|
Stalin
Werke
Band
15
DER
MARXISMUS UND DIE FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT
ZU
EINIGEN FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT
Antwort
an Genossin J. Krascheninnikowa
Genossin
Krascheninnikowa!
Ich
beantworte Ihre Fragen.
1.
Frage: In Ihrem Artikel wird überzeugend nachgewiesen, dass die Sprache
weder Basis noch Überbau ist. Wäre die Annahme berechtigt, dass die
Sprache eine Erscheinung ist, die sowohl der Basis als auch dem Überbau
eigen ist, oder wäre es richtiger, die Sprache für eine
Zwischenerscheinung zu halten?
Antwort:
Der Sprache als einer gesellschaftlichen Erscheinung ist natürlich
jenes Gemeinsame eigen, was für alle gesellschaftlichen Erscheinungen,
darunter für die Basis und den Überbau, kennzeichnend ist, nämlich
sie dient der Gesellschaft ebenso, wie ihr alle anderen
gesellschaftlichen Erscheinungen, darunter die Basis und der Überbau,
dienen. Aber darin erschöpft sich eigentlich auch jenes Gemeinsame, was
für alle gesellschaftlichen Erscheinungen kennzeichnend ist. Danach
beginnen sehr wesentliche Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen
Erscheinungen.
Die
Sache ist die, dass die gesellschaftlichen Erscheinungen außer diesem
Gemeinsamen ihre spezifischen Besonderheiten haben, die sie voneinander
unterscheiden und die für die Wissenschaft das Wichtigste sind. Die
spezifischen Besonderheiten der Basis bestehen darin, dass sie der
Gesellschaft ökonomisch dient. Die spezifischen Besonderheiten des Überbaus
bestehen darin, dass er der Gesellschaft durch politische, juristische,
ästhetische und andere Ideen dient und für die Gesellschaft die
entsprechenden politischen, juristischen und anderen Institutionen
schafft. Worin bestehen die spezifischen Besonderheiten der Sprache, die
sie von den anderen gesellschaftlichen Erscheinungen unterscheiden? Sie
bestehen darin, dass die Sprache der Gesellschaft als Mittel des
menschlichen Verkehrs dient, als Mittel zum Austausch von Gedanken in
der Gesellschaft, als Mittel, das den Menschen die Möglichkeit gibt,
einander zu verstehen und die gemeinsame Arbeit in allen Bereichen der
menschlichen Tätigkeit in Gang zu bringen, sowohl auf dem Gebiet der
Produktion als auch auf dem Gebiet der ökonomischen Beziehungen, sowohl
auf dem Gebiet der Politik als auch auf dem Gebiet der Kultur, sowohl im
gesellschaftlichen als auch im täglichen Leben. Diese Besonderheiten
sind nur der Sprache eigen, und eben weil sie nur der Sprache eigen
sind, ist die Sprache das Forschungsobjekt einer selbständigen
Wissenschaft, der Sprachwissenschaft. Ohne diese Besonderheiten der
Sprache verlöre die Sprachwissenschaft das Recht auf selbständige
Existenz.
Kurzum:
Man kann die Sprache weder zur Kategorie der Basen noch zur Kategorie
der Überbauten rechnen.
Man
kann sie auch nicht zur Kategorie der „Zwischen“erscheinungen
zwischen der Basis und dem Überbau rechnen, da es solche „Zwischen“erscheinungen
nicht gibt.
Aber
vielleicht könnte man die Sprache zur Kategorie der Produktivkräfte
der Gesellschaft, zur Kategorie, sagen wir, der Produktionsinstrumente
rechnen. In der Tat, zwischen der Sprache und den
Produktionsinstrumenten besteht eine gewisse Analogie: Die
Produktionsinstrumente stehen ebenso wie die Sprache den Klassen
gewissermaßen gleichgültig gegenüber und können verschiedenen
Klassen der Gesellschaft, sowohl den alten als auch den neuen, in
gleicher Weise dienen. Gibt dieser Umstand Veranlassung dafür, die
Sprache zur Kategorie der Produktionsinstrumente zu rechnen? Nein, das
gibt er nicht.
Als
N. J. Marr seinerzeit sah, dass seine Formel „Die Sprache ist ein Überbau
über der Basis“ auf Einwände stieß, beschloss er, „sich
umzustellen“, und erklärte, dass „die Sprache ein
Produktionsinstrument ist“. Hatte N. J. Marr Recht, als er die Sprache
zur Kategorie der Produktionsinstrumente rechnete? Nein, er hatte
unbedingt Unrecht.
Die
Sache ist die, dass sich die Ähnlichkeit zwischen der Sprache und den
Produktionsinstrumenten in der Analogie, von der ich soeben sprach,
erschöpft. Dafür aber besteht zwischen der Sprache und den
Produktionsinstrumenten ein grundlegender Unterschied. Dieser
Unterschied besteht darin, dass die Produktionsinstrumente materielle Güter
erzeugen, während die Sprache nichts erzeugt, oder einzig und allein
Worte „erzeugt“. Genauer gesagt, Menschen, die
Produktionsinstrumente haben, können materielle Güter erzeugen, aber
die gleichen Menschen, die wohl eine Sprache haben, aber keine
Produktionsinstrumente, können keine materiellen Güter erzeugen. Es
ist nicht schwer zu begreifen, dass, wenn die Sprache materielle Güter
erzeugen könnte, die Schwätzer die reichsten Menschen in der Welt sein
würden.
2.
Frage: Marx und Engels definieren die Sprache als „unmittelbare
Wirklichkeit des Gedankens“, als „praktisches, ... tatsächliches
Bewusstsein“. „Die Ideen“, sagt Marx, „existieren nicht losgelöst
von der Sprache.“ Inwieweit muss sich die Sprachwissenschaft Ihrer
Ansicht nach mit der den Sinn betreffenden Seite der Sprache, mit der
Semantik
und der historischen Semasiologie und Stilistik beschäftigen, oder soll
nur die Form Gegenstand der Sprachwissenschaft sein?
Antwort:
Die Semantik (Semasiologie) ist ein wichtiger Teil der
Sprachwissenschaft. Die den Sinn betreffende Seite der Wörter und Ausdrücke
ist für die Erforschung der Sprache von wesentlicher Bedeutung. Daher
muss der Semantik (Semasiologie) der ihr gebührende Platz in der
Sprachwissenschaft gesichert werden.
Wenn
man die Probleme der Semantik bearbeitet und ihre Daten verwertet, darf
man jedoch ihre Bedeutung in keiner Weise überschätzen, geschweige
denn sie missbrauchen. Ich denke dabei an gewisse Sprachforscher, die in
ihrer übermäßigen Begeisterung für die Semantik die Sprache als
„unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“, die mit dem Denken
untrennbar verbunden ist, gering achten, das Denken von der Sprache
trennen und behaupten, die Sprache überlebe sich, man könne auch ohne
Sprache auskommen.
Beachten
Sie folgende Worte N. J. Marrs:
„Die
Sprache existiert nur, sofern sie sich in Lauten äußert; die Tätigkeit
des Denkens geht auch ohne diese Äußerung vor sich ... Die Sprache
(die Lautsprache) hat heute bereits begonnen, ihre Funktionen an die
neuesten Erfindungen abzutreten, die den Raum unbeschränkt über-winden,
das Denken aber gelangt durch die in der Vergangenheit angehäuften
nicht ausgenutzten Errungenschaften und die neuen Erwerbungen zur
Entfaltung und hat die Sprache vollständig zu verdrängen und zu
ersetzen. Die Sprache der Zukunft ist ein Denken, das in einer von der
natürlichen Materie freien Technik erwächst. Vor ihm wird keine
Sprache standhalten, nicht einmal die Lautsprache, die immerhin mit den
Normen der Natur verbunden ist.“ (Siehe „Ausgewählte Werke“ von
N. J. Marr.)
Übersetzt
man dieses Kauderwelsch über „Arbeitsmagie“ in eine einfache
menschliche Sprache, so kann man zu dem Schluss gelangen, dass:
a)
N. J. Marr das Denken von der Sprache trennt;
b)
N. J. Marr die Ansicht vertritt, der Verkehr der Menschen könne auch
ohne Sprache erfolgen, mit Hilfe des Denkens selbst, das frei ist von
der „natürlichen Materie“ der Sprache, frei von den „Normen der
Natur“;
c)
N. J. Marr, indem er das Denken von der Sprache trennt und es von der
sprachlichen „natürlichen Materie“ „befreit“, in den Sumpf des
Idealismus gerät.
Man
sagt, dass die Gedanken im Kopf des Menschen entstehen, bevor sie in der
Rede ausgesprochen werden, dass sie ohne sprachliches Material, ohne
sprachliche Hülle, sozusagen in nackter Gestalt entstehen. Aber das ist
völlig falsch. Welche Gedanken im Kopf des Menschen auch immer
entstehen mögen, sie können nur auf der Grundlage des sprachlichen
Materials, auf der Grundlage der sprachlichen Termini und Sätze
entstehen und existieren. Gedanken, frei vom sprachlichen Material, frei
von der sprachlichen „natürlichen Materie“, gibt es nicht. „Die
Sprache ist die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“ (Marx). Die
Realität des Gedankens offenbart sich in der Sprache. Nur Idealisten können
von einem Denken, das mit der „natürlichen Materie“ der Sprache
nicht verbunden ist, von einem Denken ohne Sprache sprechen.
Kurzum:
Die Überschätzung der Semantik und ihr Missbrauch haben N. J. Marr zum
Idealismus geführt.
Wenn
man folglich die Semantik (Semasiologie) vor Übertreibungen und Missbräuchen,
wie sie sich N. J. Marr und manche seiner „Schüler“ zuschulden
kommen lassen, bewahrt, dann kann sie der Sprachwissenschaft großen
Nutzen bringen.
3.
Frage: Sie sagen ganz richtig, dass die Ideen, Vorstellungen, Sitten und
Sittenprinzipien bei den Bourgeois und bei den Proletariern direkt
entgegengesetzt sind. Der Klassencharakter dieser Erscheinungen hat sich
unbedingt auf die semantische Seite der Sprache (und manchmal auch auf
ihre Form, auf den Wortbestand, wie in Ihrem Artikel richtig bemerkt
wird) ausgewirkt. Kann man, wenn man ein konkretes sprachliches Material
und in erster Linie die den Sinn betreffende Seite einer Sprache
analysiert, von einem Klassenwesen der durch sie ausgedrückten Begriffe
sprechen, besonders in den Fällen, wo es sich um den sprachlichen
Ausdruck nicht nur des Gedankens des Menschen, sondern auch seines Verhältnisses
zur Wirklichkeit handelt, wo sich seine Klassenzugehörigkeit besonders
deutlich offenbart?
Antwort:
Kurz gesagt, Sie möchten wissen, ob die Klassen die Sprache
beeinflussen, ob sie ihre spezifischen Wörter und Ausdrücke in die
Sprache hineintragen, ob es Fälle gibt, dass die Menschen den gleichen
Wörtern und Ausdrücken verschiedene Bedeutung, je nach ihrer
Klassenzugehörigkeit, beimessen.
Ja,
die Klassen beeinflussen die Sprache, sie tragen in die Sprache ihre
spezifischen Wörter und Ausdrücke hinein, und zuweilen verstehen sie
die gleichen Wörter und Ausdrücke verschieden. Das unterliegt keinem
Zweifel.
Daraus
folgt jedoch nicht, dass die spezifischen Wörter und Ausdrücke, ebenso
wie die Verschiedenheit in der Semantik, ernsthafte Bedeutung für die
Entwicklung einer einheitlichen Sprache des gesamten Volkes haben können,
dass sie deren Bedeutung abzuschwächen oder ihren Charakter zu verändern
vermögen.
Erstens
sind solche spezifischen Wörter und Ausdrücke, wie auch die Fälle von
Verschiedenheit in der Semantik, so selten in der Sprache, dass sie kaum
ein Prozent des gesamten sprachlichen Materials ausmachen. Folglich ist
die ganze übrige, überwältigende Masse der Wörter und Ausdrücke wie
auch ihre Semantik für alle Klassen der Gesellschaft gemeinsam.
Zweitens
werden die spezifischen Wörter und Ausdrücke, die eine klassenmäßige
Nuancierung besitzen, in der Rede nicht nach den Regeln irgendeiner „Klassen“grammatik,
die es in der Wirklichkeit nicht gibt, sondern nach den Regeln der
Grammatik der bestehenden Sprache des gesamten Volkes verwendet.
Das
Vorhandensein spezifischer Wörter und Ausdrücke und die Fälle von
Verschiedenheit in der Semantik der Sprache widerlegen also nicht das
Vorhandensein und die Notwendigkeit einer einheitlichen Sprache des
gesamten Volkes, sondern bestätigen sie im Gegenteil.
4.
Frage: In Ihrem Artikel schätzen Sie Marr ganz richtig als einen
Vulgarisator des Marxismus ein. Bedeutet das, dass die Linguisten,
darunter auch wir jungen Menschen, das ganze linguistische Erbe Marrs
beiseite werfen sollen, der immerhin eine Reihe wertvoller sprachlicher
Forschungen aufzuweisen hat (worüber sich in der Diskussion die
Genossen Tschikobawa, Sanshejew und andere geäußert haben)? Können
wir, wenn wir kritisch an Marr herangehen, nicht doch Nützliches und
Wertvolles von ihm übernehmen?
Antwort:
Natürlich bestehen die Werke N. J. Marrs nicht nur aus Fehlern. N. J.
Marr beging gröbste Fehler, als er in die Sprachwissenschaft Elemente
des Marxismus in entstellter Form hineintrug, als er versuchte, eine
selbständige Sprachtheorie zu schaffen. Aber es gibt von N. J. Marr
einzelne gute und talentvoll geschriebene Werke, in denen er seine
theoretischen Ambitionen vergisst und einzelne Sprachen gewissenhaft
und, man muss sagen, sachkundig untersucht. In diesen Werken ist nicht
wenig Wertvolles und Lehrreiches zu finden. Es versteht sich, dass man
dieses 'Wertvolle und Lehrreiche von N. J. Marr übernehmen und
verwerten muss.
5.
Frage: Viele Linguisten halten den Formalismus für eine der
wesentlichsten Ursachen der Stagnation in der sowjetischen
Sprachwissenschaft. Ich würde sehr gern Ihre Meinung darüber hören,
worin der Formalismus in der Sprachwissenschaft besteht und wie er zu überwinden
ist.
Antwort:
N. J. Marr und seine „Schüler“ erheben die Beschuldigung des
„Formalismus“ gegen alle Sprachforscher, die mit der „neuen
Lehre“ N. J. Marrs nicht einverstanden sind. Das ist natürlich
unernst und unklug.
N.
J. Marr hielt die Grammatik für eine leere „Formalität“ und die
Leute, die den grammatikalischen Bau für die Grundlage der Sprache
halten, für Formalisten. Das ist schon ganz töricht.
Ich
glaube, dass der „Formalismus“ von den Urhebern der „neuen
Lehre“ zur Erleichterung des Kampfes mit ihren Gegnern in der
Sprachwissenschaft ersonnen worden ist.
Die
Ursache der Stagnation in der sowjetischen Sprachwissenschaft ist nicht
der von N. J. Marr und seinen „Schülern“ erfundene
„Formalismus“, sondern das Araktschejew-Regime und die theoretischen
Mängel in der Sprachwissenschaft. Das Araktschejew-Regime haben die
„Schüler“ N. J. Marrs geschaffen. Das theoretische Durcheinander
haben N. J. Marr und seine nächsten Mitarbeiter in die
Sprachwissenschaft hineingebracht. Damit die Stagnation aufhört, muss
das eine wie das andere beseitigt werden. Die Beseitigung dieser Übelstände
wird die sowjetische Sprachwissenschaft wieder gesund machen, wird ihr
volle Entwicklungsmöglichkeiten sichern und ihr dazu verhelfen, in der
Sprachwissenschaft der Welt die erste Stelle einzunehmen.
29.
Juni 1950.
|
Stalin
als Theoretiker des Marxismus-Leninismus Stalins
Beiträge zur Theorie der nationalen Frage
Zum
50. Todestag Stalins am 5. März 2003
von
Ulrich Huar
Quelle:
Offensiv. Zeitschrift für Sozialismus und Frieden. Heft 5/2002
III.
Zum Sprachenproblem
Walter
Laqueur, einer der „Stalin"-Kritiker der Glastnostperiode, äußerte
Verwunderung, daß sich Stalin 1950, in dem Jahr, als der Koreakrieg
„ausbrach", „einen plötzlichen Vorstoß in das Feld der
Linguistik wagte." Laqueur fand auch gleich „die einzig
wahrscheinliche Erklärung für diese Ergüsse", nämlich in dem
„Ehrgeiz" Stalins, neben Marx und Lenin auch als gleichrangiger
Theoretiker in die Geschichte einzugehen.1)
So
die „sachkundige" Kritik Laqueurs an Stalins Artikelserie
„Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft", Juni bis August
1950 geschrieben. Dies nur nebenbei: Der Koreakrieg war nicht einfach
„ausgebrochen", sondern war eine von den USA unter Mißbrauch der
UNO-Flagge durchgeführte Aggression. Allerdings hat Stalin in dieser
Frage einen ernsten Fehler begangen: Durch Abberufung des sowjetischen
Vertreters aus dem Sicherheitsrat der UNO hat sich die Sowjetregierung
der Möglichkeit beraubt, durch ihr Veto einen Mißbrauch der UNO-Flagge
zu erschweren, wenn nicht sogar zu verhindern.1a) Stalin unternahm auch
keinen „plötzlichen Vorstoß in das Feld der Linguistik". Dies
ist eine der üblichen Unterstellungen. Stalin betonte ausdrücklich:
„Ich bin kein Sprachforscher." Er habe aber, was den Marxismus in
der Sprachwissenschaft wie auch in anderen Gesellschaftswissenschaften
betreffe, „direkt damit zu tun."2)
Es
ging Stalin also um Fragen der Theorie des Marxismus, nicht um
theoretische Fragen auf dem „Feld der Linguistik". Stalins
Artikelserie ist also als ein Beitrag zur Theorie des
Marxismus-Leninismus zu verstehen und nicht zur Sprachwissenschaft, wenn
letztere auch dabei tangiert wird. Laqueur muß allerdings einräumen,
daß Stalin schon früher über die Nationalitätenfrage geschrieben
habe, aber! Stalin sei „ein unbegabter Amateur" geblieben; seine
Artikel enthielten „keine einzige neue Idee."3) Vielleicht hat
Laqueur wirklich keine „neuen Ideen" gefunden und lastet die
eigenen Erkenntnisschranken nun Stalin an.
Stalin
hat sich mit dem Srachenproblem nicht erst 1950 beschäftigt. Die
Sprachenfrage war eine der brisantesten Fragen des sozialistischen
Aufbaus in einem Multi-Nationalitätenstaat und ist es auch heute noch
in solchen Staaten wie Indien. Diese Brisanz aus der revolutionären Tätigkeit
und der Praxis des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR erfahren zu
haben und diese Erfahrungen zumindest im Ansatz politisch gelöst und
theoretisch verallgemeinert zu haben, gehört zu den Leistungen Stalins.
Es wäre ein Wunder, wenn in der Lösung dieser äußerst komplizierten
Probleme keine Fehler unterlaufen wären, vor denen auch Stalin nicht
gefeit war. Man kann nicht oft genug betonen, daß es keinerlei
Erfahrungen auf diesem Gebiet gab. Im Vergleich mit den Arbeiten der
Austromarxisten über die Rolle der Sprache im Kontext ihrer Theorie der
„national-kulturellen Autonomie" oder Kautskys Auffassung über
eine zukünftige „Einheitssprache", sind Stalins Arbeiten über
das Sprachenproblem wissenschaftliche Spitzenleistungen, die mehr als
eine „neue Idee" enthalten. Die Artikelserie „Marxismus und
Fragen der Sprachwissenschaft" von 1950 stellt den Abschluß
diesbezüglicher Arbeiten dar, die zumindest seit 1923 nachweisbar sind.
Auf
der vierten Beratung des ZK der KPdSU (B) mit Funktionären der
nationalen Republiken und Gebiete im Juni 1923 nahm die Frage der allmählichen
Einführung der Muttersprache der einheimischen Bevölkerung in den
„Geschäftsbereich" (als Amtssprache, U.H.) eine Schlüsselstellung
ein. Die verantwortlichen Funktionäre in den nationalen Gebieten, fast
ausschließlich Russen, wurden verpflichtet, die Muttersprache der
einheimischen Bevölkerung zu lernen.4) Diese Forderung wurde von Stalin
bis an sein Lebensende mehrfach mit Nachdruck wiederholt. Er hatte die
Gefahren rechtzeitig erkannt, die aus der Vernachlässigung dieser
Forderung erwachsen würden. In den Schulen sei der Unterricht in der
Muttersprache zu erteilen, wobei das Netz der in der Muttersprache tätigen
Lehranstalten zu erweitern sei. Die politische Erziehungsarbeit müsse
in der Muttersprache erfolgen. Dafür müsse marxistische Literatur in
der Muttersprache herausgegeben werde. Ein Netz von Vereinigungen sei zu
schaffen, die der einheimischen Bevölkerung Lese- und Schreibunterricht
in der Muttersprache erteilen.5)
In
seiner Rede „über die Aufgaben der Universität der Völker des
Ostens" am 18. Mai 1925 ging Stalin ausführlich auf die Dialektik
von nationaler und proletarischer Kultur ein. Das Problem bestand darin,
wie sich der Aufbau der nationalen Kultur mit dem Aufbau des
Sozialismus, der Entwicklung der proletarischen Kultur vereinbaren ließ.
In der Lösung dieses dialektisch-widersprüchlichen Problems spielte
die Muttersprache eine entscheidende Rolle. Die „ihrem Inhalt nach
sozialistische, proletarische Kultur bei den verschiedenen Völkern, die
in den sozialistischen Aufbau einbezogen sind," nimmt verschiedene
Ausdrucksformen und eine unterschiedliche Ausdrucksweise an, „je nach
den Unterschieden in der Sprache, der Lebensweise usw."6) Ursprünglich
war die Losung der nationalen Kultur eine bürgerliche, solange die
Bourgeoisie an der Macht war, die Konsolidierung der Nationen unter der
Ägide der Bourgeoisie verlief. Nunmehr, unter den Bedingungen des
Sozialismus sei die Losung der nationalen Kultur zu einer proletarischen
geworden.
Stalin
wandte sich gegen die Auffassung Kautskys, wonach in der Periode des
Sozialismus eine „allgemeinmenschliche Einheitssprache" entstehen
werde und alle anderen Sprachen absterben würden. Die bisherigen
Erfahrungen hätten dagegen gezeigt, „daß die sozialistische
Revolution die Zahl der Sprachen nicht vermindert, sondern vermehrt hat,
denn dadurch, daß sie die tiefsten Tiefen der Menschheit aufrüttelt
und auf die politische Arena bringt, erweckt sie eine Reihe neuer, früher
gar nicht oder wenig bekannter Nationalitäten zu neuem Leben.
Wer
hätte gedacht, daß das alte zaristische Rußland nicht weniger als 50
Nationen und nationale Gruppen umfaßte? Die Oktoberrevolution hat
jedoch dadurch, daß sie die alten Ketten gesprengt und eine ganze Reihe
vergessener Völker und Völkerschaften auf den Plan gerufen hat, diese
zu neuem Leben erweckt und ihnen neue Entwicklungsmöglichkeiten
gegeben. Heute spricht man von Indien als einem einheitlichen Ganzen. Es
ist jedoch kaum daran zu zweifeln, daß im Falle einer revolutionären
Erschütterung in Indien Dutzende von bis dahin unbekannten Nationalitäten
auf den Plan treten werden, die eine eigene Sprache sprechen, eine
eigene Kultur besitzen. Und wenn es sich darum handelt, die
proletarische Kultur zum Gemeingut der verschiedenen Nationalitäten zu
machen, so kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß dies in Formen
vor sich gehen wird, die der Sprache und Lebensweise dieser Nationalitäten
entsprechen."7)
Nun
haben sich die Sprachen nach der Oktoberrevolution natürlich nicht
vermehrt; sie waren schon vorher vorhanden, aber sie waren bis dahin
unbekannt. Jedoch hatte Stalin die Kompliziertheit des Sprachenproblems
erfaßt, nämlich den entscheidenden Umstand, daß sich kein Volk, keine
Nationalität den Marxismus außerhalb seiner historisch entstandenen
Psyche, der eigenen Sprache, aneignen kann.
Nach
der Enzyklopädie der UdSSR wurden von den Völkern der Sowjetunion über
200 Sprachen gesprochen, die verschiedenen Sprachsystemen angehörten.8)
Außer den 45 namentlich genannten Nationalitäten in der Enzyklopädie
lebten in der RSFSR noch verschiedene Volksstämme und Volksgruppen.9)
Die
Mehrzahl der Sprachen dieser Volksgruppen besaßen jedoch kein
Schrifttum. Bei den Völkern, die über Schrifttum verfügten, zum
Beispiel das Arabische, betrug die Zahl der Lese- und Schreibkundigen höchstens
1 - 2 %. Für die meisten dieser Sprachen mußte erst ein Schrifttum
geschaffen werden.10) Mit welchen Buchstaben? Nach welcher Grammatik?
Die meisten dieser Sprachen, wie auch das Arabische, kannten keine
Begriffe und Termini der modernen Wissenschaften und Technik, ganz zu
schweigen vom begrifflichen Instrumentarium des Marxismus-Leninismus.
Nicht wenig Sprachen dienten nur der mündlichen Verständigung in
Alltagsfragen. Schulunterricht in der Muttersprache war nur in solchen
Republiken und nationalen Gebieten möglich, die über eine entwickelte
Sprache verfügten; in vielen Fällen konnte der Unterricht nur in der
Unterstufe in der Muttersprache erteilt werden, weil eine Terminologie für
Wissenschaften in der Muttersprache nicht vorhanden war und auch nicht
geschaffen werden konnte. So mußte in der Oberstufe der Unterricht in
russischer Sprache erteilt werden. Damit entstand das Problem der
Zweisprachigkeit. Zugang zu Wissenschaft und Technik war in der
Sowjetunion nur über die russische Sprache möglich. Zuweilen wurden
russische Wörter in andere Sprachen aufgenommen, wie auch umkehrt, so
daß eine Bereicherung des Wortschatzes stattfand, andererseits starben
auch Sprachen kleinerer Volksgruppen aus.
Ein
Schrifttum zu schaffen war das eine. Es mußten aber auch Zeitungen, Bücher,
Zeitschriften gedruckt, d.h. Verlage für Schriften in der Muttersprache
geschaffen, Lehrer ausgebildet werden. Dafür mußten erhebliche
finanzielle Mittel aufgebracht werden. Auch in diesem weltgeschichtlich
wirklich erst - und bis jetzt einmaligen Unternehmen waren Fehler nicht
vermeidbar.
Wenn
die Marxismusrezeption abhängig ist von der nationalen Psyche und
Sprache, dann sind zugleich Abweichungen und „nationale"
Interpretationen des Marxismus-Leninismus unvermeidlich. Die
unverzichtbare Forderung nach „Zweisprachigkeit" wurde sehr oft
von russischen Funktionären als „Einbahnstraße" verstanden.
Stalin
kannte das Problem und bekämpfte sowohl die eine als auch die andere
Abweichung, weil beide für den Bestand der Sowjetunion äußerst gefährlich
waren. Seine mehrfach wiederholten Mahnungen, daß die russischen
Sowjetfunktionäre in den nationalen Gebieten die Sprache der Bevölkerung
lernen müssen, konnte er bis zu seinem Tode nicht durchsetzen.
Desgleichen wurde die Aneignung der russischen Sprache als Zweitsprache
für die nichtrussischen Nationalitäten nie voll verwirklicht. Ende der
70er Jahre beherrschten nur 62,2 % der nichtrussischen Bevölkerung frei
die russische Sprache. Zum Teil verlief die Entwicklung sogar rückläufig.
In einigen Republiken beherrschte die junge Generation die russische
Sprache schlechter als die mittlere.
In
Parteidokumenten der KPdSU in den 70er und 80er Jahren fanden sich
wiederholt Hinweise auf die Notwendigkeit, Russisch als Zweitsprache zu
erlernen, aber, im Unterschied zu Stalin, keine Hinweise, daß die
Russen die Sprache derjenigen Nation als Zweitsprache erlernen sollten,
in deren Gebiet sie lebten. Gerade die in kleinen Republiken oder
autonomen Gebieten lebenden Russen sprechen meistens nicht die Sprache
der Stammnation. Das hatte besonders in den baltischen Staaten zur
Entfremdung zwischen Russen und den Bürgern der baltischen Nationen geführt,
ein Gefühl der „Russifizierung" erzeugt. In Estland hatten Esten
und Russen ursprünglich gemeinsame Kinderkrippen und Kindergärten,
lebten auch in gemeinsamen Wohngebieten. Das hatte sich im Laufe der
70er und 80er Jahre verändert. Estnische und russische
Bildungseinrichtungen waren jetzt oftmals getrennt. In Tallin
existierten estnische und russische Wohngebiete, zwischen denen es keine
Kommunikationspunkte, kaum Kontakte gab.
Gravierende
Versäumnisse auf dem Gebiet der Nationalitätenpolitik in der Breshnew-Ära
und der Perestroika-Periode im Zusammenhang mit wirtschaftlichen
Problemen, Disproportionen zwischen Bildungs- und Anforderungsniveau,
ungleiche Entwicklung der Republiken und nationalen Gebiete, haben
Voraussetzungen für Entfremdungsprozesse zwischen den Nationen und
Ethnien geschaffen, ließen alte Feindschaften, die zur Regierungszeit
Stalins weitgehend überwunden werden konnten, wieder aufleben. Durch
die konterrevolutionäre Politik Gorbatschows wurde der Boden für einen
explosiven Nationalismus bereitet, der sich nach der Zerstörung der
sowjetischen Staats- und Parteiinstitutionen entladen konnte.
Wenn
Hitler als Repräsentant des faschistischen deutschen Imperialismus bei
seinem verbrecherischen Überfall auf die Sowjetunion mit einem
Auseinanderbrechen der Nationalitäten gerechnet hat, wurde er bitter
enttäuscht. Der Zusammenhalt der Völker der Sowjetunion im Großen
Vaterländischen Krieg war Ergebnis Stalinscher Nationalitätenpolitik.
Vereinzelte Ausnahmen rückständiger Krim-Tataren und ukrainischer
Kollaborateure ändern nichts an diesem Sachverhalt.
In
einem Brief an Kaganowitsch und andere Mitglieder des Politbüros des ZK
der Kommunistischen Partei Ukraine (B) vom 26. April 1926 wies Stalin
auf ernste Probleme bezüglich der nationalen Politik der Partei in der
Ukraine hin.. Man müsse unterscheiden zwischen der Ukrainisierung der
Apparate und der Ukrainisierung des Proletariats. Die Bewegung für eine
ukrainische Kultur, für ein ukrainisches öffentliches Leben, habe
begonnen, aber sie dürfe „auf keinen Fall fremden Elementen" überlassen
bleiben.11) Unter russischen Partei- und Sowjetfunktionären gebe es
eine Tendenz, die ukrainische Kultur im „Geiste der Ironie und des
Skeptizismus" zu betrachten. So schwierig es sei, Kader auszuwählen
und auszubilden, die fähig seien, die neue Bewegung in der Ukraine zu
leiten, so müsse man unter Einhaltung eines bestimmten Tempos die
Apparate der Partei und des Staates und anderer, die für die Bevölkerung
arbeiten, ukrainisieren. Man dürfe aber nicht das Proletariat „von
oben her ukrainisieren. Man darf die russischen Arbeiter nicht zwingen,
auf die russische Sprache und die russische Kultur zu verzichten und die
ukrainische Kultur und Sprache als die ihrige anzuerkennen. Das
widerspricht dem Prinzip der freien Entwicklung der Nationalitäten. Das
wäre nicht nationale Freiheit, sondern eine eigentümliche Form der
nationalen Unterdrückung. Es steht außer Zweifel, daß die
Zusammensetzung des ukrainischen Proletariats sich in dem Maße ändern
wird, wie sich die Ukraine industriell entwickeln wird, wie ukrainische
Arbeiter aus den umliegenden Dörfern in die Industrie strömen werden.
Es steht außer Zweifel, daß das ukrainische Proletariat sich
ukrainisieren wird, ebenso wie das Proletariat, sagen wir, in Lettland
und in Ungarn, das eine Zeitlang deutschen Charakter hatte, sich später
zu lettisieren beziehungsweise zu madjarisieren begann. Das ist aber ein
lang währender, elementar verlaufender, natürlicher Prozeß. Diesen
elementaren Prozeß durch eine gewaltsame Ukrainisierung des
Proletariats von oben her ersetzen wollen - heißt eine utopische und
schädliche Politik betreiben, die in den nichtukrainischen Schichten
des Proletariats der Ukraine einen antiukrainischen Chauvinismus
hervorrufen kann."12) Es sei zu beachten, daß diese Bewegung für
die ukrainische Kultur und ein ukrainisches öffentliches Leben
„meistens von nichtkommunistischen Intellektuellen geleitet wird"
und „manchenorts den Charakter eines Kampfes für die Absonderung der
ukrainischen Kultur und des ukrainischen öffentlichen Lebens von der
Kultur und des öffentlichen Lebens des gesamten Sowjetlandes, den
Charakter eines Kampfes gegen ‘Moskau’ überhaupt, gegen die
‘Russen’ überhaupt, gegen die russische Kultur und ihre höchste
Errungenschaft, den Leninismus, annehmen kann. Ich brauche nicht den
Beweis zu führen, daß diese Gefahr in der Ukraine immer realer
wird."13)
In
einem Artikel in der ukrainischen Presse habe der Kommunist Chwilewoi
die Forderung nach „unverzüglicher Entrussifizierung des Proletariats
in der Ukraine" erhoben, die „ukrainische Poesie ... so schnell
wie möglich von der russischen Literatur ... frei zu machen.14)
Stalin
hatte die Gefahren, die für die Sowjetunion von dem nichtrussichen, in
diesem Fall dem ukrainischen Nationalismus ausgingen, rechtzeitig
erkannt. Ihm war bewußt, daß sich diese Probleme nicht mit Gewalt
„von oben" her lösen ließen, sondern nur langfristig durch eine
ausgewogene nationale Politik.
In
mehreren Briefen, Artikeln und Reden in der Zeit zwischen September 1927
und Juli 1930 ging Stalin ausführlich auf das bereits weiter oben erwähnte
Problem einer „Einheitssprache" in der Welt ein.15)
Er
ging zunächst von den konkreten Verhältnissen des Aufbaus des
Sozialismus in der UdSSR aus und erklärte, daß in der Sowjetunion
keine allgemein-menschliche Einheitssprache geschaffen werde. Selbst
nach einem Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab würden noch lange
nationale und staatliche Unterschiede bestehen. In der UdSSR sei die
nationale Unterdrückung verschwunden, aber die nationalen Unterschiede
seien nicht verschwunden, die Nationen haben nicht aufgehört zu
bestehen, und sie seien auch noch nicht miteinander verschmolzen, die
nationalen Sprachen nicht verschwunden. Er bezweifelte nach wie vor die
Theorie von der „allumfassenden Einheitssprache."16) Dafür sei
der Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab die Voraussetzung; doch davon könne
keine Rede sein. (1929 U.H.) Stalin meinte, daß Kautsky nicht begriffen
habe, „wie kolossal groß die Stabilität der Nationen" sei.17)
Von den bisherigen Erfahrungen in der UdSSR ausgehend erkannte Stalin,
daß damit noch nicht die Bedingungen für die Verschmelzung der
Nationen und nationalen Sprachen gegeben seien; im Gegenteil, eine
Wiedergeburt und ein Aufblühen der Nationen sei erkennbar.18)
Die
nationalen Sprachen verfügten über eine „außerordentliche Stabilität
und kolossale Widerstandskraft" gegen jedwede
Assimilierungspolitik.19) Stalin verwies noch auf die Erfahrungen der
„Assimilierungspolitik" der Türken, auf dem Balkan und die „Russifizierungs"-Politik
in Polen und Georgien, die gescheitert seien.
Erst
in einer zweiten Etappe, der Periode der „Weltdiktatur des
Proletariats", würde „sich eine Art gemeinsamer Sprache"
herauszubilden beginnen, um den Verkehr untereinander, die
wirtschaftliche, kulturelle und politische Zusammenarbeit zu
erleichtern. Aber auch in dieser zweiten Etappe würden die nationalen
Sprachen neben einer gemeinsamen internationalen Sprache existieren.
Stalin
erwähnte die (1929 bemerkenswerte U.H.) Möglichkeit, daß sich
„mehrere zonale Wirtschaftszentren für einzelne Gruppen von Nationen
mit einer besonderen, für jede Gruppe von Nationen gemeinsamen Sprache
und daß sich diese Zentren erst späterhin zu einem gemeinsamen
sozialistischen Wirtschaftszentrum mit einer für alle gemeinsamen
Sprache vereinigen werden."20) Zu betonen ist hier die Formulierung
von Stalin „Es ist möglich..."; d.h., die hier geäußerte Möglichkeit
trägt den Charakter einer wissenschaftlich begründeten Spekulation,
die auch andere Möglichkeiten offen läßt. Stalin nennt auch keine
Fristen für die Realisierung einer solchen Möglichkeit. Wichtig ist
noch sein Hinweis, den er im Schlußwort auf dem XVI. Parteitag der
KPdSU (B) äußerte, wonach diese „gemeinsame Sprache" in einer
„entfernteren Perspektive" weder das Großrussische noch das
Deutsche sein wird, sondern etwas Neues.21) Der Hinweis auf das Deutsche
war gegen die Theorie Kautskys gerichtet, der meinte, daß ein Sieg der
proletarischen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts in einem
vereinigten österreichisch-deutschen Staat zum Aufgehen der Nationen in
einer einheitlichen deutschen Nation mit einer deutschen Einheitssprache
und zur Germanisierung der Tschechen hätte führen müssen. Marx und
Engels sprachen während der Revolution 1848/49 den Tschechen die Fähigkeit
zur Nationsbildung ab.
Marx
und Engels vertraten in der Revolution zwar die „großdeutsche" Lösung
der nationalen Frage, verstanden dabei aber nur die Einbeziehung der
deutschsprachigen Teile Österreichs, allerdings unter Einschluß der
Tschechen. Die Entwicklung verlief bekanntlich anders: in der
„kleindeutschen" Lösung durch „Blut und Eisen", in der
„Revolution von oben" unter preußischer Hegemonie.
Unter
gänzlich anderen Bedingungen, des imperialistischen Weltsystems in den
90er Jahren des 20. Jahrhunderts, kam Samuel P. Huntington in seinem
umstrittenen Buch „The Clash of Civilisations..." zu ähnlichen
Erkenntnissen bezüglich der Sprachenfrage wie Stalin. Huntington
polemisierte gegen die These, wonach die Herausbildung einer
„universalen Zivilisation" Tendenzen zu einer „universalen
Sprache" erzeuge. Die universale Sprache sei nach dem Herausgeber
des „Wall Street Journal" die englische Sprache.22) Demgegenüber
weist Huntington nach, daß der Anteil der Englischsprechenden an der
Weltbevölkerung von 1958 bis 1992 von 9,8 % auf 7,6 % zurückgegangen
ist, während der Anteil der Sprecher anderer Sprachen an der Weltbevölkerung
im gleichen Zeitraum zugenommen habe; so Arabisch von 2,7 % auf 3,5 %‚
Bengali von 2,7 % auf 3,2 %‚ Hindu von 5,2 % auf 6,4 %‚ Spanisch von
5 % auf 6,1 %.23) Natürlich ging Huntington bei seinen Berechnungen
nicht von einer zukünftigen sozialistischen Weltgesellschaft aus.
Offenbar
ist die Frage nach dem zukünftigen Schicksal der Sprachen ein noch
ungelöstes Problem. Stalin gebührt das Verdienst, hierfür einen
wissenschaftlich begründeten Vorlauf geschaffen und die
marxistisch-leninistische Theorie bereichert zu haben.
Die
von Laqueur bemäkelten Artikel Stalins „Über den Marxismus in der
Sprachwissenschaft" aus dem Jahre 1950 bilden den Abschluß seiner
Arbeiten zum Sprachenproblem aus marxistisch-leninistischer Sicht.
Neben
dem Problem der Möglichkeit der Verschmelzung der Sprachen in einer
sehr weit entfernten Zukunft, in einer kommunistischen Weltwirtschaft,
zu dem sich Stalin in den weiter oben bereits reflektierten früheren
Arbeiten geäußert hat, sind es drei neue Fragen, die in der
sowjetischen Sprachwissenschaft diskutiert wurden, zu denen er sich ausführlich
äußerte: (1.) Ist die Sprache ein Teil des Überbaus? (2.) Trägt die
Sprache „Klassencharakter"? Gibt es eine Klassensprache? (3.) Über
Unterschiede in der Semantik.
Schon
aus den Themen wird deutlich, daß es sich hierbei primär um Fragen des
dialektischen und historischen Materialismus handelt und erst in zweiter
Linie Fragen der Sprachwissenschaft betrifft.
(1.)
Sprache als Teil des Überbaus? Stalin verneint diese These. Während
der Überbau von der ökonomischen Basis hervorgebracht werde und auf
diese zurück wirke, sei die Sprache nicht durch diese oder jene Basis
hervorgebracht worden, sondern durch den ganzen Gang der Geschichte. Sie
sei das „Produkt einer ganzen Reihe von Epochen". Basis und Überbau
entstünden und vergingen, die Sprachen blieben in ihren
Grundstrukturen, Wortschatz und Grammatik, erhalten, dienten allen
Klassen, wären gemeinsame Sprache des ganzen Volkes, trotz
Klassenspaltung und Klassenkampf.24)
Zwischen
Sprache und Produktionsinstrumenten gäbe es eine gewisse Analogie, da
beide klassenindifferent seien, verschiedenen Klassen dienen würden;
aber deswegen könne man die Sprache nicht zur Kategorie der
Produktionsinstrumente rechnen. Mit Produktionsinstrumenten werden
materielle Güter erzeugt, mit der Sprache einzig und allein Worte. Wenn
die Sprache materielle Güter erzeugen könnte, wären die Schwätzer
die reichsten Menschen in der Welt.25) Die Sprache sei unmittelbar mit
der Produktionstätigkeit der Menschen verbunden. Ändere sich diese, so
spiegele sich dies in der Sprache durch neue Worte, Termini, wider, ohne
die Grundstruktur der Sprache zu verändern.26)
(2.)
„Klassencharakter" der Sprache. Diese These sei falsch. Es gäbe
zwar „Klassen"dialekte, „Salon"sprachen der herrschenden
Oberschicht der Bourgeoisie bzw. des Feudaladels; im Gegensatz dazu eine
„Prole-tarier"sprache, „Bauern"sprache; aber solche
Erscheinungen dürften nicht mit der Nationalsprache verwechselt oder
gleichgestellt werden. Die genannten „Dialekte", „Jargons"
(Letzteres wäre die korrektere Bezeichnung) hätten weder eine eigene
grammatische Struktur noch einen eigenen grundlegenden Wortschatz. Diese
„Jargons" hätten nur einen sehr engen Anwendungsbereich unter
den Angehörigen dieser oder jener Klasse. Stalin unterschied jedoch
zwischen den „Klassen"dialekten, den „Klassen"jargons und
den lokalen (territorialen) Dialekten. Die letzteren „dienen den
Volksmassen und haben einen grammatikalischen Bau und einen eigenen
grundlegenden Wortschatz. Infolgedessen können einige lokale Dialekte
im Prozeß der Bildung von Nationen zur Grundlage von Nationalsprachen
werden und sich zu selbständigen Nationalsprachen entwickeln.
So
war es zum Beispiel in der russischen Sprache mit dem Kursker-Orjoler
Dialekt (der Kursker-Orjoler ‘Sprache’), der zur Grundlage der
russischen Nationalsprache wurde. Das gleiche muß man von dem
Poltawaer-Kiewer Dialekt der ukrainischen Sprache sagen, der zur
Grundlage der ukrainischen Nationalsprache wurde. Was die übrigen
Dialekte solcher Sprachen betrifft, so verlieren sie ihre Selbständigkeit,
gehen in diese Sprachen ein und verlieren sich in ihnen."26) Diese
Darstellung von Stalin wird von Laqueur als „schlichtweg
peinlich" empfunden27), wobei er eine Begründung für seine
„Kritik" schuldig bleibt.
Dieser
als „Beispiel" verwendete Hinweis Stalins auf den „Kursker-Orjoler
Dialekt" ist nicht falsch. Er stimmt im wesentlichen überein mit
dem damaligen Stand der sowjetischen Sprachwissenschaft. Der russische
Sprachwissenschaftler Grigorij Ossipowitsch Vinokur (1896 - 1947) erklärte,
„daß die Wissenschaft von der russischen Sprache eine ganz gründliche
und klare Antwort auf diese Frage (der Entstehung der russischen
Sprache. U.H.) bisher nicht zu geben vermag".27a) In seiner sehr gründlichen
Untersuchung der russischen territorialen Dialekte verwies er auf den
bedeutenden Einfluß der südrussischen Dialekte, darunter auf den von
Orjol/Kursk.27b) Nach der Konzeption des russischen Sprachforschers
Shachmatov, den Vinokur zitiert, waren die nördlichen und südlichen
(Kursk/Orjol) Mundarten, mit dem Streifen des mittelrussischen Mundart
dazwischen, „die Grundlage für die Entwicklung der heutigen
russischen (großrussischen) Sprache...". Als „grundlegende
Mundarten" bezeichnete Shachmatov die nördliche und südliche
(Kursk/Orjol).27c) Vinokur meinte jedoch, daß in „dieser Konzeption
Shachmatovs... vieles auf kühnen und durchaus nicht augenscheinlichen
Vermutungen" beruhe. 27d)
Auch
der von Stalin erwähnte Poltawaer-Kiewer Dialekt als Grundlage der
ukrainischen Sprache erweist sich als sachlich richtig. Darauf verweist
der in der DDR und BRD bekannte Slawist Reinhold Trautmann, der sich,
neben anderen russischen Sprachwissenschaftlern, ebenfalls auf
Shach-matov stützt, der „die Sprache der Stadt Kijev" als „die
Grundlage in unserer Zeit" bezeichnete. Nach „ihren
linguistischen Grundlagen war die Sprache Kijevs die Sprache des südrussischen
Stammes der Poljanen...".27e)
In
Übereinstimmung mit Vinokur und Shachmatov weist Trautmann ebenfalls
auf die Bedeutung des Kursker-Oreler Dialekts für die südgroßrussischen
Dialekte und diese wiederum für das großrussische Sprachgebiet
hin.27f)
Die
Hinweise von Stalin auf die Kreuzung von Dialekten, dem Entstehen und
Absterben von Sprachen in seinen Artikeln sind sachlich richtig und
beweisen, daß er auf der Höhe der sowjetrussischen Sprachwissenschaft
seiner Zeit stand. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß er auch die
Arbeiten von Vinokur und Shachmatov kannte. Das einzige, was man an
seiner Arbeit kritisieren kann, ist, daß er mit dem Beispiel des
Kursker-Orjoler Dialekts eine starke Vereinfachung vorgenommen und keine
Fußnote gesetzt hat. Letzteres ist jedoch in Zeitungsartikeln auch
nicht die Regel.
Stalin
kritisierte die Auffassungen einiger Genossen, wonach die
Interessengegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der
Klassenkampf zwischen ihnen, zum Zerfall der Gesellschaft, zum Abbruch
jedweder Beziehung zwischen den feindlichen Klassen führen würde, es
also somit keine „einheitliche Gesellschaft" und auch keine
„einheitliche Sprache", „keine Nationalsprache" mehr nötig
sei. Es blieben nur „Klassen" und „Klassensprachen" übrig.
Demnach, so Stalin, gäbe es eine „bürgerliche" und
„proletarische" Grammatik? Solange Kapitalismus existiere, seien
Bourgeoisie und Proletariat als „Teile der einheitlichen
kapitalistischen Gesellschaft durch alle Fäden der Wirtschaft
miteinander verbunden...". Der Abbruch jedweder wirtschaftlichen
Beziehung zwischen Lohnarbeit und Kapital würde zur Einstellung
jedweder Produktion, zum Untergang der Gesellschaft, der Klassen selbst,
führen.
Man
dürfe Sprache nicht mit Kultur verwechseln. Es gäbe zwar eine bürgerliche
und eine sozialistische Kultur, aber die Sprache als Mittel des Verkehrs
des gesamten Volkes könne sowohl der bürgerlichen als auch der
sozialistischen Kultur dienen.
Während
sich die Kultur ihrem Inhalt nach verändere, bliebe die Sprache über
mehrere Zeitperioden die gleiche.28) Es gäbe auch weder einen „plötzlichen"
Tod noch einen „plötzlichen" Aufbau einer neuen Sprache. Stalin
hielt auch die These von Lafargue für falsch, der meinte, daß die Große
Französische Revolution zu einer „Sprachrevolution" geführt
habe. (Lafargue: Die französische Sprache vor und nach der französischen
Revolution). Der Wortbestand der französischen Sprache sei in dieser
Periode mit neuen Ausdrücken, Wörtern ergänzt worden, eine Anzahl
veralteter Wörter seien in Fortfall gekommen und die Bedeutung wieder
anderer Wörter habe sich verändert. Aber grammatischer Bau und
grundlegender Wortschatz seien in der Revolutionsperiode nicht
verschwunden, sondern ohne wesentliche Veränderungen erhalten
geblieben.
Der
Übergang der Sprache von einer alten zu einer neuen Qualität vollzöge
sich nicht durch eine Explosion, durch Vernichtung der bestehenden und
Schaffung einer neuen Sprache, sondern durch allmähliche Ansammlung von
Elementen einer neuen Qualität, folglich durch ein allmähliches
Absterben der Elemente der alten Qualität.
In
der Geschichte gäbe es auch zahlreiche Fälle von Sprachkreuzungen.
Auch solche Sprachkreuzungen erfolgten nicht durch Explosionen. Sie
seien ein langwieriger Prozeß, der Jahrhunderte währte. Gewöhnlich
ginge bei einer Kreuzung die eine Sprache als Sieger hervor, bewahre
ihren grammatikalischen Bau, ihren grundlegenden Wortschatz und
entwickele sich nach den innewohnenden Gesetzmäßigkeiten weiter, während
die andere Sprache allmählich absterbe. Aus der Kreuzung ergebe sich
keine neue, dritte Sprache, sondern sie läßt eine der Sprachen
bestehen. Allerdings erfolge eine gewisse Bereicherung der
„siegreichen" Sprache auf Kosten der „besiegten".29)
(3.)
Unterschiede in der Semantik. Den Kern dieses Abschnitts bildet die
Auseinandersetzung mit Auffassungen des sowjetischen
Sprachwissenschaftlers N.J. Marr, nach denen das Denken von der Sprache
zu trennen sei, der Verkehr der Menschen auch ohne Sprache. mit Hilfe
des Denkens erfolgen könne.30) Diese Auffassungen bezeichnete Stalin
als falsch. „Welche Gedanken im Kopf des Menschen auch immer entstehen
mögen, sie können nur auf der Grundlage der sprachlichen Termini und Sätze
entstehen und existieren. Gedanken, frei von sprachlichem Material, frei
von der sprachlichen ‘natürlichen Materie’, gibt es nicht. ‘Die
Sprache ist die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens’ (Marx).31)
Die Realität des Gedankens offenbart sich in der Sprache. Nur
Idealisten können ... von einem Denken ohne Sprache sprechen".32)
Stalin
konnte sich in seiner Argumentation auf die einschlägige Passage aus
der „Deutschen Ideologie", „Sankt Max", stützen.33)
Ideen,
Vorstellungen, Sitten und Sittenprinzipien tragen Klassencharakter, der
sich auf die semantische Seite der Sprache - manchmal auch auf ihre Form
und ihren Wortbestand - auswirkte. „... die Klassen beeinflussen die
Sprache, sie tragen in die Sprache ihre spezifischen Wörter und Ausdrücke
hinein, und zuweilen verstehen sie die gleichen Wörter und Ausdrücke
verschieden."34) Daraus folge jedoch nicht, „daß die
spezifischen Wörter und Ausdrücke, ebenso wie die Verschiedenheit in
der Semantik, ernsthafte Bedeutung für die Entwicklung einer
einheitlichen Sprache des gesamten Volkes haben können, daß sie deren
Bedeutung abzuschwächen oder ihren Charakter zu verändern vermögen."35)
Sie seien so selten, daß sie kaum ein Prozent des gesamten sprachlichen
Materials ausmachen. Diese „spezifischen Wörter und Ausdrücke, die
eine klassenmäßige Nuancierung besitzen", werden „in der Rede
nicht nach den Regeln irgendeiner ‘Klassen’grammatik, die es in der
Wirklichkeit nicht gibt, sondern nach den Regeln der Grammatik der
bestehenden Sprache des gesamten Volkes verwendet."36)
Folgt
man dem Kontext dieser Artikelserie von Stalin, dann wird klar, warum er
sie geschrieben hat. Es ging ihm nicht, wie Laqueur bösartig
unterstellt, um seinen „Ehrgeiz" zu befriedigen, als
„Theoretiker neben Marx und Lenin in die Geschichte einzugehen" -
solche Allüren hatte Stalin nicht nötig - sondern um die Bekämpfung
von Erscheinungen der Aufweichung, der Relativierung der marxistischen
Theorie, gegen Erscheinungen des Formalismus in der sowjetischen
Sprachwissenschaft bei einigen Linguisten. Daraus erklärt sich auch die
teilweise Schärfe der Polemik, vor allem gegen Positionen des
philosophischen Idealismus, wie sie in einigen Arbeiten von N.J. Marr
vertreten wurden. Stalin hatte ein sehr feines Gespür für linke und
rechte Abweichungen vom Marxismus-Leninismus und hatte die Gefahren, die
für die Sowjetunion daraus erwachsen konnten, wenn man sie nicht
entschieden bekämpft, erkannt. Mögen einige Formulierungen in seiner
Artikelserie überzogen sein, in ihrer Grundtendenz waren sie richtig
und ein Beitrag zur Entwicklung sowohl zur marxistisch-leninistischen
Theorie als auch zur sowjetischen Sprachwissenschaft.
Ulrich
Huar, Berlin |