalin gegeben
wurden:
„Diese,
die revolutionäre Seite der Hegelschen Philosophie wurde von Marx übernommen
und entwickelt. Der dialektische Materialismus ‘braucht keine über
den anderen Wissenschaften stehende Philosophie mehr’. Was von der
bisherigen Philosophie noch bestehenbleibt, ist die ‘Lehre vom Denken
und seinen Gesetzen - die formale Logik und die Dialektik’. Die
Dialektik in der Marxschen ebenso wie in der Hegelschen Auffassung
schließt jedoch in sich das ein, was man heute Erkenntnistheorie,
Gnoseologie nennt, die ihren Gegenstand gleichfalls historisch
betrachten muss, indem sie die Entstehung und Entwicklung der
Erkenntnis, den Übergang von der Unkenntnis zur Erkenntnis erforscht
und verallgemeinert.“
(W.
I. Lenin, ‘Karl Marx/Friedrich Engels’, Dietz Verlag Berlin 1951, S.
14/15).
Die
wissenschaftliche Geschichte der Philosophie ist also die Geschichte des
Aufkeimens, der Entstehung und Entwicklung der wissenschaftlichen,
materialistischen Weltanschauung und ihrer Gesetze. Insofern der
Materialismus im Kampf gegen die idealistischen Strömungen gewachsen
ist und sich entwickelt hat, ist die Geschichte der Philosophie zugleich
die Geschichte des Kampfes des Materialismus gegen den Idealismus.
Was
die Wissenschaftlichkeit des Lehrbuchs vom Standpunkt der Auswertung der
neuesten Errungenschaften des dialektischen und historischen
Materialismus betrifft, so weist das Lehrbuch auch in dieser Beziehung
sehr ernste Mängel auf.
Der
Verfasser stellt die Geschichte der Philosophie und den Gang der
Entwicklung der philosophischen Ideen und Systeme als eine gleichförmige
fließende evolutionäre Entwicklung hin, die durch das Anwachsen
quantitativer Veränderungen vor sich geht. Es entsteht der Eindruck,
als sei der Marxismus aus der Entwicklung der vorangegangenen
fortschrittlichen Lehren, in erster Linie aus der Lehre der französischen
Materialisten, der englischen politischen Ökonomie und der
idealistischen Schule Hegels als einfacher Nachfolger hervorgegangen.
Der
Verfasser sagt auf Seite 475, dass die vor Marx und Engels geschaffenen
philosophischen Theorien zwar mitunter auch große Entdeckungen
enthalten hätten, jedoch nicht in allen Schlussfolgerungen bis zu Ende
konsequent und wissenschaftlich gewesen wären.
Eine
solche Definition unterscheidet den Marxismus von den vormarxschen
philosophischen Systemen nur als eine bis zu Ende konsequente und in all
ihren Schlussfolgerungen wissenschaftliche Lehre. Also unterscheidet
sich der Marxismus von den vormarxschen philosophischen Lehren nur
dadurch, dass diese Philosophen nicht bis zu Ende konsequent und
wissenschaftlich waren, und dass die alten Philosophen nur ‘irrten’.
Wie
Sie sehen, ist hier nur von quantitativen Veränderungen die Rede. Das
ist aber Metaphysik (undialektisch gesehen - V.). Die Entstehung des
Marxismus war eine echte Entdeckung, eine Revolution in der Philosophie.
Natürlich konnte diese Entdeckung, ebenso wie jede andere Entdeckung,
wie jeglicher Sprung, jegliche Unterbrechung der stetigen Entwicklung,
jeglischer Übergang in einen neuen Zustand, nicht ohne vorherige Anhäufung
quantitativer Veränderungen erfolgen - im gegebenen der Ergebnisse der
Entwicklung der Philosophie bis zu der von Marx und Engels gemachten
Entdeckung. Der Verfasser versteht offensichtlich nicht, dass Marx und
Engels eine neue Philosophie geschaffen haben, dass sie sich von allen
vorhergegangenen, auch fortschrittlichen philosophischen Systemen
qualitativ unterscheidet. Das Verhältnis der Marxschen zu allen
vorhergegangenen Philosophien und die Umwälzung, die der Marxismus in
der Philosophie vollzog, indem er sie in eine Wissenschaft verwandelt
hat, ist bekannt. Um so verwunderlicher ist es, dass der Verfasser seine
Aufmerksamkeit nicht darauf konzentriert, was im Marxismus gegenüber
den vorangegangenen philosophischen Systemen neu und revolutionär war,
sondern darauf, was ihn mit der Entwicklung der vormarxschen Philosophie
verbindet. Jedoch haben Marx und Engels selbst gesagt, dass ihre
Entdeckung das Ende der alten Philosophie bedeutet:
„Das
Hegelsche System war die letzte, vollendetste Form der Philosophie,
insofern diese als besondere, allen anderen Wissenschaften überlegene
spezielle Wissenschaft vorgestellt wird. Mit ihm scheiterte die ganze
Philosophie. Was aber blieb, war die dialektische Denkweise und die
Auffassung der natürlichen, geschichtlichen und intellektuellen Welt
als einer sich ohne Ende bewegenden, umbildenden, in stetem Prozess von
Werden und Vergehen begriffenen. Nicht nur an die Philosophie, an a l l
e Wissenschaften war jetzt die Forderung gestellt, die Bewegungsgesetze
dieses steten Umbildungsprozesses auf ihrem besonderen Gebiet
nachzuweisen. Und dies war das Erbteil, das die Hegelsche Philosophie
ihren Nachfolgern hinterließ.“
(Marx/Engels,
Gesamtausgabe, Sonderausgabe: Friedrich Engels, ‘Herrn Eugen Dührings
Umwälzung der Wissenschaften. Dialektik der Natur’, Moskau-Leningrad
1935, S. 399).
Der
Verfasser versteht offenbar den konkreten historischen Prozess der
Entwicklung der Philosophie nicht.
Einer
der wesentlichen, wenn nicht der Hauptmangel des Buches ist das Außerachtlassen
der Tatsache, dass sich im Verlauf der Geschichte nicht nur die
Ansichten über diese oder jene philosophische Frage änderten, sondern
dass der Kreis dieser Fragen selbst, ger G e g e n s t a n d der
Philosophie selbst, sich in einer ständigen Veränderung befand, was
der dialektischen Natur der menschlichen Erkenntnis vollauf entspricht
und jedem echten Dialektiker klar sein müsste.
Auf
Seite 24 seines Buches schreibt Genosse Alexandrow bei der Darstellung
der Philosophie der alten Griechen:
„Die
Philosophie als selbstständiges Wissensgebiet entstand in der antiken
Sklavenhaltergesellschaft.“
Und
weiter:
„Die
Philosophie, die im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung als
besonderes Wissensgebiet entstanden ist, erfuhr eine weite
Verbreitung.“
Können
wir jedoch von der Philosophie der alten Griechen als von einem
besonderen, differenzierten Wissensgebiet sprechen? Keinesfalls. Die
philosophischen Ansichten der Griechen waren so eng mit ihren
naturwissenschaftlichen, politischen Ansichten verflochten, dass wir
unsere, die später entstandene Teilung der Wissenschaften, ihre
Klassifikation nicht auf die griechische Wissenschaft übertragen dürfen.
Wir haben kein Recht dazu. Dem Wesen nach kannten die Griechen nur eine
ungegliederte Wissenschaft, die auch ihre philosophischen Ansichten
beinhaltete. Ob wir nun Demokrit, Epikur oder Aristoteles nehmen - sie
alle bestätigen gleichermaßen den Gedanken Engels’, dass
„die
ältesten griechischen Philosophen gleichzeitig Naturforscher“
(F.
Engels, ‘Dialektik der Natur’, Berlin 1951, S. 198)
waren.
Die
Eigenart der Entwicklung der Philosophie besteht darin, dass sich mit
der Entwicklung der wissenschaftichen Kenntnisse von der Natur und der
Gesellschaft eine positive Wissenschaft nach der anderen verselbständigte.
Folglich verkleinerte sich das Gebiet der Philosophie ununterbrochen
zugunsten der Entwicklung der positiven Wissenschaften. (Nebenbei
bemerkt, ist dieser Prozess bis heute noch nicht beendet). Und diese
Befreiung der Naturwissenschaft und der Gesellschaftswissenschaft von
der Vormundschaft der Philosophie stellte sowohl für die Natur- und
Gesellschaftswissenschaft als auch für die Philosophie selbst einen
Fortschritt dar.
Die
Schöpfer philosophischer Systeme der Vergangenheit, die auf die
Erkenntnis absoluter Wahrheiten letzter Instanz Anspruch erhoben,
konnten die Entwicklung der Naturwissenschaften nicht fördern, weil sie
sie in ihre Schemata einzwängten, da sie bestrebt waren, über der
Wissenschaft zu stehen und der lebendigen menschlichen :Erkenntnis
Schlussfolgerungen aufdrängten, die nicht vom realen Leben, sondern von
den Bedürfnissen des Systems diktiert waren. Unter diesen Bedingungen
verwandelte sich die Philosophie in ein Museum, in dem die
mannigfaltigsten Tatsachen, Schlussfolgerungen, Hypothesen und einfache
Fantasien auf einem Haufen lagen. Mochte die Philosophie auch der
systematischen Sichtung der philosophischen Betrachtung dienen, als
Instrument der praktischen Einwirkung auf die Welt, als Instrument der
Erkenntnis der Welt war sie jedoch ungeeignet.
Das
letzte System dieser Art war das System Hegels, der ein philosophisches
Gebäude zu errichten trachtete, das sich alle übrigen Wissenschaften
unterordnete, sie in das Prokrustesbett (Zwangsjacke - V.) seiner
Kategorien einzwängte, und, in der Absicht, alle Widersprüche zu lösen,
in einen ausweglosen Widerspruch mit der dialektischen Methode geriet,
die er selbst erraten, aber nicht verstanden und deshalb falsch
angewendet hat. Dazu Friedrich Engels:
„Sobald
wir einmal eingesehen haben ..., dass die so gestellte Aufgabe der
Philosophie weiter nichts heißt, als die Aufgabe, dass ein einzelner
Philosoph das leisten soll, was nur die gesamte Menschheit in ihrer
fortschreitenden Entwicklung leisten kann - sobald wir das einsehen -
sobald wir das einsehen, ist es auch am Ende mit der ganzen Philosophie
im bisherigen Sinne des Wortes. Man lässt die auf diesem Weg und für
jeden einzelnen unerreichbare ‘absolute Wahrheit’ laufen und jagt
dafür den erreichbaren relativen Wahrheiten nach auf dem Weg der
positiven Wissenschaften und der Zusammenfassung ihrer Resultate
vermittelst des dialektischen Denkens.“
(Friedrich
Engels, ‘Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen
Philosophie’, Berlin 1951, S. 11f).
Die
Entdeckung von Marx und Engels stellt das Ende der alten Philosophie
dar, das heißt das Ende jener Philosophie, die auf eine universelle
Erklärung der Welt Anspruch erhob.
Die
verschwommenen Formulierungen des Verfassers verwischen die gewaltige
revolutionäre Bedeutung der genialen philosophischen Entdeckung von
Marx und Engels, indem sie den Nachdruck darauf legen, was Marx mit den
vorher gegangenen Philosophen verband, ohne aufzuzeigen, dass mit Marx
eine vollkommen neue Periode der Geschichte der Philosophie, die das
erste Mal eine Wissenschaft wurde, beginnt.
In
engem Zusammenhang mit diesem Fehler wird in dem Lehrbuch der
unmarxistischen Behandlung der Geschichte der Philosophie als einer allmählichen
Ablösung einer philosophischen Schule durch eine andere das Wort
geredet. Mit dem Auftreten des Marxismus als der wissenschaftlichen
Weltanschauung des Proletariats endet die alte Periode der Geschichte
der Philosophie, in der die Philosophie eine Beschäftigung von
einzelnen, eine Angelegenheit abgekapselter, vom Leben, vom Volk losgelöster
volksfremder philosophischer Schulen war, die aus einer geringen Zahl
von Philosophen und ihren Schülern bestanden.
Der
Marxismus ist keine derartige philosophische Schule. Er ist im Gegenteil
die Überwindung der alten Philosophie, die eine Angelegenheit einiger
Auserwählter, der Geistesaristokratie war und der Beginn einer
vollkommen neuen Periode der Geschichte der Philosophie, in der diese zu
einer wissenschaftlichen Waffe in den Händen der um ihre Befreiung vom
Kapitalismus kämpfenden proletarischen Massen wurde.
Die
marxistische Philosophie ist zum Unterschied von den vorher gegangenen
philosophischen Systemen keine Wissenschaft über anderen
Wissenschaften, sondern sie ein Instrument der wissenschaftlichen
Erforschung, eine Methode, die alle Wissenschaften von der Natur und
Gesellschaft durchdringt und sich mit den im Prozess der Entwicklung
dieser Wissenschaften erzielten Ergebnissen bereichert. In diesem Sinne
ist die marxistische Philosophie die vollständigste und entschiedenste
Verneinung der gesamten vorhergegangenen philosophischen Systeme.
Negieren, verneinen, bedeutet aber - wie Engels unterstrich - nicht
einfach ‘nein’ sagen. Die Negation (Verneinung - V.) beinhaltet die
Kontinuität, bedeutet die Aufnahme, die kritische Verarbeitung und die
Vereinigung alles Fortschrittlichen und Progessiven, was in der
Geschichte des menschlichen Denkens bereits erreicht wurde, in einer
neuen höheren Synthese.
Da
die marxistische dialektische Methode existiert, folgt daraus, dass die
Geschichte der Philosophie die Geschichte der Vorbereitung dieser
Methode beinhaltet und man zeigen muss, was ihre Entstehung bedingt hat.
Das
Buch Alexandrows enthält nicht die Geschichte der Logik und der
Dialektik und der Prozess der Entwicklung der logischen Kategorien als
Widerspiegelung der menschlichen Praxis wird nicht dargestellt. Somit
blieb der in der Einführung des Buches gebrachte Hinweis Lenins, dass
man jede Kategorie der dialektischen Logik als Knotenpunkt in der
Geschichte des menschlichen Denkens betrachten muss, in der Luft hängen.
Jeder
Begründung entbehrt die Tatsache, dass die Geschichte der Philosophie
in dem Lehrbuch nur bis zur Entstehung der marxistischen Philosophie
beziehungsweise bis 1848 geführt wird. Ohne die Darstellung der
Geschichte der Philosophie der letzten hundert Jahre kann das Lehrbuch
natürlich nicht als Lehrbuch gelten. Warum der Verfasser mit dieser
Periode so hartherzig verfahren ist, bleibt unklar und findet weder im
Vorwort noch in der Einführung eine Erklärung.
Dass
die Geschichte der Entwicklung der russischen Philosophie nicht in das
Lehrbuch aufgenommen wurde, ist ebenfalls durch nichts begründet. Es erübrigt
sich zu beweisen, dass diese Unterlassung prinzipiellen Charakter trägt.
Von welchen Motiven auch immer sich der Verfasser leiten lassen mochte,
als er die Geschichte der russischen Philosophie ausschloss, dass er sie
verschwieg, bedeutet objektiv die Herabsetzung der Rolle der russischen
Philosophie und teilt künstlich die Geschichte der Philosophie in eine
Geschichte der westeuropäischen und eine Geschichte der russischen
Philosophie, wobei der Verfasser keinerlei Versuch unternimmt, die
Notwendigkeit einer solchen Teilung zu erklären. Das verewigt die bürgerliche
Einteilung in ‘westliche’ und ‘östliche’ Kultur und sieht den
Marxismus als regionale ‘westliche’ Strömung. Mehr noch: Auf Seite
6 der Einführung beweist der Verfasser leidenschaftlich die
entgegengesetzte These, indem er eindringlich sagt:
„
... ohne die von den Klassikern der russischen Philosophie gegebene
tiefgründige Kritik der philosophischen Systeme der Vergangenheit
aufmerksam zu studieren und auszuwerten, kann man keine
wissenschaftliche Vorstellung vom Verlauf der Entwicklung des
philosophischen Denkens in den westeuropäischen Ländern schaffen.“
Warum
aber hat der Verfasser diese richtige These im Lehrbuch nicht umgesetzt?
Eine solche These bleibt vollkommen unverständlich und hinterlässt
zusammen mit der willkürlichen Beendigung der Darstellung der
Geschichte der Philsophie mit dem Jahre 1848 einen beklemmenden
Eindruck.
Die
Genossen, die aufgetreten sind, wiesen mit Recht auch auf die Lücken in
der Beleuchtung der Geschichte der Philosophie des Ostens hin. Auch aus
diesem Grunde bedarf das Lehrbuch selbstverständlich einer ernsthaften
Umarbeitung.
Einige
Genossen wiesen darauf hin, dass die Einführung des Lehrbuchs, die
offenbar das ‘Kredo’ (Glaubensbekenntnis - V.) des Verfassers
darstellen soll, die Aufgaben und Methoden der Untersuchung des
Gegenstands richtig bestimme, dass aber der Verfasser seine
Versprechungen nciht erfüllt habe. Ich denke, diese Kritik reicht nicht
aus, da auch die Einführung selbst unrichtig ist und keinerlei Kritik
standhält. Ich sprach bereits über die unrichtige und ungenaue
Bestimmung des Gegenstands der Geschichte der Philosophie. Doch das ist
nicht alles. Die Einführung enthält auch andere theoretische Fehler.
Die Genossen führten hier bereits aus, dass die Bezugnahme auf
Tschernyschewski, Dobroljubow und Lomonossow bei der Darstellung der
Grundlagen der marxistisch-leninistischen Geschichte der Philosophie an
den Haaren herbeigezogen ist, denn diese stehen in keiner direkten
Beziehung zur Sache. Es geht aber nicht nur darum. Die aus den Werken
dieser großen russischen Gelehrten und Philosophen angeführten Zitate
sind offensichtlich unglücklich gewählt, und die in ihnen enthaltenen
theoretischen Leitsätze sind vom marxistischen Standpunkt aus falsch
und - mehr noch - sogar schädlich. Dabei habe ich nicht die geringste
Absicht, die Urheber dieser Zitate selbst irgendwie herabzusetzen, aber
diese Zitate sind willkürlich gewählt und sie beziehen auf Anlässe,
die mit denen, die der Verfasser im Auge hat, nichts zu tun haben. So
beruft sich der Verfasser auf Tschernyschewski, um zu beweisen, dass die
Begründer verschiedener, auch entgegengesetzter philosophischer
Systeme, einander Toleranz entgegenbringen sollen.
Gestatten
Sie mir, das Zitat von Tschernyschewki zu bringen:
„Die
Fortsetzer der gelehrten Arbeit erheben sich gegen ihre Vorläufer,
deren Werke den Ausgangspunkt für ihre eigenen Arbeiten bildeten. So
blickte Aristoteles feindlich auf Platon, so erniedrigte Sokrates die
Sophisten, deren Fortsetzer er war, über die Maßen. In der Neuzeit
finden sich dafür ebenfalls viele Beispiele. Manchmal gibt es aber
Ausnahmefälle, wo die Begründer eines neuen Systems klar den
Zusammenhang ihrer Meinungen mit Gedanken ihrer Vorläufer verstehen und
sich bescheiden als deren Schüler bezeichnen, wo sie die Unzulänglichkeit
der Begriffe ihrer Vorläufer erkennen, gleichzeitig aber klar
aufzeigen, wie sehr diese Begriffe die Entwicklung ihres eigenen Denkens
gefördert haben. So war beispielsweise das Verhältnis Spinozas zu
Descartes. Zu Ehren der Begründer der modernen Wissenschaft muss gesagt
werden, dass sie Achtung und mit fast kindlicher Liebe auf ihre Vorgänger
blicken, die Größe ihres Genies und den erhabenen Charakter ihrer
Lehre, in der sie die Keime ihrer eigenen Auffassung aufzeigen, voll und
ganz anerkennen.“
(In
Alexandrows Buch, S. 6f).
Da
der Verfasser dieses Zitat ohne Vorbehalte bringt, ist es offenbar sein
eigener Standpunkt. Wenn dem so ist, dann betritt der Verfasser wirklich
den Weg der Absage vom Prinzip der Parteilichkeit in der Philosophie,
die dem Marxismus-Leninismus eigen ist. Es ist bekannt, mit welcher
Leidenschaft und Unversöhnlichkeit der Marxismus-Leninismus immer den
schärfsten Kampf gegen alle Feinde des Materialismus geführt hat und führt.
In diesem Krieg unterziehen die Marxisten-Leninisten ihre Gegner einer
vernichtenden Kritik. Das Musterbeispiel des bolschewistischen Kampfes
mit den Gegnern des Materialismus stellt Lenins Buch ‘Materialismus
und Empiriokritizismus’ dar, in dem jedes Wort Lenins einem scharfen
Schwert gleich den Gegner vernichtet. Lenin:
„Die
Genialität von Marx und Engels liegt gerade darin“, sagt
Lenin, „dass sie im Laufe einer sehr langen Periode - fast ein halbes
Jahrhundert - den Materialismus entwickelt, die eine philosophische
Grundrichtung vorwärtsgetrieben, sich nicht bei der Wiederholung
bereits gelöster erkenntnistheoretischer Fragen aufgehalten, sondern
den Materialismus konsequent durchgeführt haben; dass sie gezeigt
haben, wie man denselben Materialismus auf dem Gebiet der
Gesellschaftswissenschaften durchführen muss, und schonungslos den
Unsinn, das verworrene Geschwätz, die zahlreichen Versuche, eine
‘neue’ Linie in der Philosophie ‘zu entdecken’, eine ‘neue’
Richtung zu erfinden usw., wie Kehricht hinwegfegten.“
(W.
I. Lenin, ‘Materialismus und Empiriokritizismus’, Berlin 1949, S.
327).
„Man
nehme schließlich“, schreibt
Lenin weiter, „die einzelnen
philosophischen Bemerkungen von Marx im ‘Kapital’ und in anderen
Werken - überall findet man ein unveränderliches Grundmotiv:
Festhalten am Materialismus und verächtlichen Spott über jede
Vertuschung, jede Konfusion, jede Abweichung zum Idealismus hin. Um
diese beiden fundamentalen Gegensätze drehen sich sämtliche
philosophischen Bemerkungen von Marx. Vom Standpunkt der
Professorenphilosophie aus besteht deren Mangel eben in dieser
‘Enge’ und ‘Einseitigkeit’.“
(Ebenda,
S. 328f).
Lenin
selbst gibt seinen Gegnern bekanntlich keinen Pardon. In dem Versuch,
die Widersprüche zwischen den philsophischen Richtungen zu verwischen
und zu versöhnen, sah Lenin immer nur ein Manöver der reaktionären
Professorenphilosophie.
Wie
konnte nur Genosse Alexandrow nach alledem in seinem Lehrbuch als Verkünder
eines zahnlosen Vegetarianertums gegenüber philosophischen Gegnern
auftreten, was unbedingt ein Zugeständnis an den professoralen
Schein-Objektivismus bedeutet, wo doch der Marxismus entstanden,
gewachsen und gesiegt hat im unerbittlichen Kampf gegen alle Vertreter
der idealistischen Richtung? (Beifall).
Genosse
Alexandrow beschränkt sich nicht darauf. Der gesamte Inhalt des
Lehrbuchs zeigt eine konsequente Durchführung seiner objektivistischen
Konzeption. Nicht zufällig ist deshalb die Tatsache, dass Genosse
Alexandrow, bevor er irgendeinen bürgerlichen Philosophen kritisiert,
ihm seinen Tribut zollt, seine Verdienste ‘würdigt’ und ihn beweihräuchert.
Nehmt beispielsweise die bereits erwähnte Lehre Fouriers von den vier
Phasen in der Entwicklung der Menschheit:
„Eine
große Errungenschaft der Sozialphilosophie Fouriers“, sagt
Genosse Alexandrow, „ist die Lehre von
der Entwicklung der Menschheit. Die Gesellschaft macht nach Fourier in
ihrer Entwicklung vier Phasen durch:
1.
die aufsteigende Zerstörung; 2. die aufsteigende Harmonie; 3. die
absteigende Harmonie; 4. die absteigende Zerstörung.
Im
letzten Stadium durchlebt die Menschheit die Periode des Siechtums,
worauf dann jedes Leben auf der Erde endet. Da die Entwicklung der
Gesellschaft unabhängig vom Wollen der Menschen vor sich geht, tritt
das höchste Stadium der Entwicklung ebenso unvermeidlich ein wie der
Wechsel der Jahreszeiten. Aus dieser These leitete Fourier die
unvermeidliche Ablösung der bürgerlichen Ordnung durch eine
Gesellschaft ab, in der die freie und kollektive Arbeit herrschen wird.
Wohl war Fouriers Theorie von der Entwicklung der Gesellschaft auf den
Rahmen der vier Phasen beschränkt, doch für jene Epoche bedeutete sie
einen großen Schritt vorwärts.“
(S.
353f).
Hier
fehlt jede Spur einer marxistischen Analyse. Womit verglichen stellt die
Theorie Fouriers einen Schritt vorwärts dar? Wenn ihre Beschränktheit
darin bestand, dass sie von vier Phasen in der Entwicklung der
Menschheit sprach, wobei die vierte Phase die absteigende Zerstörung
darstellt, nach der jegliches Leben auf der Erde aufhört, wie soll man
dann der Vorwurf des Verfassers gegen Fourier auffassen, dass seine
Theorie der Entwicklung der Gesellschaft auf vier Phasen beschränkt, während
doch die fünfte Phase für die Menschheit nur das Leben im Jenseits
sein konnte?
Genosse
Alexandrow findet Gelgenheit, fast über alle alten Philosophen ein
gutes Wort zu sagen. Je größer der bürgerliche Philosoph, um so mehr
wird er beweihräuchert. All dies führt dazu, dass sich Genosse
Alexandrow, ohne dies möglicherweise selbst zu merken, im Banne der bürgerlichen
Philosophiehistoriker bleibt, deren Ausgangspunkt es ist, in jedem
Philosophen vor allem einen Berufskollegen und erst dann einen Gegner zu
sehen. Solche Konzeptionen würden, wenn sie bei uns aufkämen,
unvermeidlich zum Objektivismus, zur Liebedienerei vor den bürgerlichen
Philosophen und zur Übertreibung ihrer Verdienste führen, würden zum
Verlust des kämpferischen Offensivgeistes unserer Philosophie führen.
Das aber würde ein Abgehen vom Grundprinzip des Materialismus - seiner
Tendenz, seiner Parteilichkeit bedeuten. Wie uns Lenin hingegen lehrt
„schließt
der Materialismus sozusagen die Parteilichkeit in sich ein, da er
verpflichtet, bei jeder Bewertung eines Ereignisses, direkt und offen
auf den Standpunkt einer bestimmten Gesellschaftsgruppe zu treten.“
(W.
I. Lenin, ‘Der ökonomische Inhalt des Narodnikitums und seine Kritik
im Buch des Herrn Struve’, Ausgewählte Werke, Bd. 11, Moskau 1938, S.
351).
Die
philosophischen Auffassungen werden in dem Lehrbuch abstrakt,
objektivistisch und neutral darlegt. Die philosophischen Schulen werden
darin nacheinander oder nebeneinander, jedoch nicht im Kampf miteinander
gesehen. Auch das ist ein Zugeständnis an die akademische, professorale
‘Richtung’. In diesem Zusammenhang ist es offenbar nicht zufällig,
dass dem Verfasser die Darlegung des Prinzips der Parteilichkeit in der
Philosophie überhaupt nicht gelungen ist. Als Beispiel für diese
Parteilichkeit führt der Verfasser die Hegelsche Philosophie an und
illustriert den Kampf der feindlichen Philosophien durch den Kampf des
reaktionären und progressiven Elements in Hegel selbst. Eine solche
Beweisführung ist nicht nur objektivistischer Eklektizismus
(=Aneinanderreihung - V.), sondern sie beschönigt auch offensichtlich
Hegel, da so bewiesen werden soll, dass in seiner Philosophie ebensoviel
Fortschrittliches wie Rückschrittliches ist.
Um
diese Frage abzuschließen, füge ich noch hinzu, dass die vom Genossen
Alexandrow empfohlene Methode der Einschätzung philosophischer Systeme
- ‘neben Verdienste gibt es auch Mängel’ (vgl. Alexandrows Buch, S.
7) oder nach dem Motto ‘von wichtiger Bedeutung ist auch folgende
Theorie’ - an äußerster Unbestimmtheit krankt, metaphysisch ist und
die Sache nur verwirren kann. Man fragt sich, warum Genosse Alexandrow
den wissenschaftlichen, akademischen Theorien der alten bürgerlichen
Schulen Zugeständnisse machen und den grundlegenden Leitsatz des
Materialismus vergessen musste, der den unversöhnlichen Kampf mit
seinen Gegnern erfordert.
Noch
eine Bemerkung:
Die
kritische Anlayse der philosophischen Systeme muss auch zielstrebig
sein. Längst zerschlagene und begrabene philosophische Auffassungen und
Ideen darf keine große Beachtung geschenkt werden. Umgekehrt müssen
mit besonderer Schärfe philosophische Systeme und Ideen in Grund und
Boden kritisiert werden, die trotz ihres reaktionären Charakters im
Umlauf sind und heute von den Fenden des Marxismus ausgenutzt werden.
Dazu gehören insbesondere der Neukantianismus, die Theologie, alte und
neue Auflagen des Agnostizismus, die Versuche, Gott in die moderne
Naturwissenschaft einzuschmuggeln und alles übrige Gebräu, das die
idealistischen Ladenhüter für das Bedürfnis des Marktes zurechtmachen
und auffrischen soll. Das ist das Arsenal, das gegenwärtig von den
philosophischen Lakaien des Imperialismus eingesetzt wird, um den verängstigten
Herren unter die Arme zu greifen.
In
der Einführung wird auch die Auffassung reaktionärer und progressiver
Ideen und philosophischer Systeme falsch behandelt. Obwohl der Verfasser
den Vorbehalt macht, dass die Frage, ob diese oder jene Idee oder dieses
oder jenes philosophische System reaktionär oder progressiv ist,
konkret historisch gelöst werden muss, lässt er die bekannte These des
Marxismus, dass ein und dieselbe Idee unter verschiedenen konkreten
historischen Bedingungen sowohl reaktionär als auch progressiv sein
kann, völlig außer Acht. Indem der Verfasser diese Frage verwischt, öffnet
er dem heimlichen Eindringen der idealistischen Konzeption von der Übergeschichtlichkeit
der Ideen ein Schlupfloch.
Zwar
bemerkt der Verfasser im Weiteren richtig, dass die Entwicklung des
philosophischen Denkens in letzter Instanz durch die materiellen
Lebensbedingungen der Gesellschaft bestimmt wird und dass sie nur eine
relative Selbstständigkeit besitzt, verletzt selbst jedoch wiederholt
diesen grundlegenden Leitsatz des wissenschaftichen Materialismus, indem
er bei der Darlegung verschiedener philosophischer Systeme diese
vollkommen von der konkreten historischen Lage und den sozialen,
klassenmäßigen Wurzeln dieser oder jener Philsophie trennt. Dies
passiert beispielsweise bei der Darlegung der philosophischen
Auffassungen von Sokrates, Demokrit, Spinoza, Leibniz, Feuerbach und
anderer, was natürlich nicht wissenschaftlich ist und Grund zur Annahme
gibt, dass der Verfasser zum Standpunkt der Selbstständigkeit und Übergeschichtlichkeit
in der Entwicklung der philosophischen Ideen abgleitet, was ein
Kennzeichen der idealistischen Philosophie ist. Das Fehlen des
organischen Zusammenhangs dieses oder jenes philosophischen Systems mit
der konkreten historischen Lage findet sich sogar an Stellen, wo der
Verfasser versucht, eine Analyse der entsprechenden Lage zu geben. Es
ergibt aber ein rein mechanischer, textlicher, aber kein wesentlicher
organischer Zusammenhang. Die Abschnitte und Kapitel, die die
philosophischen Auffassungen der entsprechenden Epoche darlegen und die
die der Darlegung der historischen Lage gewidmet sind, bewegen sich in
gewissen platten Parallelen, während die Darlegung der historischen
Fakten, der kausalen Zusammenhänge zwischen Basis und Überbau selbst
in der Regel unwissenschaftlich, liederlich gegeben wird, kein Material
für eine Analyse liefert, sondern eher eine schlechte Information
darstellt. Dieser Art ist beispielsweise die Einführung zu Kapitel VI
unter dem Titel ‘Frankreich im 18. Jahrhundert’, die den Gipfel der
Ungereimtheit darstellt und die Quellen der Ideen der französischen
Philosphie vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts nicht im
Geringsten klarlegt. Infolgedessen verlieren die Ideen der französischen
Philosophie ihren Zusammenhang mit der Epoche und beginnen als eine Art
selbstständige Erscheinung zu sein. Gestatten Sie mir, an folgende
Stellen des Lehrbuchs zu erinnern:
„Beginnend
mit dem 16./17. Jahrhundert betritt nach England Frankreich allmählich
den Weg der bürgerlichen Entwicklung und macht in einem Jahrhundert
grundlegende Umwälzungen durch: in der Ökonomik, in der Politik und
Ideologie. Das Land war wohl immer noch rückständig, doch es begann
sich bereits aus seiner feudalen Erstarrung zu befreien. Ebenso wie
viele andere europäische Staaten jener Zeit trat Frankreich in die
Periode der ursprünglichen Akkumulation ein.
Auf
allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens formierte sich schnell die
neue, bürgerliche Gesellschaftsordnung, entstand eine neue Ideologie,
eine neue Kultur. Zu dieser Zeit beginnen in Frankreich Städte wie
Paris und Lyon, Marseille und Le Havre schnell zu wachsen, eine starke
Seeflotte wird geschaffen. Eine internationale Handelskompanie nach der
anderen wird begründet, bewaffnete Expeditionen werden organisiert, die
eine Reihe von Kolonien erobern. Der Handel wächst rasch. 1784-88
erreicht der Außenhandelsumsatz 1.011,6 Millionen Livre und übersteigt
damit den Handel von 1716-1720 um mehr als das Vierfache. Die Belebung
des Handels wurde durch den Vertrag von Aachen, 1748, und das Pariser
Traktat, 1763, gefördert. Besonders aufschlussreich ist der Buchhandel.
So betrug beispielsweise 1774 der Umsatz des Buchhandels in Frankreich
45 Millionen Franc, während er in England nur 12 bis 13 Millionen Franc
betrug. In den Händen Frankreichs befand sich rund die Häflte des
europäischen Goldvorrats. Aber Frankreich blieb immer noch ein
Agrarland. Die überwiegende Mehrzahl seiner Bevölkerung beschäftigte
sich mit Landwirtschaft.“
(S.
315f).
Das
ist natürlich keine Analyse, sondern eine einfache Aufzählung einiger
Tatsachen, die noch dazu nicht im wechselseitigen Zusammenhang, sondern
nebeneinander darlegt werden. Diese Ausführungen über die ‘Basis’
ergaben selbstverständlich keinerlei Charakteristik der französischen
Philosophie und konnten es gar nicht, denn ihre Entwicklung steht losgelöst
von der historischen Lage des damaligen Frankreichs da.
Nehmen
wir als ein weiteres Beispiel die Beschreibung der damaligen deutschen
idealistischen Philosophie, wie sie in Alexandrows Buch gebracht wird:
„Im
18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war
Deutschland ein rückständiges Land mit einer reaktionären politischen
Ordnung. Es herrschten feudale Leibeigenschafts- und handwerkliche
Zunftverhältnisse. Ende des 18. Jahrhunderts erreichte die städtische
Bevölkerung nicht einmal 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, im Handwerk
waren nur 4 Prozent der Bevölkerung beschäftigt. Frondienst, Abgaben,
Leibeigenschaftsrecht, Zunftprivilegien behinderten die Entwicklung der
aufkeimenden kapitalistischen Verhältnisse. Überdies herrschte im Land
eine außergewöhnliche politische Zersplitterung.“
Der
in Alexandrows Buch angeführte Prozentsatz der städtischen Bevölkerung
Deutschlands soll seiner Meinung nach die Rückständigkeit dieses
Landes und den reaktionären Charakter seiner staatlichen und
gesellschaftlich-politischen Ordnung illustrieren. Doch zur selben Zeit
betrug die städtische Bevölkerung Frankreichs weniger als 10 Prozent,
aber es war kein rückständiges Feudalland wie Deutschland, sondern das
Zentrum der bürgerlich-revolutionären Bewegung in Europa. Folglich
erklärt der Prozentsatz der städtischen Bevölkerung an sich noch gar
nichts; mehr noch: Er selbst muss aus der konkreten historischen Lage
erklärt werden. Das ist ebenfalls ein Beispiel für die missglückte
Auswertung des historischen Materials zur Erklärung der Entstehung und
Entwicklung dieser oder jener Form der Ideologie.
Weiter
schreibt Alexandrow:
„Die
hervorragendsten Ideologen der deutschen Bourgeoisie jener Zeit - Kant
und darauf Fichte und Hegel - drückten in den von ihnen geschaffenen
idealistischen philosophischen Systemen in einer durch die Beschränktheit
der deutschen Wirtschaft bedingten abstrakten Form die Ideologie der
deutschen Bourgeoisie jener Epoche aus.“
Vergleichen
wir die kalte, gleichgültige, objektivistische Darlegung der Tatsachen,
aus denen man die Ursachen der Entstehung des deutschen Idealismus
ohnehin nicht begreifen kann, mit einer marxistischen Analyse der
damaligen Lage in Deutschland, die in einem lebendigen kämpferischen
Stil dargelegt wird, der den Leser bewegt und überzeugt. So
charakterisiert Engels die Lage in Deutschland:
„Das
ganze Land war eine lebende Masse von Fäulnis und abstoßendem Verfall.
Niemand fühlte sich wohl. Das Gewerbe, der Handel, die Industrie und
die Landwirtschaft des Landes waren ganz unbedeutend; die Bauernschaft,
die Gewerbetreibenden und Manufakturbesitzer fühlten den doppelten
Druck einer blutsaugenden Regierung und schlechter Geschäfte; der Adel
und die Füsten fanden, dass ihre Einkünfte, trotz der Auspressung
ihrer Untertanen, nicht so gesteigert werden konnten, dass sie mit ihren
wachsenden Ausgaben Schritt hielten; alles war verkehrt, und eine
allgemeine Lähmung lag über dem ganzen Land. Keine Bildung, keine
Mittel zur Einwirkung auf die Köpfe der Massen, keine freie Presse,
kein Gemeingeist, nicht einmal ein ausgebreiteter Handel mit anderen Ländern
- nichts als Gemeinheit und Selbstsucht - ein gemeiner, schleichender,
elender Krämergeist durchdrang das ganze Volk. Alles war überlebt, bröckelte
ab, ging rasch dem Ruin entgegen, und es gab nicht einmal die leiseste
Hoffnung auf eine wohltätige Änderung, Die Nation hatte nicht einmal
genügend Kraft, um die Leichname der toten Institutionen beiseite zu
fegen.“
(F.
Engels, ‘Deutsche Zustände’, Berlin 1949, S. 14).
Vergleichen
Sie diese Charakteristik von Engels, die so klar und scharf, so präzis
und tief wissenschaftlich ist, mit der Charakterisierung, die Alexandrow
gibt, und Sie können sehen, wie schlecht Genosse Alexandrow das
ausnutzt, was in dem unerschöpflichen Reichtum, den uns die Begründer
des Marxismus hinterlassen haben, bereits fertig vorliegt.
Somit
misslang dem Verfasser die Lösung seiner Aufgabe, die Geschichte der
Philosophie mit Hilfe der materialistischen Methode darzulegen. Dies
nimmt dem Buch seinen wissenschaftlichen Charakter und verwandelt es in
hohem Maße in eine Beschreibung der Biografien der Philosophen und
ihrer philosophischen Systeme, die außerhalb der historischen Lage
betrachtet werden. Verletzt wurde das Prinzip des historischen
Materialismus, das uns lehrt:
„
...die Daseinsbedingungen der verschiedenen Gesellschaftsformationen müssen
im Einzelnen untersucht werden, ehe man versucht, die politischen,
privatrechtlichen, ästhetischen, philosophischen, religiösen etc.
Anschauungsweisen, die ihnen entsprechen, aus ihnen abzuleiten.“
(Brief
Engels an Conrad Schmidt vom 5. August 1890).
Auch
die Ziele des Studiums der Geschichte der Philosophie formuliert der
Verfasser unklar und unzureichend. Nirgends unterstreicht der Verfasser,
dass eine der Grundaufgaben der Philosophie und ihrer Geschichte darin
besteht, die Philosophie als Wissenschaft weiter zu entwickeln, neue
Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, ihre Leitsätze an Hand der Praxis zu überprüfen,
veraltete Leitsätze durch neue zu ersetzen. Der Verfasser geht hauptsächlich
von der pädagogisch-erzieherischen Bedeutung der Geschichte der
Philosophie aus, von der kulturell-aufklärerischen Aufgabe, wodurch er
dem gesamten Studium der Geschichte der Philosophie einen
passiv-beschaulichen, akademischen Charakter verleiht. Das entspricht
natürlich nicht marxistisch-leninistischen Definition der
philosophischen Wissenschaft, die sich wie jede andere Wissenschaft
ununterbrochen entwickelt und vervollkommnen, sich mit neuen Leitsätzen
bereichern und veraltete beiseite räumen muss.
Der
Verfasser, der die Aufmerksamkeit auf die instruktiv bildungsmäßige
Seite der Sache konzentriert, setzt damit der Entwicklung der
Wissenschaft Grenzen, so als ob der Marxismus-Leninismus bereits seine
Schranken erreicht hätte und die Aufgabe der Entwicklung unserer Lehre
nicht mehr die Hauptaufgabe wäre. Eine solche Überlegung widerspricht
dem Geist des Marxismus-Leninismus, da sie den Marxismus metaphysisch
als eine abgeschlossene und vollendete Lehre darzustellen beginnt, was
nur zu einem Versiegen des lebendigen und suchenden philosophischen
Denkens führen kann.
Ganz
schlecht steht es auch mit der Beleuchtung der Fragen der
Naturwissenschaft, während die Geschichte der Philosophie - will man
die Wissenschaftlichkeit nicht direkt schädigen - nicht ohne
Zusammenhang mit den Erfolgen der Naturwissenschaften dargelegt werden
kann. Das Lehrbuch des Genossen Alexandrow gibt infolgedessen nicht die
Möglichkeit, die Bedingungen der Entstehung und Entwicklung des
wissenschaftlichen Materialismus klarzumachen, der auf dem granitenen
Fundament der Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft gewachsen
ist.
Bei
der Darlegung der Geschichte der Philosophie brachte es Genosse
Alexandrow fertig, diese von der Geschichte der Naturwissenschaft zu
trennen. Es ist charakteristisch, dass der Verfasser in der Einführung,
die die Grundthesen des Buches bringt, die Wechselbeziehung von
Philosophie und Naturwissenschaft mit keinem einzigen Wort erwähnt. Er
verschweigt die Naturwissenschaft, selbst wo dies völlig unmöglich
erscheint. So schreibt der Verfasser auf Seite 9:
„In
seinen Werken, insbesondere in ‘Materialismus und Empiriokritizismus’,
arbeitete Lenin diese marxistische Lehre von der Gesellschaft allseitig
aus und trieb sie voran.“
Genosse
Alexandrow brachte es bei der Behandlung des Werkes ‘Materialismus und
Empiriokritizismus’ fertig, die Probleme der Naturwissenschaft und
ihre Verbindung mit der Philosophie zu verschweigen.
Es
fällt sofort auf, wie dürftig, armselig und abstrakt die
Charakteristik des Niveaus der Naturwissenschaft dieser oder jener
Periode ist. Über die Naturwissenschaft der alten Griechen wird gesagt,
dass in ihrer Zeit ‘die Wissenschaften von der Natur aufkeimen’. (S.
26). Über die Epoche der Spätscholastik (12. bis 13. Jahrhundert) heißt
es, dass damals ‘viele Erfindungen und technische Verbesserungen
aufkamen’. (S. 120).
Dort,
wo der Verfasser versucht, solche verschwommenen Formulierungen
aufzuschlüsseln, werden die Entdeckungen zusammenhanglos aufgezählt.
Dabei werden in dem Buch so himmelschreiende Fehler begangen, dass sie
eine erstaunliche Unkenntnis der Fragen der Naturwissenschaft zeigen.
Welchen Wert besitzt beispielsweise die Beschreibung der Entwicklung der
Wissenschaft in der Renaissance:
„Der
Gelehrte Guericke konstruierte seine berühmte Luftpumpe und die
Existenz des atmosphärischen Drucks, die an die Stelle der Vorstellung
vom leeren Raum getreten war, wurde zum ersten Mal durch den Versuch mit
Halbkugeln in Magdeburg auf praktischem Weg bewiesen. Die Menschen
stritten Jahrhunderte darum, wo sich ‘der Mittelpunkt der Welt’
befindet und ob unser Planet als solcher angesehen werden kann. Doch da
treten Kopernikus und darauf Galileo Galilei in die Wissenschaft ein.
Letzterer beweist die Existenz von Sonnenflecken und die Veränderung
ihrer Lage. Er sieht darin und in anderen Entdeckungen die Bestätigung
der Lehre von Kopernikus vom heliozentrischen Aufbau unseres
Sonnensystems. Das Barometer lehrte die Menschen das Wetter vorhersagen.
Das Mikroskop trat an die Stelle des Systems von Mutmaßungen über das
Leben der kleinen Organismus und spielte eine große Rolle in der
Entwicklung der Biologie. Der Kompass half Kolumbus, den kugelförmigen
Aufbau unseres Planeten auf praktischem Wege zu beweisen.“
(S.
135).
Hier
ist fast jeder Satz ein Absurdum. Wie konnte der atmosphärische Druck
an die Stelle der Vorstellung vom leeren Raum treten? Negiert etwa die
Existenz der Atmosphäre die Existenz des leeren Raums? Wie bestätigte
die Bewegung der Sonnenflecken die Lehre Kopernikus?
Die
Vorstellung, dass das Barometer das Wetter vorhersagt, gehört zu den
unwissenschaftlichsten Vorstellungen. Bedauerlicherweise haben es die
Menschen bis heute nicht gelernt, das Wetter richtig vorherzusagen, wie
ihnen allen aus der Praxis unseres Wetterbüros wohl bekannt ist.
(Heiterkeit).
Weiter.
Kann etwa das Mikroskop ein System von Mutmaßungen ersetzen und schließlich,
was ist ‘der kugelförmige Aufbau unseres Planeten’? Bis heute hatte
es den Anschein, dass kugelförmig nur die Form sein kann.
Perlen
gleich den aufgezählten gibt es in Alexandrows Buch viele.
Doch
der Verfasser begeht auch wesentlichere, prinzipielle Fehler. So ist er
der Ansicht (S. 357), dass die dialektische Methode durch die Erfolge
der Naturwissenschaft ‘bereits in der zweiten Häflte des 18.
Jahrhunderts’ vorbereitet wurde. Das widerspricht zutiefst der
bekannten These von Engels, dass die dialektische Methode durch die
Entdeckung des Zellenaufbaus des Organismus, durch die Lehre von der
Erhaltung und Umwandlung der Energie und durch die Lehre Darwins
vorbereitet wurde. All diese Entdeckung fallen aber in das 19.
Jahrhundert. Von seiner falschen Konzeption ausgehend, widmet der
Verfasser der Aufzählung der im 18. Jahrhundert gemachten Entdeckungen
einen gewissen Platz, spricht viel von Galvani, Laplace und Lyell, doch
über die von Engels aufgezeigten drei großen Entdeckungen sagt er nur:
„So
wurden beispielsweise noch zu Lebzeiten Feuerbachs die Lehre von der
Zelle und die Lehre von der Verwandlung der Energie geschaffen, die
Theorie Darwins von der Entstehung der Arten durch die natürliche
Auslese kam auf.“
(S.
427).
Das
sind die Grundmängel des Buches. Ich sehe von Teil- und zweitrangigen Mängeln
ab. Ich will auch nicht die in theoretischer und praktischer Hinsicht
sehr wertvollen Bemerkungen wiederholen, die hier gemacht wurden.
Die
Schlussfolgerung ist, dass das Lehrbuch schlecht ist, dass es
grundlegend überarbeitet werden muss. Doch die Überarbeitung des
Lehrbuchs bedeutet vor allem die Überwindung der unrichtigen und
verworrenen Auffassungen, die unter unseren Philosophen, darunter auch führenden,
offenbar im Gange sind. Damit gehe ich zur zweiten Frage über, zur
Frage der Lage an unserer philosophischen Front.
2.
Über die Lage an unserer philosophischen Front
Wenn
das Buch des Genossen Alexandrow tatsächlich die Anerkennung der
Mehrzahl unserer führenden Philosophen erhalten hat, wenn es zum
Stalinpreis vorgeschlagen, als Lehrbuch empfohlen wurde und zahlreiche
lobende Rezensionen auslöste, so bedeutet das, dass offensichtlich auch
andere Philosophen die Fehler des Genossen Alexandrow teilen. Und das
spricht von einem ernten Misstand an unserer philosophischen Front.
Der
Umstand, dass das Buch keinerlei nennenswerte Proteste hervorgerufen
hat, dass das Eingreifen des Zentralkomitees und des Genossen Stalin
persönlich erfordertlich war, um die Mängel des Buches aufzudecken,
bedeutet, dass es an der philosophischen Front keine entfaltete
bolschewistische Kritik und Selbstkritik gibt. Das Fehlen schöpferischer
Diskussionen, das Fehlen von Kritik und Selbstkritik musste sich auf den
Zustand der wissenschaftlichen und philosophischen Arbeit verhängnisvoll
auswirken. Bekanntlich ist die philosophische Produktion mengenmäßig völlig
ungenügend und von schwacher Qualität. Monografien und Artikel der
Philosophie sind eine seltene Erscheinung.
Hier
wurde viel von der Notwendigkeit einer philosophischen Zeitschrift
gesprochen. Es gibt gewisse Zweifel, ob es notwendig ist, eine solche
Zeitschrift zu schaffen. Die traurige Erfahrung der Zeitschrift ‘Unter
dem Banner des Marxismus’ ist noch in Erinnerung. Es scheint mir, dass
die gegenwärtigen Möglichkeiten der Veröffentlichung origineller
Monografien und Artikel ganz ungenügend ausgenutzt werden.
Genosse
Swetlow sagte hier, dass der Leserkreis des ‘Bolschewik’ für
theoretische Arbeiten speziellen Charakters nicht geeignet sei. Ich
denke, dass diese Auffassung vollkommen falsch ist und auf einer
offensichtlichen Unterschätzung des hohen Niveaus unserer Leser und
ihrer Ansprüche beruht. Solche Meinungen entspringen daraus, so scheint
es mir, dass man nicht begreift, dass unsere Philosophie durchaus nicht
Eigentum eines kleines Häufleins von Berufsphilosophen, sondern unserer
gesamten Sowjetintelligenz ist. Es war entschieden nichts Schlechtes an
der Tradition der führenden russischen dicken Zeitschriften der
Vorrevolutionszeit, neben literarischen, belletristischen Werken auch
wissenschaftliche Arbeiten, darunter auch philosophische, abzudrucken.
Jedenfalls hat unsere Zeitschrift ‘Bolschewik’ einen weitaus größeren
Leserkreis als jede beliebige philosophische Zeitschrift, und wenn man
die schöpferische Arbeit unserer Philosophen auf eine spezielle
philosophische Zeitschrift beschränkt, so droht, wie mir scheint, die
Gefahr, dass die Basis unserer philosophischen Arbeit eingeengt wird.
Ich bitte, mich nicht als Gegner der Zeitschrift zu betrachten, aber es
scheint mir, dass die Spärlichkeit philosophischer Arbeiten in unseren
großen Zeitschriften - auch im ‘Bolschewik’ - dafür spricht, dass
man vor allem mit der Überwindung dieses Mangels mit Hilfe unserer großen
Zeitschriften und des ‘Bolschewik’ beginnen müsste, in denen auch
jetzt (besonders in den größeren Zeitschriften) doch dann und wann
Artikel philosophischen Charakters erscheinen, die von
wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Interesse sind.
Auch
die Thematik unserer führenden philosophischen Institution, des
Philosophischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, der
Ordinariate usw. - muss angesprochen werden.
Das
Philosophische Institute bietet meiner Ansicht nach ein ziemlich trübes
Bild: Es vereinigt die Mitarbeiter in den Außengebieten nicht, ist mit
ihnen nicht verbunden und ist deshalb in Wirklichkeit keine Institution
von Unionscharakter. Die Provinzphilosophen sind sich selbst überlassen,
doch sie repräsentieren, wie Sie sehen, eine große, aber
bedauerlicherweise nicht ausgenutzte Kraft. Die Thematik der
philosophischen Arbeiten, darunter auch der Arbeiten zur Erlangung
wissenschaftlicher Grade, ist der Vergangenheit, ist dem ruhigen und
weniger verantwortlichen historischen Thema zugewandt in der Art von,
sagen wir, ‘Die kopernikanische Ketzerei’ in Vergangenheit und
Gegenwart’ (Belebung im Saal). Das führt zu einer gewissen
Wiederbelebung der Scholastik. Von diesem Standpunkt aus erscheint der
hier vor sich gegangene Streit über Hegel seltsam. Die Beteiligten an
diesem Streit rennen offene Türen ein. Das Problem Hegel ist längst
gelöst. Es gibt keinen Anlass, es neu aufzuwerfen. Über die bereits
untersuchten und eingeschätzten Materialien hinaus wurden hier keine
neuen vorgebracht. Der Streit selbst ist bedauerlicherweise scholastisch
und ebenso unproduktiv wie seinerzeit die in gewissen Kreisen erfolgte
Klärung der Rechtmäßigkeit des Kreuzzeichens mit zwei oder drei
Fingern oder der Frage, ob Gott einen Stein schaffen kann, den er nicht
zu heben vermag oder ob die Gottesmutter eine Jungfrau war.
(Heiterkeit). Aktuelle Probleme der Gegenwart werden fast nicht
bearbeitet. All dies zusammen genommen birgt große Gefahren in sich,
bedeutend größere als es für Sie den Anschein haben mag. Die größte
Gefahr besteht darin, dass sich ein Teil von Ihnen mit diesen Mängeln
bereits abgefunden hat.
Man
spürt in der philosophischen Arbeit keinen Kampfgeist, kein
bolschewistischen Tempo. In diesem Lichte betrachtet, findet man in der
Tatsache des Zurückbleibens an der gesamten übrigen philosophischen
Front Parallelen zu einigen fehlerhaften Leitsätzen des Buches, die
somit keinen einzelnen zufälligen Faktor, sondern eine ganze
Erscheinung darstellen. Hier wird oft der Ausdruck ‘philosophische
Front’ gebraucht. Aber wo ist denn eigentlich diese Front? Die
philosophische Front gleicht keineswegs unserer Vorstellung von einer
Front. Wenn von ihr die Rede ist, drängt sich sofort die Vorstellung
von einem organisierten Trupp streitbarer, in Vollkommenheit mit der
marxistischen Theorie ausgerüsteter Philosophen auf, die eine breit
angelegte Offensive gegen die feindliche Ideologie im Ausland, gegen die
Überreste der bürgerlichen Ideologie im Bewusstsein der Sowjetmenschen
in unserem Lande durchführen, die die Schaffenden der sozialistischen
Gesellschaft mit dem Bewusstsein der Gesetzmäßigkeit unseres Weges und
der wissenschaftlich begründeten Zuversicht in den Endsieg unserer
Sache wappnen.
Aber
gleicht unsere philosophische Front wirklich einer Front? Sie erinnert
eher an eine seichte Bucht oder an ein Biwak irgendwo fern vom
Schlachtfeld. Das Schlachtfeld ist noch nicht erobert, Feindberührung
gibt es kaum, Aufklärung wird nicht geführt, die Waffen rosten, die
Soldaten kämpfen auf eigene Faust, während die Kommandeure entweder in
vergangenen Siegen schwelgen oder darüber streiten, ob die Kräfte für
einen Angriff reichen, ob man nicht Hilfe von außen anfordern soll oder
über das Thema, wieweit das Bewusstsein hinter dem Sein zurückbleiben
kann, ohne dass man allzu rückständig erscheint. (Heiterkeit).
Unsere
Partei braucht dagegen ganz dringend einen Aufschwung der
philosophischen Arbeit. Die raschen Veränderungen, die jeder Tag in
unserem sozialistischen Sein bringt, werden von unseren Philosophen
nicht verallgemeinert, werden nicht vom Standpunkt der marxistischen
Dialektik aus beleuchtet. Dadurch werden die Bedingungen für die
Weiterentwicklung unserer philosophischen Wissenschaft erschwert und die
Lage gestaltet sich derart, dass sich die Entwicklung des
philosophischen Denkens in bedeutendem Maße ohne Zutun unserer
Berufsphilosophen vollzieht. Das ist vollkommen unzulässig.
Die
Ursachen des Zurückbleibens an der philosophischen Front sind natürlich
keineswegs mit irgendwelchen objektiven Bedingungen verknüpft. Die
objektiven Bedingungen sind günstig wie nie zuvor. Das der
wissenschaftlichen Analyse und Verallgemeinerung harrende Material ist
unbegrenzt. Die Ursachen des Zürckbleibens an der philosophischen Front
sind auf dem Gebiet des Subjektiven zu suchen. Diese Ursachen sind im
Grunde genommen dieselben, wie sie das ZK in seiner Analyse des Zurückbleibens
an anderen Abschnitten der ideologischen Front aufgedeckt hat.
Wie
Sie sich erinnern, waren die bekannten Beschlüsse des ZK über
ideologische Fragen gegen Ideenlosigkeit und unpolitische
Themenstellungen in Literatur und Kunst, gegen die Loslösung von der
Gegenwartsproblematik und gegen das Abschweifen in das Gebiet der
Vergangenheit, gegen Katzbuckelei vor dem Ausländertum gerichtet und
galten der kämpferischen bolschewistischen Parteilichkeit in Literatur
und Kunst. Bekanntlich haben viele Gruppen von Schaffenden an unserer
ideologischen Front bereits die entsprechenden Beschlüsse des ZK für
sich selbst gezogen und auf diesem Wege bedeutende Erfolge erzielt.
Unsere
Philosophen jedoch sind dabei zurückgeblieben. Offensichtlich merken
sie nicht, dass es Prinzipienlosigkeit und Ideenlosigkeit in der
philosophischen Arbeit gibt, dass die Gegenwartsthematik vernachlässigt
wird, dass es Fälle von Kriecherei und Unterwürfigkeit unter die bürgerliche
Philosophie gibt. Sie nehmen scheinbar an, dass der Umschwung an der
ideologischen Front sie nichts angeht. Nunmehr ist aber für alle
ersichtlich, dass dieser Umschwung notwendig ist.
Ein
bedeutender Teil der Schuld dafür, dass die Philosophen nicht in den
ersten Reihen der ideologischen Arbeit schreiten, fällt auf den
Genossen Alexandrow zurück. Er besitzt leider nicht die Fähigkeit, die
Mängel in der Arbeit konsequent und kritisch aufzudecken. Er überschätzt
offensichtlich seine eigenen Kräfte, wenn er sich nicht auf die
Erfahrung und das Wissen eines breiten Philosphenkollektivs stützen
will. Mehr noch: Er stützt sich in seiner Arbeit allzusehr auf einen
engen Kreis nächster Mitarbeiter und Verehrer seines ‘Talents’.
(Zurufe: ‘Richtig!’, Beifall). Die philosophische Tätigkeit wurde
gewissermaßen in den Händen einer kleinen Gruppe von Philosophen
monopolisiert, während der größere Teil der Philosophen, besonders
aus der Provinz, nicht zur führenden Arbeit herangezogen wurde.
Damit
wurde das richtige Verhältnis der Philosophen untereinander verletzt.
Jetzt
ist für alle ersichtlich, dass die Bewältigung solcher Arbeiten wie
eines Lehrbuchs der Geschichte der Philosophie die Kräfte eines
einzelnen Menschen übersteigt, und dass Genosse Alexandrow von Beginn
der Arbeit an einen breiten Kreis von Autoren hätte heranziehen müssen
- Spezialisten für dialektischen und historischen Materialismus,
Historiker, Naturwissenschaftler und Ökonomen.
Indem
sich Genosse Alexandrow auf keinen breiten Kreis fähiger Menschen stützte,
wählte er den falschen Weg der alleinigen Ausarbeitung des Lehrbuchs.
Es ist notwendig, diesen Fehler zu korrigieren. Das philosphische Wissen
ist natürlich bei uns Eigentum eines breiten Kollektivs sowjetischer
Philosphen. Die Methode, bei der Ausarbeitung eines Lehrbuchs einen großen
Kreis von Autoren heranzuziehen, wird gegenwärtig bei der Abfassung des
Lehrbuches der Politischen Ökonomie umfassend angewandt, das in nächster
Zeit fertig gestellt werden soll. Zu den Redaktionsarbeiten wurde dazu
nicht nur ein breiter Kreis von Ökonomen, sondern auch von Historikern
und Philosophen herangezogen. Eine solche Methode der schöpferischen
Arbeit ist am zuverlässigsten. Ihr liegt auch ein anderer Gedanke
zugrunde: die Koordinierung der Arbeit verschiedener Trupps ideologisch
Tätiger, die derzeit untereinander ungenügend verbunden sind, zur Lösung
großer Aufgaben, die allgemeinwissenschaftliche Bedeutung besitzen. Auf
diese soll die Wechselwirkung zwischen den in verschiedenen Zweigen Tätigen
organisiert werden, damit nicht der eine nach links und der andere nach
rechts zieht, damit wir nicht mit einer Handfläche zuschlagen, sondern
organisiert und fest zusammengeschlossen und folglich mit der größtmöglichsten
Gewähr auf Erfolg.
Worin
liegt nun die Wurzel der subjektiven Fehler einer Reihe führender
Genossen der philosophischen Front? Warum warfen hier in der Diskussion
die Vertreter der älteren Philosophengeneration einigen jungen mit
Recht ihr frühzeitiges Altern, ihren ungenügenden kämpferischen Ton,
ihren mangelnden Kampfgeist vor?
Auf
diese Fragen kann es offensichtlich nur eine Antwort geben: das ungenügende
Begreifen der Grundlagen des Marxismus-Leninismus und die noch
vorhandenen Einflüsse der bürgerlichen Ideologie. Das zeigt sich auch
darin, dass viele unserer Philosophen noch nicht begreifen, dass der
Marxismus-Leninismus eine lebendige, schöpferische Lehre ist, die sich
ununterbrochen entwickelt, die sich auf der Grundlage der Erfahrung des
sozialistischen Aufbaus und der Erfolge der modernen Naturwissenschaft
ununterbrochen bereichert. Eine derartige Unterschätzung dieser
lebendigen revolutionären Seite unserer Lehre kann nur zu einer
Herabsetzung der Philosphie und ihrer Rolle führen. Gerade im Mangel an
Kampfgeist und kämpferischer Gesinnung muss man die Ursache der Furcht
einiger Philosophen suchen, ihre Kräfte an neuen Problemen zu messen,
an Gegenwartsfragen, an der Lösung von Aufgaben, die die Praxis den
Philosophen täglich stellt und die zu beantworten die Philsophie
verpflichtet ist. Es ist Zeit, die Theorie der Sowjetgesellschaft, die
Theorie des Sowjetstaates, die Theorie der modernen Naturwissenschaft,
die Ethik und Ästhetik kühner vorwärtszutreiben. Mit der
unbolschewistischen Feigheit gilt es Schluss zu machen. Einen Stillstand
in der Entwicklung der Theorie zuzulassen, bedeutet, unsere Philophie zu
mumifizieren, sie ihres wertvollsten Zuges, ihrer Entwicklungsfähigkeit,
zu berauben, bedeutet, sie in ein totes, trockenes Dogma zu verwandeln.
Die
Frage der bolschewistischen Kritik und Selbstkritik ist für unsere
Philosphen nicht nur eine praktische, sondern auch eine zutiefst
theoretische Frage.
Ist
der innere Gehalt des Entwicklungsprozesses, wie uns die Dialektik
lehrt, der Kampf der Gegensätze, der Kampf zwischen Altem und Neuem,
zwischen Absterbendem und Werdendem, zwischen Überlebtem und sich
Entwickelndem, dann muss unsere Sowjetphilosophie aufzeigen, wie dieses
Gesetz der Dialektik unter den Bedingungen der sozialistischen
Gesellschaft wirkt und worin die Eigenart seiner Anwendung besteht.
Wir
wissen, dass dieses Gesetz in einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft
anders wirkt als in unserer Sowjetgesellschaft. Hier hat die
wissenschaftliche Forschung ein gewaltiges Feld, und dieses Feld wird
von keinem unserer Philosophen bearbeitet. Indessen hat jedoch unsere
Partei seit langem jene besondere Form der Aufdeckung und Überwindung
der Widersprüche der sozialistischen Gesellschaft - und diese Widersprüche
gibt es, aber darüber wollen die Philosophen aus Feigheit nicht
schreiben - gefunden und in den Dienst des Sozialismus gestellt: jene
besondere Form des Kampfes zwischen Altem und Neuem, zwischen Überlebtem
und Werdendem bei uns in der Sowjetgesellschaft, die Kritik und
Selbstkritik genannt wird.
In
unserer Sowjetgesellschaft, in der die antagonistischen Klassen
liquidiert sind, vollzieht sich der Kampf zwischen Altem und Neuem und
damit auch die Entwicklung von Niederem zu Höherem nicht in Form des
Kampfes antagonischer Klassen und Zusammenbrüchen, wie das im
Kapitalismus der Fall ist, sondern in Form der Kritik und Selbstkritik,
die die wirkliche Triebkraft unserer Entwicklung, das mächtige
Instrument in den Händen der Partei ist. Das ist unbedingt eine neue
Form der Bewegung, ein neuer Typ der Entwicklung, eine neue dialektische
Gesetzmäßigkeit.
Marx
sagt, dass die früheren Philosophen die Welt nur interpretiert haben, während
es nunmehr darauf ankommt, sie zu verändern. Wir haben die alte Welt
verändert und eine neue aufgebaut, aber unsere Philosphen erklären
diese neue Welt leider ungenügend, ja, sie nehmen auch an ihrer Veränderung
ungenügenden Anteil. Wir hörten hier einige Versuche, die Ursachen
dieses Zurückbleibens sozusasgen ‘theoretisch’ zu erklären. Wir
wurde beispielsweise gesagt, dass die Philosophen zu lange in der
kommentatorischen Periode verweilt hätten und infolgedessen nicht
rechtzeitig zur Periode monografischer Forschungen übergegangen wären.
Diese Erklärung sieht natürlich sehr schön aus, aber sie ist wenig überzeugend.
Natürlich muss jetzt die schöpferische Arbeit der Philosphen an erster
Stelle stehen, was jedoch nicht bedeutet, dass die kommentatorische,
richtiger popularisierende Tätigkeit eingestellt werden soll. Auch dies
braucht unser Volk.
Wir
müssen uns beeilen, die verlorene Zeit aufzuholen. Die Aufgaben warten
nicht. Der im Großen Vaterländischen Krieg errungene glänzende Sieg
des Sozialismus, der gleichzeitig ein glänzender Sieg des Marxismus
war, steckt den Imperialisten wie ein Knochen in der Kehle. Das Zentrum
des Kampfes gegen den Marxismus hat sich nunmehr nach Amerika und
England verlegt. Alle Kräfte des Obskurantismus und der Reaktion werden
jetzt in den Dienst des Kampfes gegen den Marxismus gestellt. Die arg
mitgenommene Rüstung des Obskuranten- und Pfaffentums wurde erneut
hervorgezogen und in die Bewaffnung der bürgerlichen Philosophie, der
Magd der Atom- und Dollardemokratie, aufgenommen. Der Vatikan und die
Rassentheorie, der wilde Nationalismus und die altersschwache
idealistische Philosophie, die käufliche gelbe Presse und die zersetzte
bürgerliche Kunst. Doch die Kräfte reichen offensichtlich nicht aus.
Unter dem Banner des ‘ideologischen ‘ Kampfes gegen den Marxismus
werden nun auch tiefer liegende Reserven geworben. Ich greife aufs
Geratewohl ein Beispiel heraus. Wie dieser Tage die ‘Iswestija’
berichtete, wird in der von dem Existenzialisten Sartre herausgegebenen
Zeitschrift ‘Temps modernes’ das Buch des Kriminalschriftstellers
Jean Genet, ‘Tagebuch eines Diebes’ als neue Offenbarung
angepriesen, das mit den Worten beginnt: ‘Verrat, Diebstahl und
Homosexualität - das sind meine Hauptthemen. Es besteht eine organische
Verbindung zwischen meinem Hang zum Verrat, meiner Diebestätigkeit und
meinen Liebensabenteuern’. Der Verfasser kennt offenbar seine Sache.
Die Stücke von Jean Genet werden von den Pariser Bühnen in großer
Aufmachung aufgeführt, und Jean Genet selbst lädt man eifrig nach
Amerika ein. Das ist das ‘letzte Wort’ der bürgerlichen
Philosophie.
Bereits
aus der Erfahrung unseres Sieges über den Faschismus ist bekannt, in
welche Sackgasse die idealistische Philosophie ganze Völker geführt
hat. Jetzt zeigt sie sich in ihrer neuen widerlich schmutzigen Natur,
die den ganzen Tiefstand, die Niedrigkeit und Gemeinheit der Bourgeoisie
widerspiegelt. Zuhälter und kriminelle Verbrecher in der Philosophie -
das ist wirklich die Grenze des Untergangs und der Zersetzung. Diese Kräfte
sind noch lebendig, sind noch imstande, das Bewusstsein der Massen zu
vergiften.
Die
moderne bürgerliche Wissenschaft versorgt das Pfaffentum, den Fideismus
mit einer neuen Argumentation, die unbedingt unbarmherzig entlarvt
werden muss. Man nehme nur die Lehre des englischen Astronomen Eddington
von den physikalischen Weltkonstanten, die geradewegs zur pythagoräischen
Zahlenmystik führt und die aus mathematischen Formeln
‘Fundamentalkonstanten’ der Welt ableitet, wie die apokalyptische
Zahl 666 usf. Ohne den dialektischen Gang der Erkenntnis und das Verhältnis
von absoluter und relativer Wahrheit zu begreifen, gelangen viele
Nachfolger Einsteins zur Annahme der Endlichkeit der Welt, zu ihrer
Begrenztheit in Raum und Zeit, indem sie die Ergebnisse der Erforschung
der Bewegungsgesetze des endlichen beschränkten Gebiets des Weltalls
auf das gesamte unendliche Weltall übertragen. Der Astronom Milne hat
sogar ‘errechnet’, dass die Welt vor ‘zwei Milliarden Jahren
erschaffen wurde’. Auf diese englischen Gelehrten lässt sich wohl das
Wort ihres großen Landsmanns, des Philosophen Bacon anwenden, dass sie
die Ohnmacht ihrer Wissenschaft in eine Verleumdung der Natur
verwandeln.
In
gleicher Weise werden die heutigen bürgerlichen Atomphysiker durch die
Kantschen Winkelzüge zu der Schlussfolgerung geführt, das Elektron
besitze einen ‘freien Willen’, werden sie zu den Versuchen geführt,
die Materie nur als irgendeine Wellensumme und dergleichen darzustellen.
Hier
liegt ein riesiges Betätigungsfeld für unsere Philosophen, die die
Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft analysieren und
verallgemeinern müssen, eingedenk des Hinweises von Engels, dass der
Materialismus
„mit
jeder epochemachenden Entdeckung schon auf naturwissenschaftlichem
Gebiet ... seine Form ändern muss.“
(F.
Engels, ‘Ludwig Feuerbach ...’, S. 23).
Wer,
wenn nicht wir, das Land des siegreichen Marxismus und seine
Philosophen, soll denn den Kampf gegen die zersetzte und widerliche bürgerliche
Ideologie anführen, wer, wenn nicht wir, soll ihr die Vernichtungsschläge
beibringen?
Aus
der Asche des Krieges sind die Staaten der neuen Demokratie und die
nationale Befreiungsbewegung der kolonialen Völker hervorgegangen. Der
Sozialismus steht auf der Tagesordnung des Lebens der Völker. Wem, wenn
nicht uns, dem Land des siegreichen Sozialismus und seinen Philosophen,
obliegt es, unseren Freunden und Brüdern im Ausland ihren Kampf um die
neue Gesellschaft mit dem Licht des wissenschaftlichen sozialistischen
Bewusstseins erleuchten zu helfen, wem, wenn nicht uns, obliegt es, sie
mit der ideologischen Waffe des Marxismus aufzuklären und zu rüsten?
In
unserem Lands geht ein mächtiges Aufblühen der sozialistischen
Wirtschaft und Kultur vor sich. Das unaufhaltsame Wachstum des
sozialistischen Bewusstseins der Massen stellt an unsere ideologische
Arbeit immer größere Anforderungen. Eine entfaltete Offensive gegen
die Überreste des Kapitalismus im Bewusstsein der Menschen ist im Gang.
Wem, wenn nicht unseren Philosophen, obliegt es, die Reihen der
Schaffenden an der ideologischen Front anzuführen, die marxistische
Erkenntnistheorie zur Verallgemeinerung der gewaltigen Erfahrungen des
sozialistischen Aufbaus und zur Lösung der neuen Aufgaben des
Sozialismus in vollem Umfang durchzusetzen?
Angesichts
dieser großen Aufgaben könnte man fragen: Sind unsere Philosophen fähig,
die neuen Aufgaben auf sich zu nehmen? Ist as Pulver in den
philosophischen Pulverhörnern trocken? Hat die philosophische Kraft
nicht nachgelassen? Sind unsere wissenschaftlichen philosophischen Kader
fähig, die Mängel ihrer Entwicklung mit ihren eigenen inneren Kräften
zu überwinden und ihre Arbeit auf neue Art umzugestalten? In dieser
Frage kann es keine zwei Meinungen geben. Die philosophische Diskussion
hat gezeigt, dass diese Kräfte nicht gering sind, dass diese Kräfte fähig
sind, ihre Fehler aufzudecken, um sie zu überwinden. Es bedarf nur
eines noch größeren Glaubens an die eigenen Kräfte, einer stärkeren
Erprobung dieser Kräfte in aktiven Kämpfen, in der Stellung und Lösung
brennender Probleme der Gegenwart. Es gilt mit dem unkämpferischen
Tempo in der Arbeit Schluss zu machen, den alten Adam von sich abzuschütteln
und so zu arbeiten zu beginnen, wie Marx, Engels, Lenin gearbeitet
haben, wie Stalin arbeitet. (Beifall.)
Genossen!
Sie
wissen, wie sich Engels seinerzeit über das Erscheinen eines
marxistischen Buches in der Auflage von 2000 bis 3000 Exemplaren freute
und dies als großes politisches Ereignis von gewaltiger Bedeutung
bezeichnete. Aus dieser für unsere Maßstäbe unbedeutenden Tatsache
zog Engels den Schluss, dass die marxistische Philosophie in der
Arbeiterklasse tiefe Wurzeln geschlagen hat. Doch was soll man erst über
das Eindringen der marxistischen Philosophie in die breiten Schichten
unseres Volkes sagen, und was würden Marx und Engels sagen, wenn sie wüssten,
dass philosophische Werke in Dutzenden von Millionen Exemplaren in
unserem Volk verbreitet sind? Das ist ein wahrer Triumph des Marxismus,
und das ist der lebendige Beweis dafür, dass die große Lehre von Marx,
Engels, Lenin und Stalin bei uns zu einer Volkslehre geworden ist, und
auf diesem Fundament, das in der Welt nicht seinesgleichen hat, muss
unsere Philosophie aufblühen. Seid würdig unserer Epoche - der Epoche
Lenins und Stalins, der Epoche unseres Volkes, des Siegesvolkes! (Stürmischer,
lang andauernder Beifall.)
Aus:
‘Woprossi
Filosofii’ (Philosophische Fragen), Jahrgang 1947, Heft 1
Referat über die Zeitschriften ‘Swesda’ und ‘Leningrad’, 1946
(gekürztes und zusammengefasstes Stenogramm) siehe
Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch:
‘Geschichte der westeuropäischen Philosophie’,
Rede auf der Philosophentagung in Moskau, Juni 1947 siehe
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