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Friedrich
Engels:
Was
Marx entdeckte
(Auszug
aus dem 1878 veröffentlichten Artikel von Friedrich
Engels „Karl Marx“)
Quelle: Kommunistische
Initiative Österreich vom 02.04.2006, 03:21
Von
den vielen wichtigen Entdeckungen, mit denen Marx seinen Namen in die
Geschichte der Wissenschaft eingeschrieben hat, können wir hier nur
zwei hervorheben ...
Marx
wies nach, dass die ganze bisherige Geschichte eine Geschichte von
Klassenkämpfen ist, dass es sich in all den vielfachen und verwickelten
politischen Kämpfen nur um die gesellschaftliche und politische
Herrschaft von Gesellschaftsklassen handelt, um die Behauptung der
Herrschaft seitens älterer, um die Erringung der Herrschaft seitens neu
emporkommender Klassen. Wodurch aber entstehen und bestehen wieder diese
Klassen? Durch die jedesmaligen materiellen, grob sinnlichen
Bedingungen, unter denen die Gesellschaft zu einer gegebenen Zeit ihren
Lebensunterhalt produziert und austauscht ...
Von
diesem Gesichtspunkt aus erklären sich alle geschichtlichen
Erscheinungen - bei genügender Kenntnis der jedesmaligen ökonomischen
Gesellschaftslage, die freilich unseren Geschichtsschreibern von Fach
total abgeht - auf das einfachste, und ebenso erklären sich höchst
einfach die Vorstellungen und Ideen einer jeden Geschichtsperiode aus
den wirtschaftlichen Lebensbedingungen und den, von diesen wieder
bedingten, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen dieser
Periode. Die Geschichte war zum ersten Male auf ihre wirkliche Grundlage
gestellt; die handgreifliche, aber bisher total übersehene Tatsache,
dass die Menschen vor allem essen, trinken, wohnen und sich kleiden,
also arbeiten müssen, ehe sie um die Herrschaft streiten, Politik,
Religion, Philosophie usw. treiben können - diese handgreifliche
Tatsache kam jetzt endlich zu ihrem geschichtlichen Recht.
Die
zweite wichtige Entdeckung von Marx ist die endliche Aufklärung des
Verhältnisses von Kapital und Arbeit, in anderen Worten: der Nachweis,
wie innerhalb der jetzigen Gesellschaft, in der bestehenden
kapitalistischen Produktionsweise, die Ausbeutung des Arbeiters durch
die Kapitalisten sich vollzieht. Seitdem die politische Ökonomie den
Satz aufgestellt hatte, dass die Arbeit die Quelle alles Reichtums und
alles Wertes sei, war die Frage unvermeidlich geworden, wie es denn
damit vereinbar sei, dass der Lohnarbeiter nicht die ganze durch seine
Arbeit erzeugte Wertsumme erhalte, sondern einen Teil davon an den
Kapitalisten abgeben müsse? Sowohl die bürgerlichen Ökonomen wie die
Sozialisten mühten sich ab, auf die Frage eine wissenschaftlich
stichhaltige Antwort zu geben, aber vergebens, bis endlich Marx mit der
Lösung hervortrat. Diese Lösung ist die Folgende:
Die
kapitalistische Produktionsweise hat zur Voraussetzung das Dasein zweier
Gesellschaftsklassen: einerseits der Kapitalisten, die sich im Besitze
der Produktions- und Lebensmittel befinden, und andererseits der
Proletarier, die von diesem Besitz ausgeschlossen, nur eine einzige Ware
zu verkaufen haben: ihre Arbeitskraft; und die diese ihre Arbeitskraft
daher verkaufen müssen, um in den Besitz von Lebensmitteln zu gelangen.
Der Wert einer Ware wird aber bestimmt durch die in ihrer Erzeugung,
also auch in ihrer Wiedererzeugung verkörperte gesellschaftlich
notwendige Arbeitsmenge, der Wert der Arbeitskraft eines
durchschnittlichen Menschen während eines Tages, Monats, Jahres also
durch die Menge von Arbeit, die in der zur Erhaltung dieser Arbeitskraft
während eines Tages, Monats, Jahres notwendigen Menge von Lebensmitteln
verkörpert ist. Nehmen wir an, die Lebensmittel des Arbeiters für
einen Tag erforderten 6 Arbeitsstunden zu ihrer Erzeugung, oder, was
dasselbe ist, die in ihnen enthaltene Arbeit repräsentiere eine
Arbeitsmenge von 6 Stunden; dann wird der Wert der Arbeitskraft für
einen Tag sich ausdrücken in einer Geldsumme, die ebenfalls 6
Arbeitsstunden in sich verkörpert. Nehmen wir ferner an, der
Kapitalist, der unseren Arbeiter beschäftigt, zahle ihm dafür diese
Summe, also den vollen Wert seiner Arbeitskraft. Wenn nun der Arbeiter 6
Stunden des Tages für den Kapitalisten arbeitet, so hat er diesem seine
Auslagen vollständig wieder ersetzt - 6 Stunden Arbeit für 6 Stunden
Arbeit. Dabei fiele freilich nichts ab für den Kapitalisten, und dieser
fasst deshalb auch die Sache ganz anders auf: Ich habe, sagt er, die
Arbeitskraft dieses Arbeiters nicht für 6 Stunden, sondern für einen
ganzen Tag gekauft, und demgemäß lässt er den Arbeiter, je nach Umständen,
8, 10, 12, 14 und mehr Stunden arbeiten, sodass das Produkt der 7., 8.
und folgenden Stunden ein Produkt unbezahlter Arbeit ist und zunächst
in die Tasche des Kapitalisten wandert. So erzeugt der Arbeiter im
Dienste des Kapitalisten nicht nur den Wert seiner Arbeitskraft wieder,
den er bezahlt erhält, sondern er erzeugt auch darüber hinaus einen
Mehrwert, der, zunächst vom Kapitalisten angeeignet, im weiteren
Verlaufe nach bestimmten ökonomischen Gesetzen auf die gesamte
Kapitalistenklasse sich verteilt und den Grundstock bildet, aus dem
Bodenrente, Profit, Kapitalanhäufung, kurz, alle von den nicht
arbeitenden Klassen verzehrten oder aufgehäuften Reichtümer
entspringen.
Hiermit
war aber nachgewiesen, dass die Reichtumserwerbung der heutigen
Kapitalisten ebenso gut in der Aneignung von fremder, unbezahlter Arbeit
besteht, wie die der Sklavenbesitzer oder der die Fronarbeit
ausbeutenden Feudalherren, und dass sich alle diese Formen der
Ausbeutung nur unterscheiden durch die verschiedene Art und Weise, in
der die unbezahlte Arbeit angeeignet wird. Damit war aber auch allen
heuchlerischen Redensarten der besitzenden Klassen, als herrsche in der
jetzigen Gesellschaftsordnung Recht und Gerechtigkeit, Gleichheit der
Rechte und Pflichten und allgemeine Harmonie der Interessen, der letzte
Boden unter den Füßen weggezogen, und die heutige bürgerliche
Gesellschaft nicht minder als ihre Vorgängerinnen enthüllt als eine
großartige Anstalt zur Ausbeutung der ungeheuren Mehrzahl des Volkes
durch eine geringe und immer kleiner werdende Minderzahl.
Auf
diese beiden wichtigen Tatsachen gründet sich der moderne
wissenschaftliche Sozialismus. |